Den Schicksalstag an der Porta Claudia hat der Mittenwalder Benefiziat Mathias Noder (1743 bis 1811) mit diesem Ölgemälde verewigt. Es ist im Besitz der Marktgemeinde und im Geigenbaumuseum zu sehen. 
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Den Schicksalstag an der Porta Claudia hat der Mittenwalder Benefiziat Mathias Noder (1743 bis 1811) mit diesem Ölgemälde verewigt. Es ist im Besitz der Marktgemeinde und im Geigenbaumuseum zu sehen. 

Grainaue

Mittenwald: Gefundene Protokolle werfen neues Licht auf die Schlacht um die Porta Claudia

  • Josef Hornsteiner
    vonJosef Hornsteiner
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Sie galt als uneinnehmbar – bis drei Isartaler Förster im Jahr 1805 einen kleinen unwegsamen Gebirgssteig nutzten, um die Festung Porta Claudia zu Fall zu bringen. Der Grainauer Peter Schwarz ist in Forstakten zufällig auf das Protokoll des Trios gestoßen. Die Isartaler schrieben detailliert nieder, wie sie 2500 Soldaten über jenen berüchtigten Pass führten, der heute als Franzosensteig bekannt ist.

Mittenwald/Scharnitz/Leutasch – Gewehrsalven und Kanonendonner lassen den Boden zittern. Zölestin Wurmer hört den Kampflärm deutlich. Das Gebrüll der Soldaten. Die Schüsse. Die Schlacht um die Festung Porta Claudia bei Scharnitz hat begonnen. Der Förster bleibt ruhig. Geht konzentriert Schritt für Schritt den kleinen Gebirgssteig entlang. Wurmer hat einen anderen Auftrag. Er ist an der Spitze einer Kolonne. 2500 französische Soldaten folgen dem Mittenwalder mit Trommeln und Flöten. Der Pfad ist mit Steinen durchsetzt und teils nur 30 Zentimeter breit. Frischer Schnee liegt auf ihm. Doch das Alpl auf 1450 Höhenmeter westlich des Mittenwalder Grünkopfs ist nicht mehr weit.

215 Jahre später sitzt Peter Schwarz am Schreibtisch. Der Grainauer blättert Seite für Seite um. Das Protokoll in seinen Händen ist eine historische Schatzkiste. Es beschreibt bis ins kleinste Detail, was an jenem 4. November 1805 in Mittenwald geschah. Als die Albträume der Tiroler real wurden und ihre Grenzfestung Porta Claudia zwischen Scharnitz und Mittenwald fiel. Aus seiner Entdeckung hat Schwarz einen Aufsatz in dem neuen heimatkundlichen „Isar-Lech-Buch“ geschrieben. Eigentlich interessiert sich der Grainauer für die Technik des Bergbaus. Als er eines Tages im Zuge einer Recherche Forst-akten studiert, stolpert er zufällig über das Zeitzeugnis der drei Förster. Lange hat er geforscht. Ist oft den Franzosensteig abgegangen.

Die letzten Überreste der Leutascher Schanze sind nur spärlich. Nach dem Krieg wurde sie ein Steinbruch.

Der Erlebnisbericht der Mittenwalder Förster Zölestin und sein Bruder Anton Wurmer sowie des Krüners Johann Triesberger bringen Licht ins Dunkel. Oft ist spekuliert worden, was an jenem geschichtsträchtigen Tag geschah, als die drei die französischen Truppen über den heute als Franzosensteig bekannten Gebirgspfad führten. Die Folgen waren gravierend: Der Angriff zwang die Österreicher während des zweiten Napoleonischen Krieges in die Knie. Er führte zur Besatzung Tirols, aus dem vier Jahre später der blutige Bauernaufstand des bis heute verehrten Tiroler Volkshelden Andreas Hofer entbrannt ist. All das nahm an jenem Morgen des 4. Novembers 1805 in Mittenwald seinen Lauf.

Wurmer steht kurz vor dem Alpl. Es fallen Schüsse. Auf dem Grünkopf eröffnen Tiroler Gebirgsschützen sofort das Feuer. Sie sind deutlich unterlegen. Nur 24 Infanteristen und 14 Landmilizen schützen den Pass. Oberstleutnant Robert von Swinburne, Verteidiger der Festung Scharnitz, rechnet nicht damit, dass der Feind ausgerechnet hier zuschlägt. Dass er über den schmalen gefährlichen Bergpass am Grünkopf kommt. Vor allem nicht in dieser Überzahl.

Peter Schwarz hat intensiv recherchiert.

Die Franzosen treiben die wenigen Soldaten vor sich her. Am Fuß des Alplsteiges in der Unteren Leutasch empfangen die völlig überraschten Tiroler die feindlichen Truppen mit Kartätschen-Schüssen. Soldaten sacken leblos zusammen. Die Luft stinkt nach Schießpulver. Die Franzosen stürmen die Schanze. Zehn Franzosen fallen, vierzehn sterben auf Österreichischer Seite. Die Tiroler kapitulieren um Schlag 15 Uhr. Über 600 Kriegsgefangene werden in der Mittenwalder Pfarrkirche eingepfercht und teils übel zugerichtet. Gegen 2 Uhr nachts erreichen die französischen Truppen Seefeld. Nach einem einstündigen Feuergefecht stürmen sie das Dorf samt Kloster.

Für Wurmer und seine Mittenwalder Förster-Kollegen ist der Einsatz nicht ungefährlich. Im Dunkeln erkennen sie manche Franzosen nicht. Sehen nur die Mittenwalder Tracht, die der Tirolerischen sehr gleicht. Sie werden für den Feind gehalten und beschimpft. Soldaten malträtieren Anton Wurmer mit Kolbenschlägen und nehmen ihn Gefangen. Erst ein französischer Offizier erkennt und befreit ihn. Der Franzose erklärt ihm, die Porta Claudia ist gefallen. Tirol steht den Franzosen offen. Noch am selben Tag überrennen die Truppen die Landeshauptstadt Innsbruck.

An die Gefallenen erinnert diese Kapelle in Leutasch.

Bis heute erinnern nicht nur die steinernen Überreste der Porta Claudia an jenen blutigen Kampf, der Tirols Schicksal besiegelte. Im Leutascher Ortsteil Unterkirchen ist eine Kapelle zum Gedenken an die Gefallenen errichtet worden. In Scharnitz steht eine Marmor-Stele am Ortseingang, wo einst die Mauer der Schanze war. Ein Ölgemälde des Mittenwalder Benefiziats Mathias Noder (1743 bis 1811), das kurz nach der Schlacht angefertigt wurde, ist bis heute noch wertvoll für Historiker wie Peter Schwarz.

ISAR-LECH-JAHRBUCH

Die gesamte Geschichte über die Einnahme der Porta Claudia von Peter Schwarz ist im Isar-Lech-Jahrbuch des gleichnamigen Heimatverbandes nachzulesen. Das Buch kann auf der Homepage www.lech-isar-land-heimatverband.de bestellt werden.

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