Stellen endgültig die Stühle hoch: Markus Adam und seine Angestellte Angelina Köppel verabschieden sich vom Lokal „Alt Mittenwald“.
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Stellen endgültig die Stühle hoch: Markus Adam und seine Angestellte Angelina Köppel verabschieden sich vom Lokal „Alt Mittenwald“.

Wegen Corona-Lockdown

Abschied vom Lokal „Alt Mittenwald“: Gastronom gibt auf - „pack ich nicht mehr“

  • Josef Hornsteiner
    vonJosef Hornsteiner
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Fehlende Öffnungsperspektiven wegen des Corona-Lockdowns zwingen Alt-Mittenwald-Wirt Markus Adam zur Aufgabe. Die Suche nach einem Nachfolger läuft an.

Mittenwald – „Vor genau einem Jahr war unser letztes normales Wochenende. Und niemand wusste es.“ Angelina Köppels (Lievert) Worte klingen schal am leeren Stammtisch, im verlassenen Lokal. Stühle sind hochgestellt. Statt Gläser und Teller stapeln sich Dokumente auf den Tischen. Köppel sitzt neben ihrem Chef Markus Adam – oder nunmehr Ex-Chef. Als beide an jenem Sonntag, 15. März 2020, den Schlüssel im Schloss des „Alt Mittenwalds“ umdrehten, ahnen beide nicht, dass es das letzte Mal sein wird – zumindest in einer normalen Welt.

Nun, fast ein Jahr später, zieht Adam die Reißleine. Noch ein weiteres Corona-Jahr will er nicht mehr erleben, kann er nicht mehr – zumindest als selbstständiger Wirt. Nach sechs Jahren im Kultlokal Alt Mittenwald im ersten Stock an der Hochstraße hört er auf. Sollte das Lokal bald wieder öffnen dürfen, dann ohne ihn. Die Nachfolgersuche läuft bereits. Die gute Nachricht: Es wird ein Lokal bleiben. Wer diese Aufgabe übernimmt, ist noch unklar. Auf Facebook jedenfalls hat Adam seine Entscheidung nun publik gemacht.

Corona-Lockdown in der Gastro-Branche: Wirt des „Alt Mittenwald“ gibt auf

Köppel war die letzte Angestellte des Pächters. Die letzte Kellnerin, die seit der Corona-Pandemie noch im Lokal bediente. Ein Plakat haben die beiden an der Bar hängen lassen. St. Patricks Day mit Band Keltentanz am 21. März 2020. Die erste Veranstaltung, die Adam vergangenes Jahr hat absagen müssen. Das Banner wirkt wie ein Überbleibsel vor einer Apokalypse. Ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit, als Barbetreiber noch mit Bands und Partystimmung so viele Menschen wie möglich in ihr Lokal locken wollten. Als noch keine Besucherliste geführt werden musste, noch Bier und Schnaps statt Desinfektionsmittel floss. „Als die Welt einfach noch normal war.“

Mindestens einmal im Monat lud Adam deshalb Live-Bands ein. Großteils einheimische Gruppen wie Ragtags oder Cavemen. „Das ist die große Stärke hier in den Räumlichkeiten“, sagt er. Es gibt genug Platz für Musiker und Besucher. Das wird Adam am meisten vermissen. Die zahllosen Gespräche an der Bar. Die Stammgäste. Die gute Zusammenarbeit mit dem Collage im Keller, Mittenwalds einziger Diskothek von Pächter Daniel Herzhauser. „Das Collage ist mir vergangenes Jahr am meisten abgegangen“, sagt er.

Vor Corona-Lockdown in Bayern: Enge Zusammenarbeit mit Diskothek im Keller

Nicht nur das freundschaftliche Miteinander, wenn einer vom anderen Mal mit Getränken ausgeholfen hat, wenn sie an feuchtfröhlichen Abenden zur neige gegangen sind. Das „Alt“ war vor der Krise steht’s die Vorglüh-Station vor dem Disco-Besuch. „Herzi ist dann immer nach oben gekommen und hat geschaut, wie viel los ist. Dann konnte auch er ungefähr abschätzen, wie viele noch ins Collage kommen werden.“ Doch vergisst er auch das Brautverziehen nie mehr, die Firmlingsfeiern, den Fußballer-Stammtisch. Vor zehn Jahren hat er als angestellter Koch beim damaligen Wirt Christian Daberkow angefangen. Lernte viel von ihm, bis er am 1. Dezember 2014 selbst das Lokal übernommen hat. „Ich war so aufgeregt damals“, gesteht er. „Fast panisch.“ Doch hat er seine Aufgabe solide erledigt.

Wirt des „Alt Mittenwald“ will in Festanstellung: Den zweiten Lockodwn „pack ich nicht mehr“

Dann kam die Corona-Krise. Ab 16. März 2020 schloss Adam das erste Mal seine Pforten. Am 25. Mai dann endlich ein Lichtblick: Er durfte wieder aufmachen, wenn auch mit enormen Einschränkungen. Mit Sperrstunde um 22 Uhr. „Wo eigentlich die Party erst so richtig losgeht.“ Den Sommer über durfte er nicht mehr als 40 Gäste in das Lokal lassen. „Es hat weh getan, Leute wieder wegschicken zu müssen, wenn zu viel los war.“ So lief der Sommer mehr oder weniger gut. Seinen Mitarbeiter-Stamm mit fünf Angestellten musste er auf eine und eine weitere Aushilfe reduzieren. Dann kam der 1. November 2020 und Gastronomiebetriebe wie Restaurants, Cafés, Bars und Kneipen mussten coronabedingt erneut schließen. Seitdem ist das Lokal geschlossen. Den Winter über wollte Adam sich mit Nebenjobs über Wasser halten. Nicht so einfach im bürokratischen Deutschland, wie er meint. Trotz allem kann er die Corona-Schutzmaßnahmen nachvollziehen. Er sehe sich nicht in der Lage, über Leben und Tod zu entscheiden.

Doch was ihn ärgert: Die Perspektivlosigkeit und das Hinhalten. „Es wird immer häppchenweise, alle zwei Wochen, aufs Neue erklärt, dass zu bleiben muss.“ Auch die Außengastronomie, die vielleicht ab Ostern wieder geöffnet werden soll, bringt ihm nicht sonderlich viel. „Die Stärke des ,Alt‘ liegt eher im Inneren.“ Der Balkon sei zu eng, um großartig aufstuhlen und trotzdem die Abstandsregeln und Hygienemaßnahmen beachten zu können. Und obwohl er staatliche Unterstützung erhalten hat, fasste er vor wenigen Wochen den Entschluss, sich von der Selbstständigkeit zu verabschieden. Er will jetzt wieder in Festanstellung gehen, vielleicht in seinem Lehrberuf Koch. Trotzdem ist Adam stolz auf sich, dass er den ersten Lockdown so gut überstanden hat. „Aber den zweiten pack’ ich nicht mehr.“

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