Ein Paar aus Regensburg wird von der Bergwacht Mittenwald im Kreuzgraben im Felderngebiet  gerettet.
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Im Schnee gefangen: Die Mittenwalder Bergwacht eilt zur Hilfe.

Während Corona-Lockdown

Ungeübte Tourengeher strapazieren Geduld der Bergwacht - „Vollkasko-Mentalität“

Während des Corona-Lockdowns zieht es unzählige Tourengeher in die Alpen. Die Retter der Bergwacht haben einiges zu tun - doch ihre Geduld wird dabei manchmal strapaziert.

Mittenwald - Sie helfen gerne, handeln umsichtig, brauchen Nerven wie Drahtseile und gehen oftmals an die eigenen körperlichen und physischen Grenzen – und das alles, um in Not geratene Menschen im Gebirge aus lebensbedrohenden Situationen zu befreien. Doch irgendwann reißt auch auch bei den einsatzerprobten Rettern der Bergwacht Mittenwald der Geduldsfaden.

„Langsam wird es wax.” Damit spielt Sepp Rieger, der stellvertretende Bereitschaftsleiter, auf die haarigen Situationen an, in die sich auch während der Corona-Pandemie immer häufiger unbedarfte Alpinisten manövrieren – und damit verbunden auch die um Hilfe gerufenen Retter.

Während Corona-Lockdown: Ungeübte Tourengeher sorgen für Dauereinsatz der Bergwacht

„Mangelnde Planung und Ausrüstung, Missachtung der Wetterlage, später Tourenstart.“ So beginnt Rieger ohne jede Polemik den Einsatzbericht vom Samstag. So startete ein Pärchen aus Regensburg mit museumsreifer Skitourenausrüstung und ohne Geländekenntnis Richtung Feldernkopf, um schließlich um 19.45 Uhr festzustellen, dass es im Kreuzgraben, auf 1400 Metern, vor einem zehn Meter hohen Wasserfall kein Weiterkommen gibt.

Den ganzen Tag über hatte es geschneit, und die Schneehöhe betrug eineinhalb Meter. Der Notruf löst eine sechsstündige Materialschlacht der Bergwacht und Polizei aus. Die Strategie ist witterungsbedingt zweigleisig, weil nicht klar ist, ob die Piloten anfliegen können. Deshalb macht sich alternativ eine Mannschaft mit Rettungsgerät auf den Weg. „Das Hinaufwühlen im Graben ist nicht nur anstrengend. Es birgt auch ein gewisses Risiko für die Helfer”, beschreibt Einsatzleiter Franz Zunterer die prekäre Situation.

Tourengeher oft unpassend ausgerüstet - Bergwachtleiter lobt Retter und Polizei

„Letztendlich war es der mutigen fliegerischen Leistung der Besatzung des Polizeihubschraubers Edelweiß 6 zu verdanken, dass die Rettung aus der Luft gelang“, teilt Bereitschaftsleiter Heinz Pfeffer mit. Denn die Sichtverhältnisse sind nachts alles andere als ideal, zumal der durch die Rotorblätter aufgewirbelte frische Schnee den Helikopter zeitweise regelrecht in Nebel hüllt. „Alles nur möglich, weil die Polizeihubschrauber gut ausgerüstet sind und über starke Lichtquellen verfügen.” Für die 16 Bergwachtmänner war um 23 Uhr Feierabend.

Eine gewisse Vollkasko-Mentalität und einen gewissen Anspruch auf Rettung, wenn es nicht mehr weiter geht, stelle ich immer mehr fest.

Bergwachtchef Heinz Pfeffer

Die ab und zu etwas sehr unbedarfte Schar der zumeist aus dem oberbayerischen Raum stammenden Skitourengeher, die die heimische Bergwelt regelrecht überfluten, geben nicht nur Bereitschaftsleiter Pfeffer zu denken. „Einerseits ist es unglaublich, dass bei den Massen nicht mehr passiert“, resümiert er. „Andererseits gehen viele Bergsteiger einen Schritt zu weit und nehmen vieles auf die leichte Schulter.“ Pfeffers bittere Analyse: „Eine gewisse Vollkasko-Mentalität und einen gewissen Anspruch auf Rettung, wenn es nicht mehr weiter geht, stelle ich immer mehr fest.“ Doch der Experte aus Mittenwald warnt: „Auf Handy-Ortung soll man sich nicht verlassen. Die funktioniert nämlich nicht immer 100-prozentig. Auch das Glück ist nicht unendlich strapazierbar.“

Wähnred Corona-Lockdown in die Alpen: Rettung durch Bergwacht kann teuer werden

Dusel hatte zwar das Regensburger Pärchen. Für die Frau wird es trotzdem laut Pfeffer ein böses Erwachen geben. Bei einer Rettung aus Bergnot ohne Verletzung und Versicherung muss sie die Einsatzkosten selbst berappen. „Es sollte bedacht werden, dass die Retter und Flugbesatzungen nicht immerfort 100 bis 120 Prozent bringen können. Irgendwann hat das ein ehrenamtliches Ende”, konstatiert der Bereitschaftsleiter und vergisst dabei nicht, das Entgegenkommen der Arbeitgeber zu würdigen.

LEONHARD HABERSETZER

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