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Ja zum Hotel, nein zum Bürgerentscheid

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Von: Christof Schnürer

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Die Gemeinderäte Stefan Schmitz, Josef Schandl, Kerstin Corongiu, Georg Seitz, Kurt Stransky, Michael Altmann und Dieter Schermak an einem Infostand vor dem Pilgerhaus in Mittenwald..
Stehen für ihre Überzeugung: (v. l.) die Gemeinderäte Stefan Schmitz, Josef Schandl, Kerstin Corongiu, Georg Seitz, Kurt Stransky, Michael Altmann und Dieter Schermak. © Privat

Über die Parteigrenzen hinweg setzen sich die Mittenwalder Gemeinderäte - bis auf eine Ausnahme - für das geplante aja-Hotel ein. Deshalb sagen sie nein zum Bürgerentscheid.

Mittenwald – Wenn es um das vieldiskutierte aja-Hotel in Mittenwald geht, ziehen fast alle im Gemeinderat an einem Strang. Im Gegensatz zu SPD-Einzelkämpferin Ursula Seydel, die vehement gegen den „überdimensionierten Gebäuderiegel“ zu Felde zieht, glaubt der Rest im Rathaus an das Millionen-Projekt an der Bahnhofstraße. Drei Wochen vor dem Tag der Wahrheit (24. Oktober) üben sie sogar den interfraktionellen Schulterschluss. Vor dem Pilgerhaus sagten Vertreter von Bürgervereinigung (BV), SPD, Freie Wähler und CSU geschlossen „Nein“ zum Bürgerentscheid, mit dem das Vorhaben der Deutschen Seereederei (DSR) auf (noch) Gemeindegrund verhindert werden soll.

Die eine Seite zeigt also seit Wochen Flagge und möchte die Mittenwalder mobilisieren. Von den Hotelgegnern ist nach wie vor wenig bis gar nichts zu hören oder zu sehen. Die Gegenseite indes trommelt umso lauter – und zwar regelmäßig. „Kommenden Samstag wird am Dekan-Karl-Platz nochmals eine solche Infoveranstaltung stattfinden“, teilt CSU-Ortsvorsitzender Peter Wimmer mit.

Unabhängig davon betreiben die einzelnen Gruppierungen auch getrennt von einander Aufklärungsarbeit, wie sie es nennen würden. So haben nach dem Online-Abend der CSU auch die Freien Wähler zum öffentlichen Diskurs ins Hotel Post gebeten. Einige ihrer Sympathisanten werfen ihnen beim aja-Hotel eine Rolle rückwärts vor. Doch der neugewählte Ortsvorsitzende Florian Lipp versichert: „Unsere im Wahlkampf vertretenen Positionen sind berücksichtigt worden.“

Beispielsweise bei den Konditionen. „Der Verkaufspreis von 200 Euro pro Quadratmeter ist kein Schleuderpreis, denn Gutachter haben im April 2021 diese Summe als realistisch eingestuft.“ Lipp hebt in diesem Zusammenhang die positiven Auswirkungen dieses mehrstöckigen 296-Zimmer-Hauses auf den Gemeindehaushalt hervor. „Ohne die Gewerbesteuer rechne ich mit rund 250 000 Euro an Einnahmen, und deshalb sind wir für dieses Hotelprojekt.“

Bei Rathauschef Enrico Corongiu (SPD) sind’s sogar um die 300 000 Euro per anno. Bei der Bürgerversammlung im Juli sprach er von 220 000 Euro bei der Kurtaxe, 55 000 Euro beim Fremdenverkehrsbeitrag und etwa 30 000 Euro bei der Grundsteuer B.

Der Investor glaubt, dass es in Mittenwald boomt.

Gemeinderat Florian Lipp

Ein Grundstücksverkauf für eine reine Wohnanlage würde laut Florian Lipp zwar eine höhere Einnahme bedeuten, dies allerdings nur einmal. „Deshalb sind wir für den Bau.“ Lipp führte weiter auf, dass dieses aja-Hotel keine Gäste abzieht, sondern auch eine andere Klientel wie Kurzurlauber in den Geigenbauort bringt. „Die Nebensaison wird durch einen ganzjährigen Betrieb ausgeglichen.“ Der „Dauberweiß“ glaubt auch, ein Argument gegen die vielfach vertretene Meinung zu haben, das Hotel sei überdimensioniert und passe vom Stil nicht in den Ort. So seien die aneinander gereihten Geschäftshäuser an der gegenüberliegenden Bahnhofsstraße „auch ein Komplex von 107 Meter Länge“. Und die Frage der Optik sei reine Verhandlungssache: „Wir versichern, uns für eine ortsverträgliche Hotelbebauung einzusetzen.“

Auf die Frage von Zuhörer Hans Bader, was passieren würde, falls die Übernachtungsprognosen nicht eintreffen, antwortete Lipp kurz und knapp: „Der Investor glaubt, dass es in Mittenwald boomt.“ Grundsätzlich für den Hotelbau stimmte auch Josef Zunterer junior (Gasthof Alpenrose). Er meldete aber Bedenken wegen der angekündigten 60 bis 70 Angestellten an. „In Mittenwald macht sich doch jetzt schon im Hotel- und Gaststättengewerbe ein großer Fachkräftemangel bemerkbar“, verdeutlichte Zunterer. „Wie wollen die Investoren dies auffangen, und wo sollen die vielen neuen Angestellten überhaupt unterkommen, wenn wir schon jetzt einen großen Wohnungsmangel haben?“

Trotz dieses schlüssigen Einwands ist das aja-Hotel für Zweiten Bürgermeister Georg Seitz im Hinblick auf latente Strukturprobleme alternativlos. „Mittenwald kann nur noch 3837 Betten anbieten. Daneben hören viele Vermieter aus Altersgründen auf.“ Folge: „Der Gemeinde fehlen wichtige Steuereinnahmen.“

Die Contraseite verbreitet leider nach wie vor Halb- oder Unwahrheiten. 

Gemeinderat Stefan Schmitz

Ähnlich sieht es Gemeinderatskollege Stefan Schmitz (BV). Er hatte am Wochenende ins Bürgerhaus zum Meinungsaustausch gebeten. Gerade mal zwölf Interessierte waren gekommen. Sehr dürftig, findet Schmitz. „Als engagierter Gemeinderat fällt mir auf, dass sich die Mehrheit der Bürger grundsätzlich dem nüchternen Austausch an Argumenten entzieht“, schreibt der Berufschullehrer in einer Stellungnahme ans Tagblatt. Was für ihn mindestens genauso schwer wiegt: „Die Contraseite verbreitet leider nach wie vor Halb- oder Unwahrheiten. Die federführenden Gegner des Bürgerbegehrens zeigen sich selten in öffentlichen Präsenzveranstaltungen und stellen dann auch keine Fragen, wie bei der Bürgerversammlung im Juli.“ Bei der Sondersitzung am 11. August – auch da ging es ebenfalls um das Thema aja – „war kein Bürger vor Ort!“

Zudem geht Schmitz mit Gemeinderatskollegin Seydel hart ins Gericht. „Leider verbreitet unsere Referentin für Wirtschaftsförderung Behauptungen, die man so nicht stehen lassen kann, da sie schlichtweg zum Teil überhaupt nicht belegt sind.“ Das beginnt laut Schmitz bei der Höhenentwicklung des Hotels und endet bei der Nutzung des Wellnessbereichs.
Wolfgang Kunz

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