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Vorgehen des Landratsamts in der Kritik

Geigenbauschule: Experte spricht von Körperverletzung

Das Thema Gesundheitsproblem in der Geigenbauschule Mittenwald ist noch lange nicht vom Tisch. Wenige Tage nach Publikation der Untersuchungen des Landratsamts melden parallel gleich zwei Sachverständige Zweifel an der vorgelegten Expertise an.

Mittenwald – Die jüngste Presse-Mitteilung des Landratsamts verwundert Experten und macht sie fassungslos. In der Stellungnahme, die auszugsweise die Ergebnisse einer internen Untersuchung zu den Geruchsproblemen in der Mittenwalder Geigenbauschule wiedergibt, wird unter anderem darüber informiert, dass die Gutachter „zum Teil deutlich erhöhte PAK-Werte“ (Polycyclische Aromatische Kohlenwasserstoffe) festgestellt haben, „welche die geruchlichen Auffälligkeiten erklären könnten“.

Solche Aussagen machen Josef Spritzendorfer betroffen. „Diese Bagatellisierung von PAKs zu einem ,Geruchsproblem‘ halten wir für unverantwortlich.“ Der Baustoff-Experte aus Abensberg, Geschäftsführer der Europäischen Gesellschaft für gesundes Bauen und Innenraumhygiene (EGGBI), wird sogar noch deutlicher. „Bei PAK handelt es sich keineswegs um ein ,Geruchsproblem‘, sondern um eine massive gesundheitliche Gefährdung mittels krebserzeugender Stoffe.“

Leidtragende sind möglicherweise der Rektor der Schule, Dr. Frederik Habel und dessen Sekretärin, die seit Jahren über gesundheitliche Probleme klagen und bei denen Multiple Chemikaliensensitivität (MCS) diagnostiziert wurde. Die beiden hatten seit der Sanierung des alten Forstamts ihre Büros in den betroffenen Räumen, die nach Bekanntwerden der „Geruchsprobleme“ (2013) ungenutzt blieben. Das Schicksal des Personals, meint Spritzendorfer, „findet seitens der Behörden offenbar keine nennenswerte Erwähnung mehr“. Der Experte, dem bereits das ZDF einen Beitrag widmete, kommt zu dem Schluss: „Für die gesundheitlichen Folgeschäden, die immensen Probleme gerade bei MCS, wird offensichtlich von keiner Seite Verantwortung übernommen.“ Mehr noch: „Aus unserer Betrachtung handelt es sich um bewusst in Kauf genommene Körperverletzung – nicht nur des Schulleiters.“

Wird etwas vertuscht?

Die Verlautbarung des Landratsamts, in der von Bodenversiegelung und Entfernung des belasteten Unterbaus einschließlich des Parketts die Rede ist, bringt auch Dr. Uwe Erfurth zum Staunen. Der Diplom-Chemiker aus Bad Kohlgrub weist die Behörde seit Jahren auf den seiner Meinung nach Baupfusch in der Geigenbauschule hin. Er fragt sich: Warum wird das neueste Gutachten nicht vorgelegt? Warum erhalten die Betroffenen und die Öffentlichkeit keinen Einblick in selbiges? „Da drängt sich einem doch der Verdacht auf, dass hier etwas vertuscht werden soll!“ Bei dem Umbau des Forstamts zum Verwaltungsgebäude der Geigenbauschule spricht Erfurth von „klassischem Planungsversagen“. „Denn zu den grundlegenden Regeln gehört es, bei der Sanierung von Altbauten nach möglichen Schadstoffen auch und gerade in der Unterkonstruktion zu suchen.“ Das sei alles nicht geschehen. „Auch gibt es keinerlei Gutachten über die verwendeten Baustoffe.“ Alles Handlungsweisen, die für den Experten nicht nachvollziehbar sind.

Der empfohlene Bodenaustausch scheint Erfurth ebenfalls nicht genug. „Das reicht nicht, da wird man scheitern“ – weil nach wie vor die Geruchsstoffe in den Fensteranstrichen schlummern. „Das wird bei den beiden betroffenen Menschen zu einem neuen Krankheitsschub führen.“

Dass Behörden in solch heiklen Fällen auf die Bremse drücken, kennt Spritzendorfer aus dem Effeff. „Es ist überall das gleiche, die Vorgehensweise wiederholt sich.“ Er rät den „Opfern“, nicht locker zu lassen – und Einblick in die neueste Expertise zu erhalten. „Jeder Bürger des Landkreises hat das Recht, das Gutachten anzufordern – es wurde mit öffentlichen Mitteln bezahlt.“

Offenbar völlig von der Kommunikation abgeschnitten scheint Frederik Habel. Die neueste Entwicklung will er aus dem Tagblatt erfahren haben.

Christof Schnürer

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