Im Übertragungswagen laufen beim Saitenstraßen-Intermezzo alle Fäden zusammen.
+
Mit Hilfe ausgeklügelter Technik gelingt das Livestream-Experiment.

Livestream geglückt

Experiment mit Potenzial: 3200 Internetbesucher bei Saitenstraßen-Intermezzo

  • Andreas Mayr
    VonAndreas Mayr
    schließen

3200 Besucher verfolgten die digitale Variante der Isartaler Saitenstraßen im Internet. Einheillige Meinung der Organisatoren: Experiment gelungen.

Oberes Isartal – Michael Albrecht hat den Wahnsinn vor zwei Jahren erlebt und eingesogen. 18 Bühnen, 25 Techniker und dieses einmalige Flair, das das gesamte Saitenstraßen-Festival umwabert hat. Man kann das ruhig so schreiben: Er hat diese Stimmung zu einem beträchtlichen Teil selbst erschaffen mit seinen Mikrofonen, Lautsprechern und Lichtern. Von Krün aus betreibt er die Firma Klangniveau für Veranstaltungstechnik.

Seit einem Jahrzehnt arbeitet Albrecht mit der Isartaler Tourismus-GmbH Alpenwelt Karwendel zusammen. Im zweiten Coronajahr erhielt er nun einen Auftrag, an dem man auch hätte scheitern können: „Wir wollten den Spirit der Saitenstraßen erhalten“, sagt er. Allerdings nicht in engen Gassen, sondern in Hallen, in denen normal geturnt oder Theater gespielt wird. Drei Tage dauerte dieses Intermezzo der Saitenstraßen, übertragen im Internet (wir berichteten).

Moderates Budget

Wer Michael Albrecht nach einem ersten Fazit fragt, bekommt eine sehr persönliche Antwort: „Einfach anstrengend.“ Andererseits mag er es genau so. „So lange sich was rührt, bin ich jederzeit dabei. Das ist mein Herzblut.“ Auch für ihn war das Neuland, diese Video-Sache. Konzerte hat er schon oft betreut. Aber nicht mit einer Eins-zu-Eins-Schalte im Internet und nicht unter diesen Voraussetzungen: Räume mit Basketballkörben, Sprossenwänden, schwieriger Akustik und wenig Licht, große Abstände, viele Musikanten, wenig Zuschauer, moderates Budget – oder anders gesagt: kein Geld, kein Platz, keine Zeit.

„Du musstest an jeder Stelle Kompromisse eingehen“, sagt sein Kollege Martin Schulze. Aber nun, mit ein bisschen Abstand und nachdem er sich im Dorf sowie bei den Musikanten umgehört hat, kann Albrecht sagen: „Meine Rückmeldungen sind durchweg positiv. Da waren auch Skeptiker dabei, die wir überzeugen konnten. Das Produkt ist für die Ewigkeit.“

Die Zahlen, die die Alpenwelt Karwendel liefert, stützen seinen subjektiven Eindruck. Rund 350 Besucher konnten die Angebote in Präsenz erleben – wegen der notwendigen Corona-Abstände war die Gästeanzahl stark limitiert. Daher bot der Saitenstraßen-Verein drei Konzerte an, die mit aufwändiger Video- und Tontechnik ins Internet transferiert wurden.

2500 Abrufe bei Youtube

Die Übertragungen wurden während des Livestreamings von etwa 3200 Zuschauern gesehen. Alle drei Streifen waren in etwa gleich stark frequentiert. Auf Youtube haben die Videos bislang rund 2500 Abrufe erfahren (Stand Mittwoch). Auf Facebook zählte allein der Bayerische Rundfunk mehr als 7500 Klicks auf den Livestream der Kulturbühne, wo das Konzert aus Mittenwald gezeigt wurde. Zudem trafen sich Einheimische im Familien- und Freundeskreis, um das Ganze im Wohnzimmer zuverfolgen.

Gewiss hätten sie noch schönere Bilder liefern können, wirft Martin Schulze ein, aber man müsse auch mal die Umstände auslichten. Das Projekt sei „sehr schnell gewachsen“, erklärt Produktionsleiter Albrecht. Statt anfangs zwei, drei Gruppen standen dann 40 Musiker vor der Kamera. In allen Dörfern fanden sich Deko-Teams zusammen, die die größten optischen Makel (wie Turn-Interieur oder ähnliches) verdeckten und die Säle schmückten. Nicht selten kam’s vor, dass die fleißigen Helfer nach Hause sausten, um noch ein paar Blumen aus dem Garten zu holen.

Einen „wahnsinnig guten Job“ bescheinigt ihnen Albrecht. Sein Kollege betont: „Hochglanzbilder sind nicht das Zünglein an der Waage, um die Bilder zu transportieren.“ So gerne sich große Fernsehformate als makellose, heile Sonnenschein- und Strahlewelt inszenieren, dieses Produkt spiegelte die echte Volksmusik. „Uns war klar, dass wir ans Limit gehen müssen“, betont Albrecht, der zum Projekt mit allen Ecken und Kanten steht. „Wenn es jemand zerreden will, soll er einfach ausschalten“, stellt Martin Schulze, der Mann für die Videobilder, klar.

Konzerte der Zukunft

Auf jeden Fall sehen die Produzenten großes Potenzial. Im Oberen Isartal, ja im ganzen Oberland, gebe es sehr viele sehr gute Gruppen, die abseits des Heimatpops in ihrer Nische musizieren. „Die haben alle einen Platz in dem Format“, sagt Albrecht. In der Branche wird derzeit viel über die Konzerte der Zukunft diskutiert. „Es wird eine Vermischung geben, da es so einfach geworden ist, Bilder in die Welt zu transportieren“, glaubt Schulze.

Künftig also Gruppen in den Saitenstraßen plus Livestream? Nun, damit beschäftigen sich die Macher noch nicht. Fest steht nur: Ein Zurück zur Prä-Pandemie-Zeit dürfte es nicht mehr geben. Doch soweit möchte Thomas Schwarzenberger, der Vorsitzende des Saitenstraßenvereins und Bürgermeister von Krün, noch nicht denken. „Wir sind sehr glücklich, dass wir so kurz nach dem Ende des Lockdowns dieses Musikfest möglich machen konnten. Für die meisten Musikgruppen war es der erste Auftritt seit der zweiten Welle.“ Zu seinem Leidwesen fand dieser mit limitierter Zuschauerzahl statt. „Dafür haben wir die Musik zu den Menschen gebracht mit Hilfe des Internets.“

Und ein bisschen Bares hat’s obendrein gegeben für den federführenden Saitenstraßenverein. Der Bezirk Oberbayern gewährte dem Ausrichter des Musikfestivals eine Finanzspritze in Höhe von 5000 Euro.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare