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Ortsschild mit dabei: Sarah-Christin G. ist derzeit in Afrika stationiert. 

Neue Serie: Gebirgsjägerin berichtet aus Mali

Ein kleines Gefühl von Heimat

Mittenwald – Ende Mai ist es für viele Soldaten des Mittenwalder Gebirgsjägerbataillons 233 ernst geworden. Es begann ein schwieriger Auslandseinsatz in Mali. Eine Soldatin schildert im Rahmen einer neuen Serie ihre Eindrücke von der Mission Minusma. Ihr Nachname wird aus Sicherheitsgründen abgekürzt.

Kaum aus dem Flugzeug ausgestiegen, waren sie da: die Hitzewand und der unsichtbare Föhn, der mir auf höchster Stufe entgegenblies. Ein Saunaufguss ist nichts dagegen, und ein nasskalter Sommer in Deutschland war gar nicht so schlimm, dachte ich mir. Und doch war es vergleichsweise kalt zu den Wochen davor. Kälte bedeutet hier in Mali knapp unter 40 Grad Celsius. Alles eine Frage der Gewohnheit, dachte ich mir. Aber gerade in den ersten Tagen wollte ich mich nur schwer daran gewöhnen, den Kampf gegen die Hitze aufzunehmen. Ich freue mich definitiv jetzt schon auf einen kalten, schneereichen Winter bei meiner Rückkehr im Januar.

Dies ist nach Kabul in Afghanistan mein zweiter Auslandseinsatz. Ich möchte in den nächsten sechs Monaten über mein Leben hier in Mali berichten. Dabei geht es aber nicht nur um mich, sondern auch um die Eindrücke, die die Soldaten aus Mittenwald besonders bewegen. Mein erster Beitrag handelt von den Herausforderungen der Ankunft und darüber, wie schnell ich in der Realität ankommen musste.

Aber von vorne: Mein Einsatzabenteuer begann schon in Deutschland – mit dem wenig komfortablen Flug nach Mali mit dem Airbus A400M und einer Verspätung von 26 Stunden. Der Rucksack musste zur Rückenpolsterung dienen, zum Essen wurden verschweißte Sandwiches gereicht, die Musik aus dem Kopfhörer konnte die Lautstärke des Flugzeugs nur schwer übertönen. So vergehen mehr als 9 Stunden Flug sehr viel langsamer als in einem Ferienflieger. Die erste Station war Bamako, die Hauptstadt Malis. Von dort aus ging es nach einer kurzen Nacht mit einer kleineren Zivilmaschine weiter nach Gao, meinem Einsatzort.

Die ersten Tage waren geprägt von Einweisungen sowie von vielen administrativen Dingen. Bürokratie beherrschen wir nicht nur in Deutschland sehr gut. Mein Vorgänger wies mich in meine zukünftigen Aufgaben ein, und ich lernte Ansprechpartner kennen. Nach einigen Tagen konnte ich mich bereits im Camp bewegen, ohne mich mehrmals im Dunkeln zu verlaufen. Aufgrund einer latenten Anschlagsgefahr wird das Lager nachts nicht beleuchtet. Zudem sind mit jedem Tag viele Kameraden aus Mittenwald dazugekommen, so dass sich hier in der Ferne ein kleines Gefühl von Heimat einstellte.

Wir Soldaten können uns schnell an jegliche Gegebenheiten gewöhnen. Daher dauerte es nicht lange, bis sich auch bei mir nach kurzer Zeit eine gewisse Tagesroutine einstellte. Bis zum Mittwoch, 26. Juli. Ein Tag, an dem die Übergabe an den neuen Kontingentführer feierlich und im großen Rahmen stattfinden sollte. Alles war für diesen Nachmittag vorbereitet. Bis uns in der Mittagspause die Meldung über einen abgestürzten Kampfhubschrauber Tiger erreichte. Von da an „funktionierte“ jeder im Kontingent nur noch. Jeder tat in der Situation das, wozu er ausgebildet wurde und noch vieles darüber hinaus. Unser Lagebild verdichtete sich von Meldung zu Meldung. Schließlich die traurige Gewissheit: Die Besatzung des Helikopters hatte nicht überlebt. Zwei Soldaten starben.

Gleichzeitig war sie da: die Realität eines Auslandseinsatzes. In dieser Situation zeigte sich, dass Kameradschaft eben doch nicht nur ein Wort ist, sondern in diesen Tagen, Stunden und Wochen von fundamentaler Bedeutung ist. Wir hielten zusammen und wir arbeiteten bis zur Erschöpfung. Egal, ob außerhalb des Camps, an der Unfallstelle oder innerhalb des Camps. Wir arbeiteten dafür, dass dieses Unglück aufgeklärt wird und dafür, dass es einen würdevollen Abschied geben wird, den die Soldaten verdient haben. Doch es blieb uns keine Zeit zum Durchatmen. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hatte sich angekündigt, aufgrund des Unglücks mit einem veränderten Programm und Zeitplan. So schenkte sie allen Soldaten des Kontingents einen Tag lang ihre volle Aufmerksamkeit. Es gab lange Gespräche in den einzelnen Einheiten, in denen jede Frage gestellt werden durfte.

Uns werden die schweren Tage sicher noch lange in diesem Kontingent begleiten, wir werden sie mit nach Hause nehmen, aber wir werden uns auch daran erinnern, was Zusammenhalt bewirken kann: Jeder wächst über sich hinaus und stützt den anderen, wenn der nicht mehr kann.

Sarah-Christin G.

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