Der Fosnochtsjodler erklingt über den Straßen des Obermarkts. Maschkera haben sich in verschiedenen Häusern an den Fenstern positioniert, um trotz der Auflagen ihr Brauchtum leben zu können.
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Der Fosnochtsjodler erklingt über den Straßen des Obermarkts. Maschkera haben sich in verschiedenen Häusern an den Fenstern positioniert, um trotz der Auflagen ihr Brauchtum leben zu können.

Aus Fenstern erklingen Gesang und Musik

Corona-Unsinniger in Mittenwald: Jetzt fensterln die Maschkera

Die Mittenwalder lassen sich ihre Tradition nicht nehmen. Mit einer kreativen Lösung konnten sie trotz aller Corona-Auflagen für ein buntes Fasnachts-Treiben sorgen. Die Maschkera musizierten und sangen einfach aus ihren Fenstern.

Mittenwald – Nein, die Resi haben sie nicht verhaftet. Auch wenn sie nach dem 12-Uhr-Läuten mit grünem Trachtenhut samt Flaum, Heaslan und Glocken durch Mittenwald zieht. Resi, ein gutmütiges Rindvieh, war der einzige Schellenrührer an diesem Unsinnigen Donnerstag im Obermarkt. Doch war es nicht der einzige Maschkera. Denn sie ließen es sich nicht nehmen. Und eines muss man den Mittenwaldern lassen: An Kreativität ist ihnen nur schwer das Wasser zu reichen.

Um kurz nach 12 Uhr ist eine Trommel zu hören. Ein paar Einheimische sind derweil auf dem Weg zum Einkaufen. So mehr oder weniger. „Heute sind auffällig mehr Leute als sonst unterwegs“, resümiert ein sichtlich amüsierter Rudi Rauch, Ex-Gemeinderat. Zufällig verirrt haben sich wohl nur die wenigsten. Doch was passieren wird, wusste wohl keiner.

Trommeln, Pfeifen und Gesang aus den Fenstern des Obermarkts

Der Trommelschlag ertönt aus einem offenen Fenster in einem der malerischen Häuser am Obermarkt. Ein Maschkera kommt zum Vorschein. Es erklingen Pfeifen. Ein Maskierter lugt in einem Hausgang hinter einer Gittertür hervor. Auf der anderen Seite tanzt ein Bär in einem weiteren Hausgang. Fünf, sechs Fenster in verschiedenen Häusern gehen auf. Zuerst spielt eine Ziehorgel, dann eine zweite. Ein Affe hüpft aus einem Eingangsbereich. Er schlägt auf ein Tambourin zum Takt der Musik. Binnen Minuten verwandelt sich die pittoreske Häuserzeile im Herzen der Marktgemeinde in einen Hexenkessel: Es wird gejodelt, gesungen, gespielt – alles coronakonform mit Abstand über den Straßen Mittenwalds.

Unten stehen Polizisten. Einige müssen schmunzeln, als sie das Treiben über ihnen bemerken. Mehrere Einsatzbusse positionierten sie am Dekan-Karl-Platz. Bereits am Vormittag patrouillierten sie am Obermarkt, haben sich auf ein etwaiges Faschingstreiben vorbereitet. Die Probleme bezüglich Corona sind hinlänglich bekannt. Doch damit haben sie wohl nicht gerechnet: Mit Maschkera, die bestens gelaunt aus den Fenstern und Hausgängen den Fasnachtsjodler anstimmen.

Die Resi erwischt haben diese Polizisten. Sie weisen die Fasnachtsnarren freundlich, aber bestimmt auf die Schutzmaßnahmen hin.

Doch für noch mehr Überraschung bei ihnen sorgt dann die Resi. Von einem Maschkera, der als Polizist verkleidet ist, flankiert. Er hält ein Schild in die Höhe: „Resi beim Schellenrühren erwischt.“ Am Eingang zum Obermarkt trifft er auf die „echten“ Kollegen. Sie halten das Trio (zwei davon sind verwandt) auf. Der „echte“ Beamte erklärt nun dem „falschen“ freundlich, baer bestimmt, der Tross dürfe seine Resi nur zum Gassigehen ausführen, wenn die Schutzmaßnahmen eingehalten werden – das bedeutet: Gesichtsmaske auf, Faschingsnase runter. Auch das Schild solle er nicht hoch halten. Also schleift der verkleidete Gesetzeshüter das Banner einfach hinter sich her. So darf das Trio durch die Fußgängerzone ziehen.

Trommlerische Grüße nach unten: Ein Maschkera spielt auf.

Als sich die ersten Menschentrauben in der Fußgängerzone bilden, gehen die Fenster auf einen Schlag zu. Die Maschkera verschwinden im Hausgang. Innerhalb weniger Minuten ist das bunte Treiben vorbei. Im Ortskern herrscht wieder die mittlerweile bekannte und verhasste Corona-Stille. Die paar wenigen, die das Glück haben, zufällig das Spektakel erlebt zu haben, machen fleißig Videos und Fotos. In den sozialen Netzwerken gehen die Aufnahmen schnell viral. Der Zuspruch ist gigantisch. Aus ganz Deutschland trudeln Nachrichten ein. Man freut sich, dass es die Mittenwalder trotz aller Verbote geschafft haben, zumindest ein stückweit das Brauchtum des Maschkera-Gehens aufrecht zu halten. VON WOLFGANG KUNZ

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