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Besuch im Flüchtlingscamp: Militärpfarrer Norbert Sauer (r.) und Soldaten verteilen die Spenden, die in den Kindergärten Mittenwald, Krün und Wallgau gesammelt wurden. 

Ein Militärpfarrer im Einsatz

Bundeswehr: In Afghanistan fährt die Angst mit

Fast fünf Monate hat der katholische Militärpfarrer Norbert Sauer aus Mittenwald in Afghanistan deutsche Soldaten und Polizeibeamte seelsorgerisch begleitet. Für den 59-Jährigen war es der fünfte Einsatz am Hindukusch. Durch seine veränderten Rahmenbedingungen unterschied er sich deutlich von früheren Aufenthalten.

Mittenwald – In die Erinnerung eingraben wird sich bei Militärpfarrer Norbert Sauer als „worst case“ der 31. Mai, als ein Sprengstoffattentat die deutsche Botschaft traf. 100 Tote und 500 Schwerverletzte waren zu beklagen. „Für mich wurde ein Hubschrauber zur Betreuung der Botschaftsangehörigen angefordert“, erzählt er bei seiner Rückkehr nach Mittenwald. „Der riesige Krater bot mit den vielen Toten und abgerissenen Gliedmaßen ein grausames Bild.“ Der Pfarrer kümmerte sich drei Tage lang um die ins sichere Hauptquartier evakuierten Menschen und hielt kurz vor deren Rückflug noch eine Gedenkmesse ab. „Das waren auch für mich Tage, die mich besonders forderten.“

Einquartiert war er während der vergangenen fünf Monate in Quasaba. Rund 800 deutsche Soldaten in Mazar-E-Sharif und 140 in Kabul sind auf das rein deutsche Camp Quasaba, das multinationale Hauptquartier der Resolut Support Mission (RS) und auf das New Kabul Camp (NKC) verteilt. Im Gegensatz zu seinen früheren ISAF-Einsätzen, bei denen er mit den deutschen Kampfeinheiten im Brennpunkt der Kriegshandlungen stand, beschränkte sich sein Engagement auf den von der UN deklarierten „Unterstützungs- und Ausbildungsauftrag für die afghanische Armee und Polizei“. Somit konzentrierte sich der Seelsorger auf kleine, mit Fachleuten besetzte und verstreut liegende Teileinheiten. Einmal pro Woche besuchte er die Soldaten und im Green Village auch die deutschen Polizisten.

Jeden Donnerstag und Freitag sprach der Geistliche mit den Soldaten im Hauptquartier. Jeden Freitag – für Muslime ein Feiertag - hatten die Soldaten einen halben Tag frei. „Dies wurde zum Gottesdienst und einer Gedenkfeier für die jeweils in der vergangenen Woche gefallenen afghanischen Soldaten und Polizisten genutzt.“ Mit seinem US-Kollegen gedachte er auch der Gefallenen aus Amerika. „Oft habe ich auf Englisch einen Bibeltext gelesen oder gebetet, denn die US-Armee hat öfters Tote beklagen müssen.“ Nicht nur deshalb kam es zur Annäherung zwischen den Deutschen und den 60 armenischen Elitesoldaten, die das Quasaba bei Kabul gesichert und als orthodoxe Christen an den Feiertagen mit den Deutschen zusammen gebetet haben. „Unter der Prämisse ,One Mission – One Team‘ haben wir gemeinsam unseren Glauben praktiziert“, beschreibt es Sauer. Zudem hielt er im „Raum der Stille“ auch Taizé-Andachten ab und bot unter freiem Himmel Filme an.

Wegen der angespannten Sicherheitslage wurde er im Hubschrauber zu seinen Einsätzen geflogen oder konnte sich bei den Versorgungsfahrten mit gepanzerten Fahrzeugen einklinken. Da fährt auch bei einem Geistlichen die Angst mit. „Durch den Verkehr kam es oft zum Stau und da wären wir ein leichtes Ziel von Selbstmördern gewesen.“

Zum Glück gab es auch schöne Erlebnisse – etwa im Kinderwaisenhaus „Shamsa Children Village“ in Kabul. Zweimal besuchte Sauer die Einrichtung, die eine Afghanin finanziell unterstützt. Dort sorgte er dafür, dass über die deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) ein Stromerzeuger-Generator installiert wurde. Durch Bruder Schorsch Westermayer von der Christusträger-Bruderschaft, der seit 46 Jahren mit dem „German Medical Service“ Geräte für Kliniken und Ausbildungswerkstätten zur medizinischen Versorgung bereitstellt, lernte Sauer auch eines der rund 50 noch in Kabul existierenden Flüchtlingscamps kennen. Im Lager Schama-e-Babrak, das mit 700 Familien belegt ist, besuchen 150 Kinder die Schule. „Durch die Unterstützung der Kindergärten in Mittenwald, Krün und Wallgau konnte ich erreichen, dass dorthin eine Tonne Bekleidung und Schulmaterial geliefert und über das Bundeswehr-Hilfswerk ,Lachen und Helfen‘ ein Brunnen zur Trinkwasserversorgung installiert wurde.“

Eins ist Sauer aber klar geworden. Die afghanische Bevölkerung verliert angesichts der in 22 von 34 Provinzen stattfindenden Machtkämpfe und dem Einfluss von Pakistan zunehmend die Hoffnung, dass jemals wieder Frieden herrscht. Der Welt sollte bewusst sein, dass Afghanistan kein Rückzugsland für religiöse Terroristen werden darf.“

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