In den zurückliegenden zehn Jahren hat sich nicht nur der Anstrich des Bahnhofsgebäudes verändert. Verantwortlich dafür zeichnen (v. r.) Michael und Wolfgang Schwind sowie Bürgermeister Enrico Corongiu.
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In den zurückliegenden zehn Jahren hat sich nicht nur der Anstrich des Bahnhofsgebäudes verändert. Verantwortlich dafür zeichnen (v. r.) Michael und Wolfgang Schwind sowie Bürgermeister Enrico Corongiu.

Vor zehn Jahren kaufte sie Bahnhofsgebäude

Mittenwalder Investorfamilie Schwind: Die Zukunftsarchitekten

  • vonChristof Schnürer
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Vor zehn Jahren: Familie Schwind kauft den Mittenwalder Bahnhof und setzt damit eine ungeahnte Dynamik im Geigenbauort frei.

Mittenwald – Zerborstene Fensterscheiben, Unrat und vergilbte Wände – wer vor über zehn Jahren das Mittenwalder Bahnhofsgebäude betrat, den umgab der Mief von knapp 100 Jahren. Kurzum: Die Visitenkarte eines Tourismusortes war zum Schandfleck geraten. Zugreisende glaubten damals, sie hätten so eben die verwahrloste Station einer menschenleeren Geisterstadt betreten. Wären Zeitreisen möglich, müsste man nur einen kleinen Sprung ins Jahr 2021 unternehmen, um an selber Stelle das komplette Gegenteil zu erfahren: Leuchtende Farben, emsiges Treiben, pulsierendes Leben. Wenn nicht gerade der nächste Corona-Lockdown wieder alles lahmlegt.

Diese Vital-Infusion verabreichte vor zehn Jahren die Familie Schwind, die am 18. März 2011 den Bahnhof samt Freiflächen (insgesamt 3540 Quadratmeter) erworben hatte. Der Seniorchef der gleichnamigen GmbH, Wolfgang Schwind (73), bereut nichts. Im Gegenteil: „Ja, es ist ein Erfolgsmodell.“ Gleichzeitig räumt der Statiker ein, die Vielzahl an Möglichkeiten, die diese ehemalige Bahn-Immobilie bietet, damals „gar nicht erkannt zu haben“. Eigentlich hat in jener Zeit die Münchner Ideal-Mobil AG den Zuschlag für das Anwesen von anno 1912 erhalten. Doch zum Leidwesen des damaligen Bürgermeisters Adolf Hornsteiner (CSU) scheitert das Unternehmen am Finanzierungskonzept.

Wolfgang Schwind erfährt aus der Zeitung davon. Der gewiefte Geschäftsmann berät sich kurz mit den Seinen und wird im Rathaus vorstellig. „Binnen 24 Stunden hatten wir die Zusage vom Bürgermeister.“ Der verkündet den Deal voller Stolz am 30. März 2011 bei der Bürgerversammlung in der TSV-Halle. Einen Tag später wird der Immobilien-Coup im Tagblatt verkündet. Zur Motivation befragt, wird in dem Artikel Juniorchef Michael Schwind (44) wie folgt zitiert: „Wir möchten beweisen, dass es im Ort noch Leute gibt, die was in die Hand nehmen.“

2011 haben sie unter anderem mit dem Bau des Ärztehauses den entscheidenden Impuls gegeben. Das freute seinerzeit den damaligen Bürgermeister Adolf Hornsteiner (l.).

Und das tun die Schwinds in der Tat. Ihnen zufolge flossen in der zurückliegenden Dekade knapp acht Millionen Euro. Die Mittenwalder Zukunftsarchitekten hauchten aber nicht nur dem Bahnhof neues Leben ein. Im August 2011 erwirbt man das angrenzende Zollhaus samt Güterhalle. Im September stellen die Schwinds das Projekt „Ärztehaus“ vor – neun Praxen auf 700 Quadratmetern auf drei Etagen verteilt – Kosten zirka drei Millionen Euro. Der Zweckbau, der im November 2013 eingeweiht wird, stößt ob seiner nüchternen Bauweise im zierbund-verliebten und holz-überladenen Mittenwald im Gemeinderat bei einigen Traditionalisten auf Kritik. Doch die selbsternannten Chefästhetiker beugen sich den stichhaltigen Argumenten Arbeitsplätze, Wirtschaftsimpuls und Zukunftsperspektiven.

2014 wird auch das umgebaute Zollhaus seiner Bestimmung übergeben. Seitdem sind die sechs Appartements das Zuhause des Zollsportteams. „Ein Biathlet wie David Zobel hat dort drei Jahre gewohnt“, teilt Schwind senior mit. Mit anderen Worten: Das Gebäude ist Heimstätte für talentierte und ambitionierte Nachwuchsathleten.

Heute lebt der Bahnhof mehr denn je – ob in der ansprechenden Gaststätte („Das Lokal“), im Biker-Laden der Familie Lochner, in der Apotheke, dem Reisebüro oder den Therapie- und Arztpraxen. In Summe über 70 Arbeitsplätze. Was das Angebot dort komplettieren würde, wäre ein Gynäkologe. Könnte ein solcher nach Mittenwald gelockt werden, „dann gehe ich in Ruhestand“, scherzt Wolfgang Schwind.

Selbst er konnte im Jahr 2011 nicht erahnen, dass in der Bahnhofsperipherie demnächst weitere Magneten entstehen – ein Museum für Moderne Kunst (altes Postgebäude) und ein Zwei- bis Drei-Sterne-Hotel (Ladestraße Ost). Und die Nobelherberge als Scharnier zwischen Rathaus und Bahnhof (aja-Hotel) ist ja auch noch nicht vom Tisch. Allesamt Bausteine für eine weitere Attraktivitätssteigerung in dem einstigen Sorgenviertel. Schwind junior nimmt’s zufrieden zur Kenntnis. „Natürlich ist das gut, aber das haben wir 2011 nicht gewusst.“ Er zieht in diesem Zusammenhang den Spruch vom „Glück des Tüchtigen“ heran. „Derjenige, der Mut hat, soll doch ruhig Glück haben.“

Der Hunger nach Erfolg ist bei den Schwinds übrigens noch lange nicht gestillt. Demnächst will man sich das neu einverleibte NemayerHaus vornehmen. Wo es liegt? Natürlich an der Bahnhofstraße.

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