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Seltenes Exemplar: Der Mehlschwalbe fehlt‘s an Nistmaterial.

Experten schlagen Alarm 

Dramatisches Vogelsterben im Isartal

Es sind erschreckende Zahlen, die Hans-Joachim Fünfstück vom Landesbund für Vogelschutz (LBV) dem Tierschutzverein Mittenwald präsentiert hat. Mehr denn je scheint die Artenvielfalt des Federviehs im Landkreis in Gefahr. Auch das Obere Isartal ist davon stark betroffen.

MittenwaldDie Stimmen, für die er seit Jahrzehnten kämpft, könnten bald verstummt sein. Die Rede ist von der heimischen Vogelwelt. Deren Artenvielfalt steht aus mannigfaltigen Gründen laut Hans-Joachim Fünfstück auf dem Spiel. „Auch 2017 wurden weniger Vogelarten gesehen als noch im Jahr davor“, verdeutlichte der Vorsitzende der Regionalgruppe des Landesbunds für Vogelschutz bei der Jahresversammlung des Tierschutzvereins Mittenwald im Gasthof Gries. In Zahlen ausgedrückt: „Mehr als 37 Prozent weniger Individuen als noch im Jahr 1980.“ So ist inzwischen der Bluthänfling im Oberen Isartal und darüber hinaus ein seltenes Exemplar geworden.

Eine fatale Entwicklung, die unaufhaltsam scheint. Doch ganz so ist es nicht. „Es kann jeder seinen Teil dazu beitragen“, ermunterte der Experte seine Zuhörer. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in den heimischen Gärten. Dort könnte unkompliziert und mit wenig Arbeit kräftig nachgeholfen werden, dem negativen Trend entgegenzuwirken.

Keine Insekten, keine Vögel

Schließlich gehen einem Artensterben lange, komplexe Verkettungen voraus. Vereinfacht erklärt: Vögel fressen Insekten. Diese ernähren sich von Blumen, die wiederum naturbelassene Erde brauchen. Punkt. „So einfach ist das Thema theoretisch erklärt.“ Eine machbare Aufgabe möchte man meinen. Im Garten könnte der Besitzer – zumindest stellenweise – auf den sterilen, auf 30 Millimeter getrimmten Wimbledon-Rasen verzichten und dafür eine naturbelassene Wiese blühen lassen.

In der Praxis sieht’s jedoch anders aus, wie Gärtner und Tierschutzvereinsmitglied Christian Neuner (Hackl) weiß. „Viele wollen keine natürlichen Gärten mehr“, resümiert er aus eigener Erfahrung. „Brennnesseln müssen weg, nirgendwo darf mehr ein Bleamerle wachsen – und falls doch dann soll alles nur mehr eine Monokultur sein.“ Dadurch verschwindet Vielfalt, wodurch Insekten und summa summarum auch Vögel ausbleiben.

Mut zum Wildwuchs

„Mut zum Wildwuchs“, forderte Fünfstück die Anwesenden auf. „Ein blühender Garten sieht einfach schöner aus, als ein steriles Grundstück.“ Sonst würden früher oder später „wichtige Kleinstrukturen verloren gehen“.

Der LBV-Mann kennt zudem Fälle, bei denen der Mensch direkt die Schuld am Artensterben trägt. Bei unbeliebten Schwalbennestern zum Beispiel: „Ich habe sogar schon selbst gesehen, wie manche Hausbesitzer mit dem Besen nach den Nestern geworfen haben.“ Besonders der Mehlschwalben-Bestand wurde dadurch in der Region massiv dezimiert. Ihnen fehlt schlichtweg Dreck zum Nestbau. Was laut Fünfstück daran liegt, dass „immer mehr Flächen zu betoniert und asphaltiert werden“.

Das Problem beschränkt sich aber nicht nur auf private Grundstücke. Auch das Mulchen an öffentlichen Wanderwegen befeuert im Oberen Isartal das dramatische Artensterben. Dabei geht es Fünfstück nicht einmal um die „teilweise zwei bis drei Meter, die an den Wegen weggesäbelt werden“. Vielmehr sei es die Jahreszeit, zu der mittlerweile gemulcht wird. „Oft wird damit schon im Juni begonnen.“ Bekanntlich die Blütezeit in der Region.

Laubbläser-Opfer

Ihr Übriges tun „billige, nicht ökologische Pflanzenschutzmittel aus dem Discounter“ sowie „das neuerliche Heuen mit dem Laubbläser“. Durch den kräftigen Luftstrom „werden sämtliche Insekten getötet“. Vor allem Heuschrecken würden den lauten Krachmachern zum Opfer fallen. Den Vögeln ist somit eine weitere wichtige Nahrungsgrundlage entzogen. Auch da hätte Christian Neuner einen Vorschlag: „Es müssten jene, die sich die Arbeit machen und noch händisch mit dem Rechen das Heu einholen, vom Staat finanziell gefördert werden.“ Denn im Gegensatz zu früher spielt der solidarische Gedanke oft keine Rolle mehr. „Da wo früher noch sechs, sieben Leute zusammen geheut haben, müssen einige ihr Wiesmahd mittlerweile alleine bewältigen.“

Die Liste ist endlos, genauso wie die Fragen. Wieso gibt es fast keine Zauneidechsen mehr? Wo sind die vielen Frösche geblieben und wo die Unken? Bodenversiegelung, Flächenfraß sind einige Antworten. Einer hat dabei immer die Hände im Spiel: der Mensch.

Josef Hornsteiner

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