Leben und lieben ihren Gletscherschliff: Maria und Heini Nessizius blicken auf hunderte schöne Veranstaltungen zurück. Nun ist Schluss für die beiden.
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Leben und lieben ihren Gletscherschliff: Maria und Heini Nessizius blicken auf hunderte schöne Veranstaltungen zurück. Nun ist Schluss für die beiden.

Fünfte Generation steht in den Startlöchern

Nach 50 Jahren: Pächterwechsel in beliebtem Berggasthof - „Richtiger Zeitpunkt, um aufzuhören“

  • Josef Hornsteiner
    vonJosef Hornsteiner
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Heini und Maria Nessizius übergeben ihren Berggasthof Gletscherschliff in Mittenwald an die mittlerweile fünfte Generation weiter. Schon vor der Corona-Krise war dieser Schritt geplant.

Mittenwald – Eigentlich war Ostern immer eine anstrengende Zeit für Heini und Maria Nessizius. Dann mussten sie Biervorräte aufstocken, den Schweinsbraten würzen, festlich den Tisch decken und aufstuhlen im Tanzsaal. Es war einiges los für die Eigentümer des Berggasthofs Gletscherschliff. Der Tanz am Ostermontag: ein Höhepunkt für die Einheimischen. Ihre Treue über Jahre und Jahrzehnte hinweg schätzen die Wirte.

Corona in Mittenwald: Ruhige Zeiten für Berggasthof Gletscherschliff - Pächter hören auf

Doch seit zwei Jahren ist es ruhig. Besonders jetzt: Kein Geschirr klappert. Kein Gast sitzt auf der Terrasse, obwohl die Sonne scheint. Stattdessen flattert ein Absperrband im lauen Wind. Seit dem 25. Oktober hat das Traditionsgasthaus geschlossen. Corona läutet eine Zeitenwende am Gasthaus Gletscherschliff ein – Heini und Maria Nessizius geben das beliebte Ausflugslokal an die nächste Generation weiter. „Wir haben das schon länger geplant“, erklärt Maria Nessizius. „Noch vor Corona.“ Doch ist die Pandemie und ihre Folgen „der richtige Zeitpunkt, um aufzuhören“.

Idyllische Einöde: die Almwirtschaft im Jahr 1930.

Nun überlegt die bereits fünfte Generation, Tochter Martina und Schwiegertochter Daniela, wie es weitergehen kann. Wann genau sie wieder öffnen dürfen, hängt von den Pandemie-bedingten Bestimmungen ab. „Sofern es die Situation wieder zulässt“, sagt Heini Nessizius. Mit ihm und Ehefrau Maria geht nun die bereits vierte Generation am Gletscherschliff in den Ruhestand – oder besser gesagt Vorruhestand. „Natürlich unterstützen wir die Kinder, wo es nur geht.“ Nur wollen beide unter anderem aus gesundheitlichen Gründen ruhiger treten.

Gletscherschliff in Mittenwald: Pächter nutzen Corona-Zwangspause um alte Zeit Revue passieren zu lassen

Die beiden nutzten die Corona-Zwangspause, um in alten Fotoalben zu stöbern und ihre Zeit noch einmal Revue passieren zu lassen. Die unzähligen Tanzveranstaltungen bleiben unvergessen. Die Hüttenabende. Sogar Rockkonzerte gab es mit der Mittenwalder Band Cavemen, das sogenannte „Rock am Schliff“. Schottische Dudelsackspieler waren bei ihnen. Einmal spielte sogar ein Inder mit einer „Sitar“, ein Instrument aus Kürbis. „Es war eine so schöne und lustige Zeit.“

Doch die Geschichte des Berggasthofs geht noch wesentlich weiter zurück. Bert Poller hat der Familie zur Feier des 70. Jubiläums im Jahr 2000 alte Bilder bearbeitet und in DIN-A3-Format ausgedruckt. Das erste Foto stammt von 1930, dem Jahr der Eröffnung. Heinis Uropa Martin Bartl hatte bereits nach seiner Kriegsrückkehr 1918 die Vision, aus ihrem Wiesmahd ein Gasthaus mit Beherbergungsbetrieb zu machen.

Mittenwald: Berggasthof wurde 1930 als Almwirtschaft errichtet

1929 begann er mit Sohn Franz – Heinis Opa – mit dem Bau der Almwirtschaft. Das Elternhaus im Gries verkaufte Bartl, um an Geld für den Neubau oberhalb der Leutascher Klamm zu kommen. „Was magst denn da oben bitte?“, sollen ihn viele Mittenwalder gefragt haben. Nur wenige verstanden, welch großes Potenzial in dem Vorhaben steckt. Doch Bartl bewies Gespür für den aufkommenden Alpentourismus zu jener Zeit.

Mit viel Prominenz 1930 zum Naturdenkmal ernannt worden: (einige Namen sind nicht mehr bekannt, v.l.) Schaipp, Nemeyer, Franz Bartl, Kriner (Isarlust), Murr, Dekan Johann Baptist Karl, Prof. Georg Schreyögg mit Frau, Prof. Albrecht Penck, Adolf Baader und Hans Nebel. Gruppe rechts: (v.l.) Josef Merk, Nebel, Martin Bartl, Strobl (Lehrer), Luisa Murr, Ludwig Murr, August Horn, Lisl Murr, Franz Tiefenbrunner, Murr, Ebenhöch (Hotel Post), Paul Krätz, Ebenhöch.

Pferdegespanne brachten das Material nach oben. Bereits 1930 stand das Haus, bot Platz für Gäste in einer kleinen Stube und auf der Terrasse. Da damals noch zur Gänze ausgeholzt war, reichte der Ausblick bis nach Scharnitz. Deshalb hätte der ursprüngliche Name der Gaststätte „Zur schönen Aussicht“ sein sollen. Bis dem Geologen Professor Albrecht Penck – nach ihm ist eine Mittenwalder Straße benannt – bei den Bauarbeiten ein Sensationsfund glückte: Der Schwiegersohn des bayerischen Schriftstellers Ludwig Ganghofer entdeckte vor Ort den Gletscherschliff – eine Schleifwirkung durch das Eis des Gletschers. Ein Naturdenkmal. Der Berggasthof trägt seither seinen Namen.

1945 besetzten amerikanische Truppen den Gletscherschliff

Der Ansturm war von Beginn an so groß, dass die Bartls bereits 1936 erweitern mussten – pünktlich zu den Olympischen Winterspielen. Die „Schliff-Schanze“ unterhalb lockte viele Skispringer ins Isartal. Deshalb baute die Familie einen weiteren Saal an das Bestandsgebäude an.

Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs musste auch Franz Bartl in die Wehrmacht einrücken, wurde verletzt und kehrte erst nach Kriegsende aus russischer Gefangenschaft zurück. 1945 besetzten amerikanische Truppen das Gasthaus und die Fremdenzimmer. Nessizius Oma Rosa erzählte noch lange, wie froh sie darüber waren. Dadurch war das Haus vor etwaigen Bombardements sicher.

Herausforderung für neue Pächter: „Gast hat sich über die Jahrzehnte verändert“

Dann begann die Blütezeit. Heini und Traudl Nessizius übernahmen 1961 die Wirtschaft von den Eltern Rosa und Franz Bartl. 1975 investierten sie in einen weiteren Anbau. Heini Nessizius, Jahrgang 1957 und gelernter Automechaniker, arbeitete nach seiner Zeit bei der Bundeswehr ab 1976 in der Küche. Dort lernte er seine Maria kennen. Die Bürokauffrau half an Sonntagen als Bedienung aus. In der Freizeit spielten beide leidenschaftlich gerne Tischtennis. 1983 heirateten sie und übernahmen 1993 den Familienbetrieb – im wahrsten Sinne des Wortes. Vier Generationen gleichzeitig lebten nun auf dem Anwesen. Um Platz zu schaffen, stellte die Familie die Vermietung von Fremdenzimmern an Gäste ein.

Jetzt ist die fünfte Generation am Zug. Eine Herausforderung. „Der Gast hat sich über die Jahrzehnte verändert“, sagt Nessizius. Ein stückweit ist die Gemütlichkeit verloren gegangen. Saßen Gäste einst noch bis Sonnenuntergang und manchmal darüber hinaus bei ihnen, ist die Mentalität schnelllebiger geworden. „Alle sind permanent auf dem Sprung.“ Dennoch bleiben sie Wirte aus Leidenschaft.

Einem nächtlichen Großeinsatz gab es kürzlich für die Bergwacht Oberau. Zwei Bergwanderer verstiegen sich im tiefen Schnee. Die Rettung der beiden gestaltete sich als schwierig. Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s jetzt auch in unserem neuen, regelmäßigen GAP-Newsletter.

(Von Josef Hornsteiner)

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