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Schlagzeilen über Schlagzeilen: Das Tagblatt berichtet viele Male über die Causa Dammkar. 

Ende der Pisten-Präparierung vor 20 Jahren

Mythos Dammkar: Als das Skifahrer-Herz blutete

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Es war ein Wochenende. Vor 20 Jahren. Da warnte Skifahrer am Dammkar ein Hinweisschild: „Betreten auf eigene Gefahr“. Denn im Januar 1999 gab die Karwendelbahn in Mittenwald die Präparierung auf. Deutschlands längste Piste war Geschichte. Deutschlands längste Freeride-Abfahrt geboren.

Mittenwald – Die Rillen mussten perfekt sein. Als hätte man sie mit der Hand in den Schnee gezogen, vom Tal den Berg hinauf. Ludwig Hornsteiner war selbst Skifahrer, Skilehrer sogar. „Ich hab’ gewusst, was Skifahrer wollten“, sagt der 90-Jährige. Was das war? „Eine schöne Piste.“ Und die hat ihnen der Mittenwalder gegeben. Bis vor knapp 20 Jahren präparierte er die Dammkar-Abfahrt. 6,5 Kilometer, Deutschlands längste Piste, sie war sein Revier. Als Letzter seiner Zunft. Denn ab dem zweiten Januarwochenende 1999 beendete die Karwendelbahn AG die Präparierung. Der Aufschrei war groß. Finanziell aber konnte man sich den Aufwand nicht mehr leisten.

100 000 Mark betrug damals das jährliche Defizit der Karwendelbahn – Tendenz steigend. Die Einnahmen aus dem Skibetrieb gingen zurück und lagen weit unter den Kosten, die die Pflege des Gebiets verursachte. Eine positive Änderung sei nicht in Sicht, sagte der damalige, mittlerweile verstorbene Vorstand Leonhard Meider vor 20 Jahren gegenüber dem Tagblatt. Nur wenige Wochen im Jahr war die Piste überhaupt bis zur Talstation befahrbar, nicht selten musste man – das gilt bis heute – wegen Schneemangel zur Talstation marschieren. In den umliegenden Gebieten aber, sei es in Garmisch-Partenkirchen oder Seefeld, investierten Bergbahnen in Beschneiungsanlagen und moderne Lifte. Kurz: Das Dammkar war nicht mehr sexy.

Viele Einheimische sahen das anders. Zeitungsleser ebenfalls.

Kaum hatte die Karwendelbahn ihre Entscheidung verkündet, gründete der Vorstand des örtlichen Skiclubs die Initiative „Rettet das Dammkar“ und sammelte Unterschriften – bekanntlich ohne Erfolg. Das Garmisch-Partenkirchner/Murnauer Tagblatt startete eine Umfrage. 1189 Leser beteiligten sich. 70 Prozent sprachen sich dafür aus, dass das Dammkar weiterhin präpariert wird.

Auch der damalige Bürgermeister Hermann Salminger bedauerte das Ende der Piste. „Mir tut das Herz weh“, sagte er damals. „Das war für uns ein schwerer Schlag“, sagt er heute. Vor allem aus touristischer Sicht. Als Chef der Gemeinde, die 31 Prozent der Karwendelbahn-Aktien besaß, bevorzugte er die präparierte Variante. „Da war das Geschäft besser.“ Privat aber schwärmt der 80-Jährige jetzt von der „hervorragenden, hochalpinen Abfahrt“ – ohne Pistenraupenspur. Er hat sie damals, 1999, perfekt erwischt, kurz nachdem die Präparierung eingestellt worden war. Etwa einen halben Meter Neuschnee gab’s. „Dann bin ich da nunter – wunderbar.“ Seine Premiere auf Deutschlands längster Freeride-Abfahrt.

„Das Tiefschneefahren am Dammkar ist freilich schöner“, sagt auch der einstige Präparierer Hornsteiner. Nur: Perfekte Pulver-Verhältnisse gab es in der riesigen Karwendelrinne selten. Mit seiner Pistenraupe konnte er die Bedingungen beeinflussen. Dafür nahm er sich viel Zeit.

Nach Betriebsschluss der Bahn setzte sich Hornsteiner gegen 17 Uhr in sein Gefährt. Acht, neun, auch mal zehn Stunden war er dann in seinem Karwendel-Reich unterwegs. Um oft am nächsten Morgen vor Betriebsbeginn noch einmal zu starten. Denn Lawinenkegel einfach liegen zu lassen – keine Option.

Hornsteiner war Mitglied in der Lawinenkommission. Sie war für die Sicherheit am Berg verantwortlich, entschied, ob die Piste freigegeben wird oder nicht. Oft wurde erst gesprengt, dann noch einmal kurz präpariert, und erst danach die Bahn geöffnet. Bis heute entscheidet die Lawinenkommission über den Betrieb der Karwendelbahn. Einen Winter aber war sie außer Dienst.

Mit der Präparierung starb zunächst auch die Arbeit der Schnee-Experten. Mehrere Schilder warnten die Skifahrer ab Januar 1999: „Dammkar – hochalpines Gebiet – keine Lawinensicherung – keine Pistenpflege – Betreten auf eigene Gefahr“.

Heinz Pfeffer, Bereitschaftsleiter der Bergwacht und seit zwölf Jahren Obmann der Mittenwalder Lawinenkommission, erinnert sich an die Entscheidung. Und auch daran, dass sie im Winter darauf revidiert wurde. Die zwei Pistenraupen hatte die Bahn bereits verkauft, das Dammkar blieb eine Freeride-Abfahrt, allerdings eine gesicherte. Erst, wenn die Kommission ihr Okay gibt, wird die Skiroute geöffnet. Für Pfeffer im Nachhinein eine gute Entscheidung. „Die Abfahrt ist top für alle geübten Fahrer, die gerne im alpinen Gelände unterwegs sind.“ Nicht nur bei perfekten Tiefschneebedingungen. „Das Dammkar hat auch Charakter, wenn Buckel drin sind.“

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