Weiß nicht mehr weiter: Stephan Höppner lebt am Sagle mittlerweile auf einer Baustelle. Doch findet er seit zwei Jahren keine bezahlbare Wohnung für sich.
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Weiß nicht mehr weiter: Stephan Höppner lebt am Sagle mittlerweile auf einer Baustelle. Doch findet er seit zwei Jahren keine bezahlbare Wohnung für sich.

Bezahlbarer Wohnraum Mangelware

Mittenwalder muss aus Wohnung raus, doch findet keine neue: Verzweiflung wächst

  • Laetitia Foerster
    VonLaetitia Foerster
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Ein Mittenwalder Mieter sollte seit zwei Jahren aus seiner baufälligen Wohnung ausziehen. Doch trotz intensiver Suche findet er keine neue. Die Zeit drängt. Doch der Wohnungsmarkt ist angespannt.

Mittenwald – „Es gibt nix.“ Täglich studiert Stephan Höppner sämtliche Wohnungsinserate. „Jedes wird von mir bearbeitet“, sagt der Mittenwalder. Heißt: Sich vorstellen, Bewerbung schreiben, warten. Doch folgt oft die Ernüchterung: „Bei 90 Prozent der Anfragen erhalte ich nicht einmal eine Antwort.“ Der Wohnungsmarkt ist bis aufs Äußerste angespannt.

Die Suche nach bezahlbaren Bleiben unter 1000 Euro ist zur Herausforderung geworden. Für Höppner eine verzwickte Lage. Denn die Zeit drängt. Bereits vor zwei Jahren ist dem Mieter mitgeteilt worden, dass er seine Wohnung „Am Sagle“ verlassen muss. Vergangenes Jahr kam die Kündigung. Bekanntlich soll das in die Jahre gekommene Gebäude vis à vis des Eisstadions abgerissen werden und einer Parkgarage weichen. Doch findet er trotz verzweifelter Suche nichts, wo er hin könnte. Mittlerweile ist Höppner der letzte Mieter der acht Wohneinheiten.

Gebäude ist abrissreif, doch die Suche nach neuer Wohnung verlief bislang erfolglos

Der 45-Jährige wohnt seit siebeneinhalb Jahren in dem Mietshaus. Am Gebäude nagt der Zahn der Zeit. Zentimeterbreite Risse durchziehen die Wände. Bei Sturm knackt das Gemäuer. „Weiter zu warten, bis das Haus einstürzt ist lebensbedrohlich“, sagt Höppner. Die Immobilie ist abrissreif, das steht für ihn außer Frage. Seit Monaten lebt er wie auf einer Baustelle. Das Haus um hin herum wird ausgehöhlt, um es für den Abbruch vorzubereiten.

Doch die Wohnungssuche, die seit über 24 Monaten läuft, blieb bislang erfolglos. Seine letzten Nachbarn – in vier der acht Wohnungen waren Migranten untergebracht – „haben mittlerweile alle eine Wohnung zugewiesen bekommen“. Nur Höppner blieb zurück.

Wegen der Corona-Pandemie ist der 45-Jährige lange Zeit arbeitslos gewesen, erzählt er. Er war als mehrsprachiger VIP-Shuttle-Fahrer bei BMW für mehrere Hotels im Landkreis tätig. Doch mussten die Herbergen während der Pandemie bekanntlich für Touristen schließen – und Höppner war plötzlich ohne Anstellung. Zur Zeit arbeitet er auf Minijob-Basis bei einem Winterdienst, der ihn ab November auch fest anstellt. Die 650 Euro Miete kann der ehemalige Shuttle-Fahrer aufbringen.

Die Verzweiflung wächst: Mieter weiß nicht mehr, was er noch tun soll

Doch wächst die Verzweiflung in ihm: „Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll.“ Aus dem Landkreis in bezahlbare Gegenden zu ziehen, sei keine Alternative für den Mittenwalder. „Ich habe eine elfjährige Tochter, für die ich mit ihrer Mutter gleichgestellt erziehungsberechtigt bin. Sie kommt in regelmäßigen Abständen zu mir.“ Sollte er wegziehen, sei das nicht mehr so einfach möglich.

Die Vermieterin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, hat Verständnis für Höppner: „Er ist ein total netter und zuverlässiger Mieter, hat immer pünktlich bezahlt.“ Dass ein ordentlicher Mensch wie er auf dem Wohnungsmarkt nichts finde, macht sie fassungslos. „Der Wohnungsmarkt ist verheerend“, kritisiert sie. Zwar stünde der Abriss der Immobilie bevor, unter Druck setzt sie den 45-Jährigen jedoch nicht. „Klar muss er irgendwann raus, wir warten aber sowieso noch auf eine Genehmigung für die Garagen.“ Die anderen Mieter waren im Durchschnitt in drei bis vier Monaten ausgezogen. Woran es bei Höppner liegt, kann sie sich nicht erklären. Derzeit zahlt er keine Miete, sondern ein Nutzungsentgeld an die Vermieterin. Dies deckt die Kosten aber bei Weitem nicht. Doch will sie ihn damit unterstützen, bis Höppner endlich eine neue Bleibe gefunden hat.

Anfragen und Hilferufe liefen bislang ins Leere

Bei Siedlungsgesellschaften ist er bereits gelistet, jedoch auch dort ohne Erfolg, genauso wie seine Anfragen an Bauamt, Landratsamt und Bürgermeister ins Leere liefen. „Uns tut’s natürlich wahnsinnig leid“, sagt Ordnungsamt-Chef Josef Stieglmeier. Doch besitze die Marktgemeinde keine eigenen Wohnungen, könne daher auch keine zur Verfügung stellen. „Wir haben Herrn Höppner auch schon an mehrere Stellen weiter verwiesen.“ Alle möglichen Kontakte seien ausgeschöpft.

Auch Bürgermeister Enrico Corongiu (SPD) kennt die verzwickte Wohnsituation. „Wir merken das hier sehr deutlich, die Menschen kommen auch teilweise zu uns ins Büro.“ Laut ihm hat der Wohnungsmangel im Landkreis vielerlei Gründe. „Stichwort Speckgürtel München“, merkt er an. Dieser übe auch Druck in die ländliche Region aus. Zudem soll Corona mit der Zunahme an Homeoffice-Plätzen die Lage verschärft haben. Doch Corongiu weiß, dass jetzt die Gemeinden einschreiten sollen: „Wir müssen selber ran.“ Es brauche dringend kommunale Unterkünfte. Der Markt Mittenwald möchte deshalb zügig das Thema Wohnraum weiter fokussieren.

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