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Äußerst kritisch: Das Auflager eines Binderbalkens auf einer Kurzstütze misst nur drei Zentimeter.

Nicht die Schneelasten waren das Problem

Fehlende Stützen, durchgebogene Balken: Statiker entdeckt bei Gebäude-Kontrollen Erstaunliches

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Die Verunsicherung war groß bei vielen Immobilienbesitzern. Trägt das Dach ihrer Gebäude die Schneelasten, oder nicht? Wolfgang Schwind wurde zur Expertise gerufen. Dabei entdeckte der Statiker teilweise grobe Schnitzer bei den Konstruktionen.

Oberes Isartal– Wolfgang Schwind ist erstaunt. Über das, was er während der schneeintensiven Tage bei seinen Gebäude-Kontrollen entdeckt hat. Heikle, bauliche Mängel. Zum Beispiel in einer historischen Immobilie eine stark verformte Pfette, also der parallel zum Dachfirst verlaufende Balken im Dachstuhl, abgeplatzte Auflager oder Dachbinder, die sich durchgebogen haben wie ein Kuhschwanz. „Da war Gefahr in Verzug“, sagt der Statiker. Es gab nur zwei Alternativen: Den Zimmerer anrücken lassen oder das Gebäude sperren.

Schuld an den Problemen sei in diesen Fällen nicht der viele Schnee gewesen, der auf die Dächer drückte. Sondern die Bauweise an sich oder der mangelnde Unterhalt durch die Eigentümer. Schwind zeigt sich erschüttert von „der ganzen Wahrheit“, die während des Katastrophenfalls zutage getreten ist. Verärgert über Menschen, die Stützen zur besseren Nutzung der Räume oder Hölzer entfernen, weil es ohne schöner aussieht. Und über die Fehler im Handwerk. Der 71-Jährige kann nicht nachvollziehen, wenn ein neues Dach nicht 40 Prozent der vorgeschriebenen Tragfähigkeit aufweist. Kam vor. Deshalb betont er: „Jedes Bauvorhaben muss der Baunorm entsprechen.“ Selbst, wenn es von einer Genehmigung freigestellt ist. Schwind verweist in diesem Zuge auf die Vorgaben der obersten Baubehörde, des Staatsministeriums für Wohnen, Bau und Verkehr, das genau festlegt, wie Bauherren mit Gebäuden umzugehen haben. Der Mittenwalder beobachtet den Trend, immer nach dem Staat zu rufen. Dabei müssten sich die Immobilienbesitzer im Klaren darüber sein, „das einzig sie die Verantwortung für Eigentum tragen – nicht der Landrat, nicht die Baubehörden oder der Bürgermeister.“

„Reine Medienkatastrophe“

Doch all das sind nicht die einzigen Erkenntnisse, die er aus diesen Tagen mitnimmt. Schwind legt einen Zettel auf seinen Bürotisch. Orte und jede Menge Zahlen stehen darauf. Sie belegen, warum der Statiker beim Ausnahmezustand von einer „reinen Medienkatastrophe“ spricht. Denn die Daten legen dar, welche Schneelasten vorhanden waren und welche zulässig sind. Er sagt: „Da gab es eine weite Differenz.“

Man nehme zum Beispiel Garmisch-Partenkirchen. Dort kam es am 17. Januar zu einer Schneelast von 119 Kilogramm pro Quadratmeter am Boden – um die Dachlast zu ermitteln, sind 20 Prozent abzuziehen –, nach neuesten Normen hätten es 336 sein dürfen. „Und es war schon mal fast das Dreifache da“, sagt der Experte. Im Jahr 1999 wurden 315 Kilogramm pro Quadratmeter verzeichnet (siehe „Zahlen & Fakten“). Selbst in den Brennpunkten, den Isartaler Gemeinden, verhielt es sich ähnlich. Trotzdem wurde der Katastrophenfall ausgerufen, um Einsatzkräfte anfordern zu können, die die Dächer freischaufeln.

Das Problem sei die „unklare Gemengelage“ gewesen, meint Schwind. Die Verunsicherung, was noch kommt. Er spielt auf die Wetterprognosen an, die Regen angekündigt hatten. Ein anderer Grund waren ihm zufolge die großen Schneekristalle, die viel Luft in sich binden, sehr leicht sind, aber zu großen Schneeanhäufungen geführt haben. Der Statiker bringt deshalb Verständnis für die Politik auf, weil sie Verantwortung gegenüber den Bürgern trägt.

Statiker macht Vorschläge für die Zukunft

Er selbst war tagelang unterwegs, kontrollierte 150 bis 200 Gebäude. In Elmau, Kaltenbrunn, Wallgau, Mittenwald, Garmisch-Partenkirchen und Krün. In letzterem Ort hat er sich die Aufgabe mit Statiker-Kollege Franz Ostler, einem Krüner mit Büro in Lenggries, geteilt. In bester Zusammenarbeit wie auch mit den Einsatzkräften.

Das Mitglied des Normenausschusses „Einwirkungen auf Tragwerke“ beim DIN in Berlin inspizierte ausschließlich Gebäude aus den Jahren vor 1976, als noch zwar umstrittene, aber weitaus geringere Belastungsgrenzen galten. Gerade Häuser, die nach der Jahrhundertwende errichtet worden waren, samt der damals beliebten Vorbauten, seien empfindlich, sagt Schwind. Oder die mit Firstgelenken ohne Firstpfette. Viele Menschen berichteten ihm oder dem Landratsamt von Rissen oder Pfetten, die sich nach außen biegen. Diese Dächer hat Schwind teilweise vom Schnee befreien lassen. Also nur die wirklich dringenden Patienten, um die Rettungskräfte zu entlasten und niemand einer Gefahr auszusetzen. Ansonsten empfahl er, einen Handwerker zu ordern.

Aufgrund der Prognosen, dass künftig öfter in kurzer Zeit viel Schnee fällt, macht sich Schwind Gedanken, wie man strukturelle Mechanismen optimieren könnte. Er wünscht sich einen Gedankenaustausch unter anderem mit den Bürgermeistern, dem Kreisbaumeister und dem Landrat. Das Ziel dahinter: eine Art Muster-Ablaufplan in Sachen Koordination aufzustellen. Außerdem denkt der Statiker an einen Hauspass, in dem alle wichtigen Daten zum Gebäude festgehalten sind. Vergleichbar mit der Notfalldose, mit denen sich Rettungskräfte über Krankheiten oder Medikationen informieren können. Er hat selbst die Erfahrung gemacht, wie wertvoll die Information in einer angespannten Lage sein kann. „Bei zwei Gebäuden haben die Eigentümer die statische Brechung vorgelegt“, erzählt Schwind und spricht Lob aus. „Das war vorbildlich.“ Es wäre ein kleiner Schritt mit großer Wirkung: schneller Datencheck, schnelles Handeln oder schnelle Entwarnung – falls nicht wieder überraschende Bausünden auftreten.

Zahlen und Fakten: 

Schneelasten am Boden (Dachlast minus 20 Prozent):
In Bad Kohlgrub am 14. Januar: 93,6 Kilogramm pro Quadratmeter – Belastungsnorm (ab 2018): 281 Kilogramm pro Quadratmeter

In Krün am 17. Januar: 193,8 Kilogramm pro Quadratmeter – 455 Kilo pro Quadratmeter. 

In Mittenwald am 17. Januar: 209 Kilogramm pro Quadratmeter – 496 Kilogramm pro Quadratmeter. 

In Oberammergau am 14. Januar: 134,4 Kilogramm pro Quadratmeter – 339 Kilogramm pro Quadratmeter. 

In Berchtesgaden am 17. Januar: 238 Kilogramm pro Quadratmeter – 307 Kilogramm pro Quadratmeter.

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