Die Karwendelkaserne: Vor 25 Jahren prangt noch ein anderer Name an der Eingangsmauer.
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Die Karwendelkaserne: Vor 25 Jahren prangt noch ein anderer Name an der Eingangsmauer.

Mittenwalder Kaserne musste vor 25 Jahren ihren Namen ändern: Das Ende des „Terror-Generals“ Kübler

  • vonChristof Schnürer
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Vor 25 Jahren wird Mittenwalder Kübler- in Karwendelkaserne unbenannt. Der „Bluthund von Lemberg“ war während des 2. Weltkriegs der erste, der den sogenannten Bandenbefehl in die Tat umsetzte.

  • Die Mittenwalder Karwendelkaserne hieß bis 1995 noch Kübler-Kaserne
  • Vor 25 Jahren machte ein Lehrer auf die Kriegsverbrechen des Generals Ludwig Kübler aufmerksam
  • Kübler galt als „Bluthund von Lemberg“ und setzte den berüchtigten Bandenbefehl in die Tat um

Mittenwald – Ludwig Kübler – irgendwann in den 1990ern stolpert Jakob Knab (69) über diesen Namen. Der Gymnasiallehrer aus Kaufbeuren studiert gerade Friedrich Andraes Buch „Auch gegen Frauen und Kinder“. Auf Seite 157 stößt er auf den berüchtigten Bandenbefehl vom 16. Dezember 1942, ausgefertigt auf Führers Befehl von General Wilhelm Keitel, dem Chef des Oberkommandos der Wehrmacht. Dieser ordnet wenige Wochen vor der vernichtenden Niederlage von Stalingrad an: „Die Truppe ist daher berechtigt und verpflichtet, in diesem Kampf ohne Einschränkung auch gegen Frauen und Kinder jedes Mittel anzuwenden, wenn es nur zum Erfolg führt.“

„Der traditionswürdige Terror-General Ludwig Kübler war der erste, der den Bandenbefehl in die Tat umsetzte“, schreibt Knab am 22. April 1995 in einer Presse-Mitteilung von Pax Christi, einer Internationalen katholischen Friedensbewegung. Genau aus diesem Grund fordert diese Organisation in einer weiteren Aussendung vom 13. Juli 1995 vom damaligen Bundesverteidigungsminister Volker Rühe (CDU) die „sofortige Umbenennung“ der General-Kübler-Kaserne in Mittenwald. Denn dieser Nazi-Offizier sei „der eiskalte und rücksichtslose Führer auf dem Schlachtfeld“ gewesen – der „Bluthund von Lemberg“, der „Adria-Schreck“, der „Kriegsverbrecher“. Knabs unerschrockener Kampf gegen in seinen Augen falsches Traditionsbewusstsein zeitigt Erfolg: Am 27. November 1995 wird die Gebirgs- und Winterkampfschule in Karwendelkaserne umbenannt.

Autor Knab hat sich 1995 mit seiner Anti-Kübler-Kampagne nicht nur Freunde gemacht

Ein Vierteljahrhundert nach dem Triumph seiner Initiative meint der Autor und pensionierte Studiendirektor rückblickend: „Die Grundwerte Recht, Freiheit und Menschenwürde haben gewonnen.“ Mit seiner Anti-Kübler-Kampagne hat er sich 1995 nicht nur Freunde gemacht: „Du Judensau“, beschimpft ihn ein anonymer Anrufer. Bei weitem nicht der einzige, der meistens nachts zum Hörer greift. Schließlich muss sich Familie Knab eine Geheimnummer zulegen.

Unerbittlich zeigte sich der General Ludwig Kübler.

„Ich habe aber auch sehr viel Solidarität erfahren“, erinnert sich der gläubige Katholik. „Herr Knab, ich bete jeden Tag für Sie“, spricht ihm jemand aus Oberammergau Mut zu. Auch ranghohe Bundeswehr-Repräsentanten sehen den „Verfassungs-Patrioten“, wie Knab sich selbst bezeichnet, auf dem richtigen Weg. Doch die meisten wollen – nicht zuletzt aus Karrieregründen – im Hintergrund bleiben.

Alois Lösl (65 Jahre) aus Mittenwald leistet vor 25 Jahren in der General-Kübler-Kaserne seinen Dienst als Gebirgsjäger-Offizier und Heeresbergführer. Mit der Vita des Namenspatrons der Winterkampfschule hat er sich im Zuge seiner Ausbildung nie auseinander gesetzt. Erst als dieses Thema von Pax Christi angestoßen wird, werden er und der damalige Kommandeur Martin Glagow hellhörig. „Natürlich ist das eine historische Hypothek“, meint Lösl, der pensionierte Oberstleutnant, im Hinblick auf die Nazi-Zeit. Mit 25 Jahren Abstand stellt Lösl in puncto General Ludwig Kübler (1889 bis 1947) fest: „Ich bin absolut für die Umbenennung.“

Kübler hetzte an einem Tag 300 eigene bayerische Gebirgsjäger in „Tod und Verderben“

Viele aus dem Dunstkreis der bundesdeutschen Armee sehen das im Sommer und Herbst 1995 völlig anders. In unzähligen Leserbriefen machen sie ihrem Ärger über Knab im Tagblatt Luft. „Seit einigen Jahren gewinnen in Deutschland Kräfte mehr Gewicht, die alles Soldatische und Militärische infrage stellen“, giftet beispielsweise Karl R. Griessinger, der langjährige Präsident des Kameradenkreises der Gebirgstruppe. Bei Kübler kommt er zu einem völlig konträren Urteil: „In den zahlreichen Lebensbeschreibungen wird er als harter Führer mit klarer Sprache, als bescheidener, warmer, fürsorglicher Mensch, als ritterlicher Offizier dargestellt, insbesondere war er kein Gefolgsmann Hitlers.“ Eine solche Einschätzung befremdet Knab: „Aufgrund seiner prahlsüchtigen Menschenverachtung hetzte Kübler an einem Tag 300 eigene bayerische Gebirgsjäger in Tod und Verderben“, informiert der Kaufbeurer in einer Presse-Mitteilung vom 2. August 1995. Wie Griessinger heute über „den Begründer und Schöpfer der Gebirgstruppe der Wehrmacht“ denkt, bleibt im Dunkeln. Für eine Stellungnahme war Griessinger nicht zu erreichen. Auch der ehemalige Vier-Sterne-General Dr. Klaus Reinhardt, der viele Jahre im Standort Mittenwald diente und sich als Geschichts- und Politikwissenschaftler in der Bundesrepublik einen Namen machte, will sich zum Thema Kübler/Mittenwald nicht äußern.

Geht seinen Weg: Jakob Knab (l.), der „Verfassungs-Patriot“.

Doch inzwischen gilt es als unstrittig und schlicht als historische Tatsache, dass Ritterkreuzträger Kübler während des Vernichtungskrieges an der Ostfront und auf dem Balkan alles andere als ritterlich war. Rückblickend betrachtet, war es ein Fehler, ihn zum Patron einer Bundeswehr-Liegenschaft in Mittenwald zu machen.

Kaserne trug zuerst den Namen von Generalquartiermeister Erich Ludendorff (1865 bis 1937), der beim Hitler-Putsch 1923 eine führende Rolle spielte

Als diese 1937 eingeweiht wird, trägt sie den Namen von Generalquartiermeister Erich Ludendorff (1865 bis 1937), der nicht nur als Oberbefehlshaber im Ersten Weltkrieg, sondern auch beim Hitler-Putsch 1923 eine führende Rolle spielte. 1964 verschwindet diese aus heutiger Sicht schlechte Wahl – und wird durch Ludwig Kübler ersetzt.

31 Jahre sollte das so bleiben, bis Jakob Knab von Pax Christi sich im Frühjahr 1995 Gehör verschafft. „Staatsbürger mit oder ohne Uniform müssen zusammenhalten“, lautet das Credo des studierten Theologen, der 1970 nach dreimonatigem Grundwehrdienst in Ulm als Kriegsdienstverweigerer anerkannt wird. „Flieger Knab, Sie sind hier fehl am Platz“, soll ihm damals ein Zugführer geraten haben.

Dass die politisch korrekte Bezeichnung Karwendelkaserne eines Tages verschwinden könnte, hält der Mann von Pax Christ durchaus für möglich. „Die Gänseblümchen-Benennungen sind längst vorbei.“ Inzwischen erinnert man sich bei der krisen- und kriegserprobten Bundeswehr nämlich nicht mehr an fragwürdige Nazi-Befehlshaber, sondern an die stillen Helden einer Parlamentsarmee wie Hauptfeldwebel Tobias Lagenstein, der bei einem Anschlag 2011 in Afghanistan den Tod findet. Zu Ehren von Lagenstein wird im März 2018 die Emmich-Cambrai-Kaserne in Hannover umbenannt. Eine gute und sinnstiftende Wahl.

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