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Enrico Corongiu hat einen Doppelpass, sein älterer Bruder nicht.

Kuriosum in Mittenwald

Wenn der eigene Bruder unwählbar wird

Das Leben treibt oft seltsame Blüten: Im Falle von Claudio Corongiu geht es um etwas hochgradigÄrgerliches: Am Sonntag bemüht sich sein jüngerer Bruder Enrico um ein Bundestagsmandat – doch er kann die Stimme für ihn nicht abgeben, weil er Italiener ist.

Mittenwald – Wie gerne hätte er am Sonntag seinen jüngeren Bruder Enrico (39), der als SPD-Kandidat in den Bundestag einziehen möchte, seine Stimme gegeben. Doch im Gegensatz zu ihm ist Claudio Corongiu (45) aus Mittenwald kein Deutscher und kann demnach kein Votum abgegeben. Das bedauert natürlich der Polit-Aspirant. „Aber ich habe Claudios Zuspruch auch so, das ist mir genauso viel wert“, betont Enrico Corongiu. Dabei entbehrt der Umstand, dass der Bruder seinen Bruder nicht wählen kann, nicht einer gewissen Tragik.

Der Grund für dieses Kuriosum liegt über 40 Jahre zurück. Demnach hat es 1975 wohl eine Panne im Rathaus gegeben. Die Geburtsurkunde von Claudio Corongiu, der 1972 als Spross eines Italieners und einer Deutschen im Mittenwalder Krankenhaus zur Welt kam, landete nie im Landratsamt. Der Schlamassel fiel 1990 auf. Corongiu wollte sich bei der Polizei bewerben. Beim Datencheck stellte sich allerdings heraus, dass der waschechte Mittenwalder nie als Deutscher gemeldet wurde, sondern „nur“ Italiener ist. Denn bis zum 1. Januar 1975 galt die Regelung, dass sich die Staatsbürgerschaft vom Vater ableitet.

Mal abgesehen davon, dass Corongiu wegen dieses Malheurs seinen jüngeren Bruder mit Doppelpass nicht wählen kann, müsste er „aufwändig und kostenpflichtig“ um deutsche Papiere kämpfen. Das geht ihm gehörig gegen den Strich. „Es ist schließlich nicht meine Schuld, dass entsprechende Formulare nicht weitergeschickt wurden.“

Claudio Corongiu kann seinem Bruder nur die Daumen drücken. 

Vor etwa zwei Jahren versuchte es Corongiu erneut beim Ausländeramt in Garmisch-Partenkirchen. „Der Mitarbeiter teilte mir mit, dass ich nun einige Formulare ausfüllen und einen Lebenslauf auf Deutsch verfassen sollte.“ So weit kein Problem für ihn. Allerdings wäre ihm zufolge auch eine Gebühr fällig geworden. „Zudem sollte ich einen Deutsch-Aufsatz verfassen.“ Für den gebürtigen Mittenwalder geradezu diskriminierend: „Dabei möchte ich doch nur die gleichen Rechte wie meine Geschwister.“

Im Landratsamt ist man sich keiner Schuld bewusst. „Nach nun 42 Jahren seit In-krafttreten der entsprechenden Gesetzesänderung lässt sich nicht mehr nachvollziehen, welche Unterlagen dem Markt Mittenwald vorgelegt wurden beziehungsweise warum diese nicht weitergeleitet wurden“, teilt Sprecherin Franziska Klein mit. Grundsätzlich sei aber „das Handeln der Eltern beziehungsweise der volljährlichen Person“ erforderlich gewesen. Eine Entsprechende Erklärung – und das ist laut Kreisbehörde „entscheidend“ – ist nicht eingegangen. „Das alleinige Weiterleiten beziehungsweise Vorlegen der Geburtsurkunde hätte den Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit nicht zur Folge gehabt.“

Josef Hornsteiner/Christof Schnürer

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