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Schneise des Schreckens: Der Sturm hat im Bergwald ganze Arbeit geleistet.

Die Folgen des Novembersturms

Knapp 10 000 Bäume wegrasiert:Jetzt wird aufgeräumt

  • vonChristof Schnürer
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Massive Schäden auf einer Fläche von rund 1000 Hektar. Die Staatlichen Forsten haben im Bergwald rund im Mittenwald viel zu tun.

Mittenwald – Seit über 30 Jahren arbeitet Thomas Pokorny als Revierförster in Mittenwald. „Vivian“ und „Wiebke“ hat er wüten sehen. Doch diese beiden Orkane waren in ihrer Zerstörungskraft gegenüber dem Föhnsturm vom 15. November 2019 vergleichsweise zurückhaltend. „In dem Ausmaß war er der erste“, meint Pokorny – also der erste, der richtig ins Kontor geschlagen hat.

Die Schneise des Schreckens zieht sich durch das komplette Bärnbachgebiet nördlich der Bäralplscharte. Hals, Wechselboden sowie Schlag- und Brandlealm heißen die Flurstücke, die besonders betroffen sind. „Eine kahlschlag-ähnliche Situation“, beschreibt Rudolf Plochmann, der Leiter des zuständigen Forstbetriebs Bad Tölz, das Schreckensbild, dass sich ihm bei diversen Ortsterminen in unwegsamem und abgelegenem Gelände bot. Der Mann von den Bayerischen Staatsforsten spricht von ungefähr 10 000 Bäumen, die der Sturm wegrasiert hat. Plochmann zufolge ist Bergwald auf einer Fläche von etwa 1000 Hektar betroffen.

Sorge vor dem Borkenkäfer

Bis zu 18 000 Festmeter Holz müssen seit Mitte April die Forstmitarbeiter und die beauftragte Lenggrieser Spezialfirma in steilem Terrain zwischen 1100 und 1600 Meter herausholen. Die Zeit drängt: „Bis August/September 2021 müssen wir fertig sein“, sagt Pokorny. Sonst richtet der berüchtigte Borkenkäfer noch viel größeren Schaden an. Ohne die moderne Technik könnten die Forstexperten diesen straffen Zeitplan nicht ansatzweise einhalten. So wird teilweise auf einer Länge von einem Kilometer eine Seilbahn gelegt, die das bis zu 200 Jahre alte Sturmholz nach unten befördert. Dort wartet mit dem Harvester eine Maschine, die die überwiegend Fichtenstämme in null-komma-nichts entastet und abfuhrbereit macht. Doch ohne den Menschen, der sich mit der Motorsäge durch die Baumleichen fuchst, geht nichts. „Bisher hatten wir keinen Unfall“, berichtet Pokorny. „Das ist das Wichtigste.“

Klares Konzept, klare Strategie

Sein Chef Plochmann hatte sich in den Wintermonaten mit Skiern oder Schneeschuhen aufgemacht, um sich vor Ort die richtige Strategie zur groß angelegten Holzernte zu überlegen. „Wir haben relativ viel Hirnschmalz da reingelegt“, verdeutlicht der Betriebsleiter. Er verfolgt bei dem hochalpinen Einsatz „ein klares Konzept und eine klare Strategie“.

Da der Personal- und Materialaufwand ordentlich zu Buche schlägt, wird mit den zigtausend Stämmen nicht viel zu verdienen sein. „Mit einer schwarzen Null werden wir nicht rauskommen“, schwant Plochmann. Zumal der Holzpreis derzeit ohnehin im Keller ist. Abnehmer für einige besondere Exemplare haben die Staatsforsten bereits gefunden: Heimische Tonholzhändler sind regelrecht begeistert von der filigranen Beschaffenheit des in höheren Lagen viel langsamer gewachsenen Materials. Die Masse der Stämme wird jedoch in Sägewerken landen und zu Bauholz verarbeitet.

Fernsehteam vor Ort

Die aufwendige Holzernte hat auch überregional für Interesse gesorgt. Anfang des Monats verschaffte sich beispielsweise ein Kamerateam des Bayerischen Rundfunks einen Überblick im Sturmgebiet. Der Beitrag wurde vor wenigen Tagen im BR in der Sendung „Unser Land“ ausgestrahlt und kann in der Mediathek abgerufen werden. Besonders beeindruckend dabei: Der Drohnenflug über die riesigen Kahlschlagflächen. Die Bilder des wie Streichhölzer gekappten Bergwalds zeugen von dem Ausmaß dieser Naturkatastrophe und der ungeheuren Wucht des Novembersturms. Noch viele Monate wird der von ihm angerichtete Schaden Kräfte binden.

Zum Glück ist ein solches Ereignis die Ausnahme, nicht die Regel. Wenn Thomas Pokorny kommendes Jahr in Pension geht, werden hoffentlich die letzten Spuren dieses Sturms beseitigt sein.

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