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Ziehen unverrichteter Dinge wieder ab: Diese jungen Griechen und ihre Gastgeber wollen über Kriegsverbrechen diskutieren.

Gebirgsjäger in der Kritik

Edelweiß-Kaserne: Junge Griechen müssen draußen bleiben

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Die Verbrechen der deutschen Gebirgsjäger im Zweiten Weltkrieg sind unbestritten. Junge Griechen wollten darüber mit Mittenwalder Rekruten diskutieren. Doch die Tore der Edelweiß-Kaserne blieben für die enttäuschte Delegation zu. Das betroffene Bataillon 233 nennt dafür terminliche Gründe.

Mittenwald – Wie sehr die Greuel der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg ins Hier und Jetzt reichen, beweist der Dokumentarfilm von Chrysanthos Konstantinidis. Sein „The Balcony – Memories of Occupation“, der am kommenden Donnerstag in Berlin erstmals in der Bundesrepublik gezeigt wird, behandelt ein ganz dunkles Kapitel der Gebirgsjäger: das Massaker von Lingiades am 3. Oktober 1943. 83 Einwohner – das jüngste Opfer war zwei Monate, das älteste 100 Jahre alt – brachten die deutschen Soldaten um. Es war die Vergeltung für die Ermordung von Oberstleutnant Josef Salminger, Vater des späteren Mittenwalder Bürgermeisters, durch griechische Partisanen. „Was hier in Lingiades und an vielen anderen Orten Griechenlands in den Jahren zwischen 1941 und 1944 geschah, verstört bis heute“, sagte Bundespräsident Joachim Gauck, als er am 7. März 2014 am Mahnmal in Lingiades einen Kranz niederlegte.

Schatten der Vergangenheit

Die Schatten der Vergangenheit legen sich nach wie vor über die deutsche Geschichte. Ein Grund für den Verein „Wilde Rose“, dieses heikle Thema dort zu diskutieren, wo die Gebirgsjäger unter anderem beheimatet sind: in Mittenwald. Dorthin wollte dieses interkulturelle Jugendnetzwerk im Bund Deutscher Pfadfinder (BDP) zehn junge Griechen der Organisation Agrio Rodo begleiten. In der Edelweiß-Kaserne sollte mit Rekruten des Bataillons 233 diskutiert werden, wie ihnen die Geschichte ihrer Einheit im Zweiten Weltkrieg vermittelt wird, und wie sie selbst dazu stehen. „Leider kam es zu einer solchen Begegnung nicht, da in der Kaserne niemand bereit beziehungsweise in der Lage war, sich mit den jungen Griechen zusammenzusetzen“, bedauert Organisator Herbert Swoboda. „Es drängt sich der Eindruck auf: Die wollten das nicht!“ Also zog die Delegation unverrichteter Dinge ab – und schaute sich das Gebirgsjäger-Ehrenmal auf dem Hohen Brendten an. Nichts desto weniger betont Swoboda: „Die Griechen waren sehr enttäuscht.“ Zumal sie die Bundeswehr-Soldaten mit zum Teil provokativen Fragen konfrontieren wollten. Beispiele hierfür sind: Wie fühlen sich Ihrer Meinung nach die Soldaten, dass sie zu einer Einheit gehören, die eine solche Geschichte hat? Nimmt das Bataillon „Edelweiß“ an Gedenkveranstaltungen der Opferdörfer in Griechenland teil? oder Inwieweit ist die Fortführung des Namens „Edelweiß“ mit dem neuen Traditionspflege-Erlass zu vereinbaren?

Bataillon sagt Nein

Dass es nicht zu einem Gespräch zwischen jungen Griechen und jungen Deutschen kam, hat aus Sicht des Bataillons rein terminliche Gründe. „Unsere Grundausbildung ist zu eng ausgeplant, als dass eine Diskussionsrunde innerhalb der Dienstzeit machbar wäre“, teilt Presseoffizier Dennis Arians der „Wilden Rose“ mit.

Der stellvertretende Kommandeur des Bataillons 233, Mario Klötzer, wird gegenüber dem Tagblatt konkreter. „Wir waren nicht unhöflich“, versichert der Oberstleutnant. „Wir setzen uns seit Jahrzehnten mit Kriegsverbrechen auseinander.“ Das sei ein wesentlicher Baustein der politischen Bildungsarbeit – gerade mit Rekruten. Doch eines ist für Klötzer auch klar: „Bundeswehr-Tradition beginnt mit der Aufstellung der Bundeswehr.“ Hitlers Wehrmacht sei keinesfalls „traditionsstiftend“.

Brief an Ministerin

Trotz der Beteuerungen aus der Edelweiß-Kaserne hat die „Wilde Rose“ einen Brief an Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) geschickt. Leider sei man mit dem Anliegen gescheitert, in Mittenwald über Geschichtsaufarbeitung zu sprechen. „Was wir bedauern“, heißt es in dem Schreiben. „Wir glauben nicht, dass dies im Sinne des neuen Traditionspflegeerlasses ist.“

Ferner berichten Swoboda und Co. der Politikerin, dass wir „zu unserem großen Erstaunen“ auf dem Hohen Brendten „einen Kranz von Ihnen als Ministerin der Verteidigung“ vorfanden – nicht etwa an der neuen Tafel für die Gefallenen der Bundeswehr, sondern am Denkmal der Gefallenen beider Weltkriege. „Zufall oder Absicht?“

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