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Mittelalter in Mittenwald: In prächtigen Gewändern gekleidet, ziehen die Teilnehmer von Süden in den Ort. 

Vorläufer des Bozner Markts 

Das vergessene Mittenwalder Volksfest

Ist von der Wiederbelebung des Bozner Markts die Rede, denkt jeder Mittenwalder zunächst an das Jahr 1987. Doch was viele nicht wissen: Die eigentliche Premiere fand viel früher statt – und zwar 1924.

Mittenwald Trotz der stressigen Vorbereitungszeit hat sich Hanna Veit die Zeit genommen, um eine großartige Recherche-Arbeit zu leisten. Uralte Fotos hat die Bürgermeister-Sekretärin gesichtet, historische Dokumente, Fachbücher und Chroniken durchstöbert. Und siehe da: Die Suche hat sich gelohnt. Denn neben zahlreichen Bildern aus dem Gemeindearchiv und aus Privatbesitz zeigt die Ausgabe vom „Mittenwalder Fremdenblatt“ vom 16. Juli 1924 ein Programm, das Staunen lässt. Angepriesen wird dort ein „Mittenwalder Volksfest vom 18. bis 20. Juli 1924“.

Der Redakteur, ein gewisser Arth. H. Rudloff aus München, schrieb seinerzeit gewissenhaft den gesamten Festablauf dieser Feierlichkeit nieder, die heute wohl als die eigentliche Renaissance des historischen Bozner Markts (1487 bis 1679) bezeichnet werden darf.

Begonnen hat der erste Bozner Markt der Neuzeit am Freitag, 18. Juli 1924, „um 9 Uhr abends mit Gartenkonzerten im Hotel Post, Wetterstein und Traube“. Nach Einbruch der Dunkelheit wurde „nach drei Böllerschüssen die Bergbeleuchtung“ entzündet.

Fotostrecke

Hobbyhistorikerin Veit muss schmunzeln bei dem alten Begriff, der heutzutage etwas salopper „Bergfeuer“ genannt wird. Der darauffolgende Samstag anno 1924 startete mit der Eröffnung der Ausstellung „Mittenwalder Erzeugnisse“ mit „Kunst, Geigenbau und Handwerk im Schulgebäude“. Um 14 Uhr kamen Rottfuhrwerke auf der einstigen Handelsstraße, die von Italien nach Augsburg geführt hatte, in Mittenwald an. Vom Süden aus zogen beim vergessenen Volksfest Mitwirkende die originale Wegstrecke mit wertvollen, historischen Gewändern, Trommeln, teilweise sogar in Rüstungen und mit alten Fuhrwerken entlang.

Ein gut erhaltenes Foto zeigt, „wie viel Mühe die Teilnehmer sich damals schon gegeben haben“, sagt Veit. Was beim Blick in den zeitgeschichtlichen Kontext keine Selbstverständlichkeit war. Der Erste Weltkrieg lag erst sechs Jahre zurück, die Anfangsjahre der Weimarer Republik waren krisengeschüttelt und entbehrungsreich (Inflation, Hitlerputsch etc.). Nur schleppend erholte sich die Bevölkerung von den Kriegsfolgen – auch in Mittenwald.

Zurück zum Volksfest 1924: An jenem Samstag zog am Nachmittag die mittelalterliche Karawane durch den Obermarkt. Hunderte Schaulustige versuchten, einen Blick auf die Händler zu erhaschen, die ihre Waren nach historischem Vorbild ausluden und feilboten. Das Mittenwalder Zentrum war so gesteckt voll, dass viele Besucher auf die damaligen Schindeldächer stiegen, um von dem Spektakel irgendetwas mitzukommen.

Sonntags dann prägte der große Festzug mit der alten Mittenwalder Bauernhochzeit die Szenerie. Bereits um 5.30 Uhr kündeten Böller und das traditionelle Tag-Ansingen von dem großen Ereignis. Einheimische in prächtigen Kirchengewändern flanierten durch die obere Marktstraße. Ehrentänze gab es „vor dem Hause der Braut gegenüber dem Hotel Post“. Nach dem Hochzeitsmahl in der Turnhalle setzte sich um 14 Uhr dann der farbenprächtige Festzug in Bewegung.

Die Aufstellung wurde fein säuberlich dokumentiert. So machten Herolde mit historischen Gruppen auf drei RottFuhrwerken den Anfang. Gefolgt von einem Klotz-, Floß- und einem sogenannten Kuchelwagen, marschierten damals noch zwei heimische Musikkapellen feierlich durch den Ort. Auch die alte Mittenwalder Tracht, wie sie heute noch bei Heimatabenden regelmäßig zu sehen ist, hatte ihren Platz im Geschehen. Gleichzeitig wurde die neue Mittenwalder Tracht präsentiert, die man heute kennt.

„Das Programm war damals sehr straff“, berichtet Veit. Denn im Anschluss an den ersten Bozner-Markt-Festumzug luden die Organisatoren noch zum Hochzeitsschießen – Alt-Mittenwalder Tänze, Schuhplatteln und Volksfest auf der Schießstätte inklusive. Um 18 Uhr folgte dann ein Schützenzug zur Turnhalle, wo um 20 Uhr die große Preisverteilung war.

Fünf Jahre später fand 1929 ein zweites Mittenwalder Volksfest samt Bozner Markt statt. Danach geriet das Historienspektakel in Vergessenheit – bis 1987.

Josef Hornsteiner

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