Überschätzt hat sich ein Skifahrer in der roten Rinne.
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Überschätzt hat sich ein Skifahrer in der roten Rinne.

Rote Rinne wird zum vermeintlichen Hotspot

Instagramer verleitet viele Skifahrer zu brandgefährlicher Tour - Selbst Profis scheitern

  • Josef Hornsteiner
    vonJosef Hornsteiner
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Ein Instagram-Star verlockt Fans mit atemberaubenden Bildern zu einer bedrohlichen Tour in die rote Rinne. Aus einem Geheimtipp ist ein Hotspot geworden. Nun musste die Mittenwalder Bergwacht innerhalb weniger Wochen zwei Verletzte retten. Der Ansturm geht aber weiter.

Mittenwald – Die Bilder sind atemberaubend. Ein Mann steht auf der verschneiten Tiefkarspitze, die Skier auf den Rücken geschnallt. Ein „perfekter Tag“ schreibt der junge Garmisch-Partenkirchner darunter – mit feierndem Smiley. Fast 24 000 Menschen folgen ihm auf Instagram. Sein Account dürfte aber weitaus mehr Menschen erreichen. Seine Fans geben den Bildern Herzchen, teilen sie – und nehmen die in Szene gesetzten Internet-Motive vermeintlich zum Vorbild. Zwei Männern hätte das nun beinahe das Leben gekostet.

Seit Heinz Pfeffer Bereitschaftsleiter der Mittenwalder Bergwacht ist, hat er noch nie einen Einsatz in der roten Rinne gehabt – ein steiler und unwegsamer Hang von der Dammkar-Skiroute hinauf zur Tiefkarspitze. Mit Felswänden durchsetzt, nur 50 Meter breit und fast 50 Grad steil. Jahrzehntelang war die Strecke nahezu unbekannt. Nur ganz wenige Einheimische, die das Skifahren und Bergsteigen aus dem Effeff beherrschen, trauten sich dort hinein.

Bis zu 500 Skitourengeher am Tag sind während der Karwoche im Mittenwalder Dammkar unterwegs gewesen.

Seit sechs Wochen – kurz nach besagtem Instagram-Post – machen sich ganze Heerscharen mit den Skiern auf diesen gefährlichen Weg. Innerhalb dieser kurzen Zeit mussten die Bergretter bereits zweimal zur roten Rinne ausrücken. Der erste Sturz eines Skifahrers im Februar in der Rinne endete mit einer Rückenverletzung. Der zweite am Gründonnerstag mit Wunden im Gesicht und Prellungen. „Beide hatten gleich mehrere Schutzengel“, ist sich Einsatzleiter Luis Ostler sicher. Denn wer einmal in diesem Gelände zu Fall kommt, stürzt weit. So schlitterte der 29-Jährige am Donnerstag gut 150 Meter nach unten, kam erst unterhalb der Felswand zum Liegen. Zwei Bergretter, eine Notärztin und ein Flugretter bargen den Verletzten und brachten ihn mit dem Hubschrauber Christoph Murnau ins Unfallklinikum Murnau.

Was Ostler dabei nachdenklich stimmt: Bei beiden Gestürzten handelte es sich um geübte Alpinisten. „Doch selbst für die ist die Strecke sehr gefährlich.“ Ostler kann nur den Kopf schütteln. Am Karfreitag haben seine Kameraden bereits die nächsten 15 Skitourengeher beobachtet, wie sie am Vormittag die Rinne hochstiegen. „Wenn da nur einer stürzt, ist es wie auf einer Kegelbahn. Der obere reißt die unteren mit in die Tiefe.“ Ganz zu schweigen von der Lawinengefahr: „Wenn da der weiche Schnee runterkommt, kann keiner mehr entkommen.“ Besonders, wenn sie zu spät losgehen. „Je länger die Sonne auf die Hänge scheint, desto größer die Lawinengefahr.“

Mit Bange blickt die Bergwacht Mittenwald auf die kommenden Ostertage

Mit Bange blicken Ostler und Pfeffer nun auf dieses verlängerte Osterwochenende. Bereits in der Karwoche erklommen täglich bis zu 500 Tourengeher das Dammkar. Samstag, Sonntag und Montag sind sie in erhöhter Alarmbereitschaft. Verbieten wolle die Bergwacht natürlich keinem etwas. Könnte sie auch gar nicht. Aber appelliert Pfeffer, sich nicht von verlockenden Bildern aus dem Internet zur Selbstüberschätzung verleiten zu lassen. „Jeder soll seine Fähigkeiten realistisch einschätzen.“ Damit sich keiner unnötig in Gefahr begibt – und damit auch die Bergretter.

Ihm wäre lieber, es würden erst gar keine Bilder ins Netz gestellt werden – um Nachahmer zu vermeiden. Zumal ihn ärgert, dass im Internet die rote Rinne sogar für Schneeschuhgeher und Bergsteiger angepriesen wird. „Das ist verantwortungslos und lebensgefährlich.“ Er will, dass sich jene, die mit Instagram-Beiträgen zu gefährlichen Touren animieren, „sich ihrer Verantwortung endlich bewusst werden“.

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