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Und Action: Das Fernsehteam aus Japan um Koordinatorin Tokomo Shiina (Strohhut) und Regisseurin Kumiko Igarashi (blaues Shirt) drehen im Mittenwalder Obermarkt mit Merkur-Redakteurin Janine Tokarski.

Drei Drehtage in Mittenwald

Japanisches Fernsehteam geht dem Nazi-Schatz auf die Spur

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Die Sagen von einem Nazi-Schatz haben Magnetwirkung: Erst ziehen sie niederländische Schatzsucher an, jetzt ein japanisches Fernsehteam. Angelockt von einem Notenblatt, das bis heute Rätsel aufgibt. 

Mittenwald – Regen fällt. Es ist kalt. Nichts, was ihn abhalten könnte von seiner Mission. Leon Giesen will es finden, das Nazi-Gold. In Mittenwald, im Erdreich der Wörnerstraße. 2,60 Meter gräbt sich die Baggerschaufel in den Boden, ein Geologe steigt mit Metalldedektor hinab, taucht wieder auf – mit einem verrosteten Draht in den Händen. Giesens Suche, sie scheitert. Trotzdem hinterlässt der Niederländer etwas für die Nachwelt: die Geschichte eines Mittenwalder Mysteriums.

Das war vor knapp vier Jahren, am 30. Oktober 2013. Am vergangenen Mittwoch steht an dieser Stelle wieder ein Team. Ausgerüstet mit Kamera und Mikrofon. Es sind fünf Asiaten. Sie drehen einen Beitrag für einen japanischen Fernsehsender aus Tokio. Dabei erinnert nur noch ein rund zwei Meter langer Asphaltfleck an die Grabung.

Liegen nun begraben: Metalltafeln mit den Namen von 840 Sponsoren, die Leon Giesen unterstützt haben

Das stört die Truppe nicht. Schätze sind mit etwas Geheimnisvollem behaftet. „Solche Geschichten gibt es auch über die Tokugawa-Regierung“, sagt Koordinatorin Tomoko Shiina in fast fehlerfreiem Staccato-Deutsch. Sie übersetzt die Worte der Regisseurin Kumiko Igarashi. Die Existenz der Nazi-Schätze sei aber realistischer. Und spannender. Der perfekte Stoff für hohe Einschaltquoten.

Nicht zum ersten Mal ist das Team nach Europa aufgebrochen, um zu drehen. Bereits im vergangenen Jahr wurde über verborgene Schätze aus der Zeit des Hitler-Regimes eine Sendung im Land der aufgehenden Sonne ausgestrahlt. Aufnahmeort damals: Österreich, im tiefsten Winter. In der „wunderschönen, hübschen“ Isartaler Marktgemeinde ist die Regisseurin schon dreimal gewesen, betrat also diesmal kein völlig neues Terrain. Geografisch wie thematisch.

Name des Senders und des Beitrags geheim

Die Partitur von Gottfried Federleins „Marsch Impromptu“ führte die Fernseh-Crew nun für Folge zwei nach Mittenwald. Hitlers Sekretär Martin Bormann soll darin eine versteckte Botschaft über den Standort des Schatzes unterm Karwendel platziert haben. „Wir haben die Noten bekommen“, erzählt Shiina im Namen von Igarashi. Wie und woher, das verrät sie nicht. Ebenso wenig den Titel des Senders und der Sendung. Es folgten Recherchen – schließlich stieß man auf Giesen, seine Bohr-Aktion – und auf eine weitere für das Team interessante Person.

Im Post-Hotel im Obermarkt warten die Asiaten auf Janine Tokarski. Als sie das Foyer betritt, springt das Filmteam von seinen Plätzen, stürzt auf sie zu, behandelt sie wie einen Star. 2013 hat die damalige Mitarbeiterin des Garmisch-Partenkirchner Tagblatts von der Grabung berichtet. „Sie weiß am Besten Bescheid“, betont Shiina.

Journalistin schlüpft in Experten-Rolle

Der Dreh mit der Journalistin, die inzwischen als Redakteurin für den Münchner Merkur in Unterhaching arbeitet, war nicht von langer Hand geplant. Erst wenige Tage vor dem Treffen in Mittenwald kontaktierte Shiina die 32-Jährige, engagierte sie als Interview-Partnerin. Tokarksi wechselt die Seiten – vom Beobachter zum Fernseh-Experten. Sie selbst sagt etwas nervös: „Ich bin lieber hinterm Block.“

Lange fackeln die Asiaten nicht. Sie stecken ihrer Protagonistin eine Kopie des Notenblatts zu: Marsch in der Tasche – Marsch durch den Obermarkt. Tokarski läuft vorneweg, das Filmteam trottet hinterher. Die Menschen im Zentrum Mittenwalds schauen verdutzt, gaffen, tuscheln. Wer ist diese Frau in dem schwarz-weiß gestreiften Sommerkleid, mit den braunen langen Haaren und rot geschminkten Lippen, mögen sich einige bestimmt gefragt haben. Etwa ein Promi?

An der Matthias-Klotz-Statue richtet der Kameramann sein Arbeitsgerät frontal auf Tokarski, die direkt neben der Bozner-Markt-Pranger-Bühne platziert wird. Was die Menschen in dem weit entfernten Inselstaat da wohl denken? Dass in Mittenwald noch mittelalterliche Zustände herrschen? Das Filmteam schert sich nicht drum, es weiß, dass das historische Spektakel bevorsteht. Für die 32-Jährige wird’s jetzt ernst. Shiina löchert sie mit Fragen zum Nazi-Schatz, zur Partitur, den versteckten Zeichen darauf und zum zentralen Satz „Wo Matthias die Saiten streichelt“. Die Redakteurin füttert sie mit Informationen. Aus dem Effeff. Wenige Minuten später ist die Szene im Kasten.

Sendung wird in Japan im Oktober ausgestrahlt

Großes Tamtam macht die Crew nicht. Alles läuft zackig ab. Der Zeitplan ist straff. Auch Bürgermeister Adolf Hornsteiner will sie tags darauf noch vor die Linse bekommen, ehe es nach drei Drehtagen wieder nach Tokio geht. Zurück in der Heimat wartet die Feinarbeit bis zum Sendetermin im Oktober. Das Material schneiden zum Beispiel. Oder Tokarskis und Hornsteiners Sätze ins Japanische übersetzen.

An der Wörnerstraße endet die Dreh-Premiere der Redakteurin. Damals, sagt Tokarski, „war’s nicht so spektakulär wie heute“. Von den sich verzweigenden Schienen über die Alpenfestung bis hin zur Einstellung der Mittenwalder zu dem Thema – die Japaner haben sämtliche Infos aus ihr herausgequetscht. Ein paar Handschläge und Dankes-Bekundungen später zieht die Truppe ab. Wie Giesen ohne Schatz, aber mit spannenden Einblicken in ein Mittenwalder Mysterium.

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