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Historiker fordert: Denkmal für Deserteure in Mittenwald

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Von: Christof Schnürer

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Dr. Stephan Stracke weist mit seinem Kranz 2019 auf dem Hohen Brendten in Mittenwald auf Kriegsverbrechen der Gebirgsjäger im Zweiten Weltkrieg hin.
2019 war Dr. Stephan Stracke letztmals in Mittenwald. Zum Beten kam er nicht zum Ehrenmal auf dem Hohen Brendten. © FOTOPRESS THOMAS SEHR

Unangenehm und unbequem – so wirkt auf viele im Dunstkreis der Gebirgstruppe Stephan Stracke. Seit 20 Jahren brandmarkt der linkslastige Historiker Kriegsverbrechen der Edelweiß-Soldaten. Das will der streitbare Wuppertaler auch kommenden Montag im Rahmen der G7-Protestkundgebungen tun. Mittenwald wird ihn nicht los.

Mittenwald – Dr. Stephan Stracke hat es sich offenbar zur Lebensaufgabe gemacht: Der promovierte Historiker wird nicht müde, Kriegsverbrechen der Gebirgstruppe anzuprangern. Sein Name ist seit 2002 mit den Demonstrationen (2002 bis 2009) gegen die Brendtenfeier des Kameradenkreises verbunden. Das Motto von Stracke und seinen überwiegend linksgerichteten Sympathisanten: „Kein Vergeben, kein Vergessen, Mörder haben Namen und Adressen“.

Im Rahmen der Proteste gegen den G7-Gipfel in Schloss Elmau (26. bis 28. Juni) kehrt der scharfzüngige Mann mit dem Pferdeschwanz, den im Mai 2007 der damalige Bürgermeister Hermann Salminger schon mal aus dem Rathaus geworfen hatte, ein weiteres Mal zurück nach Mittenwald.

Dort organisiert Stracke namens des allseits bekannten Arbeitskreises Angreifbare Traditionspflege eine Pedelec-Tour hinauf zum Hohen Brendten, nur wenige Kilometer Luftlinie von Schloss Elmau entfernt. Das Gebiet dort sei „eine höchst NS-kontaminierte Gegend“, heißt es in dem Aufruf zur Sternfahrt. „Wir wollen uns ein bisschen einmischen“, formuliert es Stracke gegenüber dem Tagblatt. Für ihn und seine Mitstreiter ist Mittenwald der geeignete Ort zum Protest. „Von hier aus zogen Gebirgsjäger und Wehrmachtssondereinheiten in den Vernichtungskrieg.“ Altbekannte und provokante Thesen, die schon 2002 durch den Geigenbauort hallten.

Hatten die Brendtengegner früher Massaker der Edelweiß-Soldaten in Griechenland oder Italien lautstark angeprangert und Entschädigung für die Opfer gefordert – zuletzt bei der Stippvisite im Juni 2019 – so haben Stracke und Co, diesmal eine weitere Hypothek der Gebirgstruppe im Gepäck: der Sonderverband Bergmann, der 1942 in der Mittenwalder Luttensee-Kaserne vom späteren und ob seiner Vergangenheit sehr umstrittenen Bundesminister Theodor Oberländer (1905 bis 1998) aufgestellt wurde.

„Vor genau 80 Jahren versuchte eine kleine Gruppe um die georgischen Offiziere Ziklauri, Tabidze und Tedeev, im Lager Luttensee eine Meuterei gegen die deutsche Bataillonsführung anzuzetteln, um den kurz bevorstehenden Kampfeinsatz gegen die Rote Armee zu sabotieren“, erfährt man aus dem Aufruf zur G7-Sternfahrt. Geplant soll ein organisiertes Überlaufen direkt nach der Fallschirmlandung gewesen sein.

„Leider wurde der Aufstand verraten, und die ,Meuterer‘ wurden vor das Reichskriegsgericht gestellt, dessen Senat für die Verhandlung extra im Juni 1942 nach Garmisch-Partenkirchen gekommen war.“ Die Militärrichter hätten insgesamt zwölf georgische Soldaten wegen Kriegsverrats in Tateinheit mit der Zersetzung der Wehrkraft und Meuterei zum Tode verurteilt. Die Suche nach dem Exekutionsort beziehungsweise der Grablage sind laut Stracke noch nicht abgeschlossen.

Doch der Historiker aus Wuppertal will’s einmal mehr nicht nur bei einer Geschichtsstunde belassen: Mit einem Gedenkzeichen soll am Eingang der Luttensee-Kaserne „an diese mutigen Menschen“ erinnert werden. Und nicht nur das: „Wir fordern natürlich ein festes Deserteurs-Denkmal an der Mittenwalder Kaserne!“, heißt es in Strackes Presse-Mitteilung.

Das Schnellgericht und die Exekution ist den wenigsten im Werdenfelser Land bekannt. Sowohl Mittenwalds Gemeindearchivar Helmut W. Klinner als auch sein Kollege in Garmisch-Partenkirchen, Franz Wörndle, haben von dem blutigen Vorfall während des Zweiten Weltkriegs noch nie gehört. Im Bundesarchiv beziehungsweise in dessen Außenstelle in Ludwigsburg, das nationalsozialistische Verbrechen aufklären soll, ist der Fall bekannt. Er läuft unter dem Serientitel „Ermittlungen gegen Oberländer u. A., Angehörige der Bataillone „Nachtigall“ und „Bergmann“ wegen Tötungshandlungen im Raum Lemberg-Solotschew, in Mittenwald sowie im Kaukasus und der Ukraine 1941/42“. Die umrissenen NS-Verbrechen seien „Gegenstand des Vorermittlungsverfahrens AR-Z“ gewesen.

Dr. Stracke und seine Mitstreiter sind jedenfalls fest entschlossen, diese Exekution, aber auch ihre Sichtweise zu G7 und den Ukraine-Krieg in der Wiege der Gebirgsjäger zu thematisieren. Wie viele kommen? „Ich wage keine Prognose“, sagt Stracke. 2019 beim vorerst letzten Besuch rückte er mit etwa 30 Teilnehmern an – unter anderem mit der Albanierin Pandora Ndoni, die im Zweiten Weltkrieg ein Massaker der Wehrmacht überlebt hatte.

Mehrere Stationen haben die linken Pedelec-Biker in der Gebirgsjäger-Garnison anvisiert: Die Tour führt durch die Fußgängerzone, zur Kriegergedächtniskapelle, zum „Stammtisch der Gebirgsjäger-Kameradschaft“, vor die Luttensee-Kaserne und natürlich zum Ehrenmal auf dem Hohen Brendten. So sieht es zumindest das Drehbuch von Dr. Stephan Stracke vor. „Ich bin gespannt, wie weit wir kommen.“

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