Bereit für Weihnachten sind Mira Van Dijk (l.) und Freya Schröder mit dem zweiten Satz aus „Winter“ von Antonio Vivaldi.
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Bereit für Weihnachten sind Mira Van Dijk (l.) und Freya Schröder mit dem zweiten Satz aus „Winter“ von Antonio Vivaldi.

Virtueller Adventskalender

Corona-Alternative für Mittenwalder Jugendorchester: Klangvolles Internet, statt Stille im Saal

  • Josef Hornsteiner
    vonJosef Hornsteiner
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Adventskalender des Jugendorchesters Mittenwald zeigt einheimische Musiker beim Musizieren. Jeden Tag bis Heiligabend gibt es mindestens ein Video.

Mittenwald – Eine dicke Kerze brennt am Tisch. In einer gemütlichen Mittenwalder Holzstube steht Regina Wurmer und zählt bis drei. Langsam beginnt sie mit ihrer Geige zu spielen. Ihr Papa, Matthias Wurmer (Schmitzer), zupft bedächtig auf seiner Zither, die mit kleinen Nikoläusen geschmückt ist. Daneben sitzt Sohn Matthias und Cousine Anna Klotz, ebenfalls mit einer Geige. Die gesamte Familie spielt den „Leichten Walzer“. Eine Volksweise. Sissi Gossner bekommt Gänsehaut, wenn sie das Video sieht. Eine perfekte Einstimmung auf die Adventszeit, findet sie.

Gossner ist glücklich, hat sie schließlich lange Zeit nicht gewusst, ob ihre jungen Musiker vom Jugendorchester überhaupt noch öffentlich ihr Können zeigen dürfen in diesem Jahr. Die Corona-Pandemie hat auch der Orchesterleiterin heftig zugesetzt. Nachdem bereits das Sommerkonzert ausfallen musste, ist auch das Adventskonzert (geplant am 13. Dezember) unter den aktuellen Schutzmaßnahmen ein Ding der Unmöglichkeit geworden. Nun mussten sie und ihre ehrenamtlichen Mitarbeiter Katharina Lipp, Sebastian Kleißl, Christoph und Peter Seitz erneut kreativ werden. Es brauchte einen Plan B. So schnell wie möglich.

So hat Gossner spontan alle ihre Mitglieder gebeten, trotzdem zu spielen. Aber nicht zusammen als Orchester in der Pfarrkirche. „Wir haben zwar intensiv an einem Hygienekonzept gearbeitet“, meint sie. Doch die Verschärfung der Corona-Regeln der Bayerischen Staatsregierung machten auch diese Pläne restlos zunichte. Alleine oder mit einem weiteren Musiker zusammen sollten sie stattdessen spielen – und davon ein Video machen. Der Kreativität ist den jungen Musikern dabei keine Grenze gesetzt. Einzige Bedingung: es sollte etwas in adventlicher Stimmung sein. Als sie die Nachricht an die Mitglieder verschickte, hoffte sie auf ein paar Videos. Zumindest so viele, um mit ihnen einen virtuellen Adventskalender auf der Homepage zu ermöglichen.

Was Gossner letztlich bekam, hat sie sich zu Beginn noch gar nicht zu träumen gewagt. Ihre Aktion hat eine beispiellose Eigendynamik entwickelt. Manche machten von sich alleine mit ihrer Geige vor der Wohnzimmercouch ein Video. Andere am Klavier. Einige mit Geschwistern und Eltern in der bäuerlichen Zirbenstube. „Einige Videos sind sogar in der Kirche entstanden. Wir sind überwältigt.“ Ein schöner Nebeneffekt: „Familien, die schon länger nicht mehr miteinander gespielt haben, musizierten wieder gemeinsam.“

Gossner hat nun so viel Filme, dass das tägliche Warten aufs Christkind locker bis ins nächste Jahr reichen würde. Fast 40 Kunstwerke in bewegten Bildern schickten die Mitglieder an ihre E-Mail-Adresse. Die Datenmenge ist mittlerweile so groß, dass sich Gossner eine weitere Festplatte für ihren Computer kaufen musste. Doch bedeuten mehr Videos auch sehr viel mehr Mühe. „Es macht gehörig Arbeit, um so eine Aktion zu stemmen“, sagt Gossner. Wahrscheinlich noch mehr, als es das Adventskonzert eigentlich gemacht hätte. „Doch wir wollten nicht die Flinte ins Korn werfen.“ Bereits der Sommer, als schon das erste Mal mit Musikvideos gearbeitet wurde, habe gezeigt, dass solche Aktionen „super ankommen“.

Seit Wochen sichtet die Orchesterleiterin die Aufnahmen bis teils spät in die Nacht. Sortiert sie, denn manche haben Spielfilm-Qualität, andere wiederum sind sehr einfach mit dem Handy gemacht worden. Den letzten grafischen Feinschliff bekamen sie von Sebastian Kleißl, der die Musikvideos in einen echten Online-Adventskalender verwandelte. Christoph Seitz gestaltete die Schaltflächen. Für die Musiker ist es eine Herausforderung und wesentlich schwieriger, als in einem großen Orchester zu spielen. „Sie müssen sehr viel üben, da sie ja nur allein oder in kleinem Kreise musizieren.“ Jeder kleinen Fehler wäre da sofort zu hören.

Ab heute bis Heiligabend ist jeden Tag mindestens ein Video auf der Orchester-Homepage zu sehen. Jeden Tag öffnet sich ein virtuelles Türchen. Durch diesen musikalisch-digitalen Adventskalender erhofft sich Gossner nicht nur die ein oder andere Spende, „die unser Jugendorchester nach diesem Jahr bitter nötig hat“. Er gibt den Kindern und Jugendlichen eine Plattform, um sich und ihr Können zu präsentieren. Damit sie am Ball bleiben, um die Leidenschaft für die Musik aufrecht zu erhalten.

ADVENTSKALENDER

Der virtuelle Adventskalender des Jugendorchesters Mittenwald ist ab heute bis zum 24. Dezember, Heiligabend, auf der Homepage www.m-j-o.de zu sehen. Jeden Tag wird mindestens ein Musikvideo hochgeladen.

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