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Jetzt wird‘s gespenstisch: Der Schnabler und seine Gesellen sind im Anmarsch.

Mystisches Mittenwald

Bozner Markt: Der Schnabler und die Pest

Die einen sagen zu ihm Doktor Abraxas, die anderen Schnabler. Jedenfalls zählt der mysteriöse Geselle mit der Maske zu den düsteren Gestalten beim Bozner Markt. Wird es dunkel in Mittenwald, zieht der furchteinflößende Mann mit einer nicht minder gruseligen Schar zum Pestfeuer.

Mittenwald – Wenn es Nacht wird in Mittenwald und dumpf die Trommeln der Landsknechte schlagen, dann hat sich der Schnabler längst auf den Weg gemacht. Hinter ihm schlurfen röchelnd und hustend einige traurige Gestalten, von der Pest gezeichnet – mehr tot als lebendig. Im Lichterschein der Fackeln bahnen sich die finsteren Gestalten ihren Weg durch die staunende und schweigende Menge, die respektvoll zurückweicht. Es folgt das Entzünden des Pestfeuers am anderen Ende des Markts – dramatischer geht’s nicht. Gleichzeitig das Signal für den Nachtwächter (Hans Neuner) langsam aufzubrechen. „Das hat schon was mystisches“, findet Hermann Baier vom Organisationskomitee.

Aus dem täglichen Drehbuch ist Doktor Abraxas, wie der Schnabler von einigen spaßeshalber auch genannt wird, nicht mehr wegzudenken. Doch die Figur des furchteinflößenden Hünen gibt es erst – man es kaum glauben – seit der sechsten Marktwoche im Jahr 2007.

Mixtur sollte vor Ansteckung schützen

Wie so oft entstand die Idee dazu in weinseliger Runde. Federführend war Stephan Pfeffer, der langjährige Künstlerische Leiter des Historienspektakels. Der „Jakl“ fand mit Baier schnell einen Mitstreiter. „Geschichtlich ist das Ganze nicht so fundiert“, räumt das OK-Mitglied ein. Dafür hat es aber eine unglaublich theatralische Note.

Und dass der Schwarze Tod auch in Mittenwald wütete, ist historisch verbrieft. In jenen Tagen soll auch ein Mann mit Maske seine Runden gezogen haben. Mediziner, Dorfbader, Totengräber – wahrscheinlich wäre er von allem etwas. In seiner schnabelförmigen Maske fand sich eine Art Kräutersud. Diese Mixtur sollte ihn wohl vor Ansteckung schützen. Denn der Schnabler hatte die Aufgabe, die Pestopfer aus ihren Häusern zu holen.

Wer steckt hinter der Maske?

Schnabler ohne Maske: Georg Simon.

Historisch betrachtet, einfach nur schrecklich, mit den Augen des Dramaturgen gesehen, eine Steilvorlage für eine effektvolle Inszenierung. Erstmals in Mittenwald 2007 umgesetzt. Die dankbare Aufgabe, „Doktor Abraxas“ und seinen Begleitern Leben einzuflößen, kommt den Landsknechten des Historischen Spielmannszug zu. Als erster Schnabler marschierte der heutige Vereinsvorsitzende Johann Maller („Zweckl“) zum Pestfeuer. 2012 schlüpfte Andreas Sailer in die Rolle des Maskierten. Und wer ist es diesmal?

Sein Name lautet Georg Simon. Vor einigen Wochen wurde der 20-jährige Schorschi von seinem Landsknecht-Kameraden Baier gefragt, ob er sich diesen Part zutraue. Der Automechaniker musste nicht lange überlegen. „Das ist doch eine Ehre.“ Reden muss der Schnabler ohnehin nicht, nur groß muss er sein. Ein Kriterium, das Simon mit seinen 1,90 Meter locker erfüllt.

Dämmert’s langsam, verzieht sich der junge Bursch in die Garage von Hans Heigl nahe der TSV-Halle. Dort wirft sich Doktor Abraxas in Schale. Über das Gries geht’s dann zum Treffpunkt: der Prangerbühne an der Pfarrkirche. Um exakt 21.30 Uhr marschieren der Schnabler – mit ganz kleinen Schritten –, vier Pestopfer beziehungsweise Landsknechte samt Fackeln, zwei Trommler und natürlich der Nachtwächter hinunter zum Südende des Obermarkts. Brennt das Pestfeuer, fachgerecht entzündet von Experten der hiesigen Wehr – ist Feierabend für Doktor Abraxas und Co.

Christof Schnürer

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