Strafgesetzbuch
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Eine Mittenwalderin (51) kommt vor Gericht mit einer Geldstrafe davon.

„Seelische Abartigkeit“

51-jährige Mittenwalderin: Freund geschlagen, Polizisten beleidigt

  • VonAlexander Kraus
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Wegen „seelischer Abartigkeit“ saß eine 51-jährige Mittenwalderin vor Gericht. Sie soll ihren Freund geschlagen und Polizisten beleidigt haben. Dennoch kam die rabiate Frau mit einer Geldstrafe davon.

Mittenwald – Die Erleichterung war ihr anzusehen, sogar ein leichtes Lächeln huschte ihr nach der Urteilsverkündung übers Gesicht. Die 51-Jährige hatte am 25. März vergangenen Jahres ihren Ex-Lebensgefährten in Mittenwald bedroht und geschlagen. Der verzweifelte Mann rief die Polizei, daraufhin beleidigte die betrunkene Frau die Beamten und leistete erheblichen Widerstand. Richter Andreas Pfisterer verurteilte sie nun vor dem Amtsgericht Garmisch-Partenkirchen zu einer Geldstrafe von 1200 Euro (120 Tagessätze zu 10 Euro).

Im Laufe der Verhandlung hatte die psychisch angeschlagene Angeklagte um eine Pause gebeten. Ihr Rechtsbeistand Christian Langhorst brachte seine Mandantin dann in den Gerichtssaal zurück. „Meiner Meinung nach ist sie nicht verhandlungsfähig“, meldete der Anwalt Zweifel an, die die Mittenwalderin aber beseitigte: „Ich versuche es.“ Und sie hielt bis zum Schluss durch, fand sogar noch einige persönliche Worte, in denen sie unter Tränen ihre „schlimme Situation“ und ihr „Gefühl der Angst und Verzweiflung“ schilderte.

Wenige Tage im ersten Lockdown artet der Streit aus

Ihren fatalen Aussetzer beschrieben der Ex-Lebensgefährte, bei dem sie drei Jahre wohnte, sowie die Polizeibeamten vor Gericht ausführlich. In Deutschland herrschte seit wenigen Tagen der erste Corona-Lockdown, als die Situation zwischen der Angeklagten und ihrem damaligen Freund in dessen Mittenwalder Wohnung eskalierte. „Der Streit ist wieder ausgeartet“, blickte der 65-Jährige auf den Abend zurück. Seine Ex-Freundin bespuckte ihn und schlug ihm mit der Faust ins Gesicht. „Sie hat mich grundlos angegriffen“, fügte er hinzu. Ob das öfters vorgekommen sei, wollte der Vorsitzende wissen. „Ich habe in der Öffentlichkeit Schläge von ihr gegen die Stirn bekommen, auch in Mittenwald“, sagte er. „Das ist allgemein asoziales Verhalten“, wunderte sich Pfisterer.

Ein Polizist gab an, die Streife sei angefordert worden, weil die Partnerin des Mittenwalders „die Bude zerlegt“. „Sie war sehr aufgebracht, laut und aggressiv“, berichtete der Beamte. Ein Glasschrank lag zerstört im Wohnzimmer. Nachdem die Angeklagte die Streife wiederholt beleidigt hatte, gab sie zu verstehen, dass sie nicht mehr leben wolle, weil sich ihr Partner von ihr trennen möchte und sie die Wohnung verlassen solle. „Es war klar: Wir mussten eine Unterbringung anordnen“, sagte der Polizist. Insgesamt vier Beamte versuchten, die hysterische Frau zu beruhigen – vergeblich. Auf dem Weg in die Psychiatrie nach Garmisch-Partenkirchen gingen die Schimpftiraden weiter. Jedoch: Ein tätlicher Angriff wurde ihr nicht angelastet. „Sie hat eher versucht, sich dem Griff zu entziehen“, sagte ein weiterer Polizist.

Bodycam-Aufzeichnung der Polizei zeigt schreiende Frau

Ein lebhaftes Bild lieferten die Bodycam-Aufzeichnungen: Die ständig schreiende Frau beleidigte die Beamten permanent und sah sich in der Opferrolle. „Wir haben genug gesehen“, beendete Pfisterer das Videostudium.

Der Sachverständige, ein Facharzt für Neurologie, bescheinigte der Angeklagten mehrere psychische Erkrankungen: Persönlichkeitsstörung, posttraumatische Belastungsstörung, Zwangshandlungen und Alkoholmissbrauch. Der Alkotest am Tatabend ergab rund 1,7 Promille. Die Frau steht seit zehn Jahren unter rechtlicher Betreuung, ist vermögenslos. „Sie ist langfristig erwerbsunfähig“, betonte der Gutachter, der die Schuldfähigkeit der Mittenwalderin gemindert, aber nicht aufgehoben sah.

Ironie des Schicksals: Für den Großteil der Geldstrafe muss der Geschädigte aufkommen

Ironie des Schicksals: Für den Großteil der Geldstrafe wird der Geschädigte aufkommen. Denn der Ex-Lebensgefährte unterstützt die Angeklagte nach wie vor finanziell und stellt ihr das Auto zur Verfügung. „Darum fällt die Strafe nicht höher aus“, begründete Pfisterer sein Urteil. Der Richter erkannte die „seelische Abartigkeit“ der Frau und ließ Milde walten. Staatsanwältin Daniela Kasper hatte eine Geldstrafe von 2100 Euro (140 Tagessätze zu 15 Euro) gefordert.

Eindrucksvoll schilderte die 51-Jährige ihre Situation: „Ich habe keinen festen Wohnsitz, lebe in Ferienwohnungen, Hotels. Mir droht die Straße.“ Zumindest muss sie nicht im Gefängnis einsitzen. Sie hatte offensichtlich mit einer Haftstrafe gerechnet und schien regelrecht befreit zu sein nach dem Urteil. Erhobenen Hauptes schritt sie aus dem Gerichtssaal.

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