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Auf Patrouille im Glutofen: Die Mittenwalder Soldaten sind stets wachsam.

Gebirgsjäger im Glutofen

Einsatz in Mali: Mittenwalder Soldaten blicken zurück

  • vonChristof Schnürer
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Sechs Monate volle Konzentration, sechs Monate Ausnahmezustand: Die Gebirgsjäger aus Mittenwald haben die Mission im afrikanischen Krisengebiet mit Erfolg gemeistert.

Mittenwald – Ein Christbaum – keiner weiß, wer in mitgebracht hat. „Das sind die Tiefen der Logistik“, meint Hauptmann Michael S. (32). Gleichwohl freut er sich über das Nadelgehölz. Schnell noch ein paar Kugeln dran, dann kann Weihnachten bei sengender Hitze beginnen. Heiligabend 2019 in Camp Castor wird S. bestimmt nicht so schnell vergessen. „Natürlich wäre ich lieber daheim und würde in die Christmette gehen“, denkt sich der Mann aus Bichl. Doch er und weit mehr als 200 seiner Kameraden vom Mittenwalder Gebirgsjäger-Bataillon 233 haben einen anderen Auftrag: Sie sollen in dem krisengeschüttelten afrikanischen Sahara-Staat Mali für ein halbes Jahr im Rahmen der UN-Mission MINUSMA für Ruhe und Ordnung sorgen. Zahlreiche Pakete aus der Heimat, ein Buffet und sogar eine Art Krippenspiel lassen bei den „Jagern“ dennoch weihnachtliche Gefühle aufkommen.

„Express-Variante“

„Der Schneefall hat sich allerdings zurückgehalten“, erzählt S.. Drei Monate nach seiner Rückkehr nach Deutschland sitzt der Hauptmann im Mittenwalder Offiziersheim – mit ihm am Tisch Hauptfeldwebel Florian K. (29) und Oberstabsgefreiter Marvin C. (24). Alle drei eint die gemeinsame Zeit (Oktober 2019 bis April 2020) in einem – man kann es so sagen – Kriegsgebiet. Ihre Bilanz ist nahezu deckungsgleich. „Man lernt was zu“, findet Kühn. In solchen Ausnahmesituationen „zeigt sich das wahre Ich“. Sein Kamerad C. spricht bei dieser Art von Persönlichkeitsbildung von der „Express-Variante“ – sechs Monate Mali prägen anders als sechs Monate Mittenwald. „Träume ich von Mali? Nein. Denke ich an Mali? Ja“, ergänzt S.. „Jeder nimmt einen Rucksack mit.“ Prall gefüllt mit Erinnerungen, Emotionen und Erlebnissen – lustigen und tragischen. Die drei Anschläge auf belgische und irische Einheiten außerhalb des multinationalen Militärlagers nahe der Stadt Gao haben die drei Soldaten aus Mittenwald sicherlich nachdenklich gemacht. Zehn Verwunderte. Mit dem Leben muss keiner der Besatzung bezahlen. Für K. gehört auch das zum Soldatenleben. „Ich wusste, was mich erwartet“, bemerkt der Vater eines Kindes mit ernstem Blick.

Multikulti-Camp

Ein halbes Jahr leben K. und Co. mit 1200 Kameraden – 15 Prozent Frauen – im streng geschützten Camp Castor. Da sind Rumänen, El Salvadorianer, Belgier, Niederländer, Litauer – und ein Schweizer. Und natürlich die über 200 Mittenwalder. Verständigung findet meist in Englisch, falls notwendig mit Händen und Füßen statt. Im Lager herrscht absolutes Alkoholverbot. „Es gab keinen Feierabend“, verdeutlicht K. „wir mussten jederzeit einsatzbereit sein“. Daher ist die Waffe stets griffbereit.

Bei den Patrouillen ist die „Braut des Soldaten“ sogar im Anschlag. Wer ist Freund, wer ist Feind? Mit wachem Auge zieht man durchs Gelände und über die staubigen Straßen. Viel kommt es laut Kühn aufs „Bauchgefühl“. Intuition kann Leben retten. Was passiert, wenn ich in diese Gasse gehe? Wo sind die Kameraden? Wann ist geordneter Rückmarsch angesagt?

Und dann ist da dieses Eintauchen in eine völlig andere Welt. „Wir kommen aus einer Gesellschaft, in der es keinen Verzicht gibt“, umschreibt es K.. Mali dagegen sei ein Land mit „extrem niedrigen Lebensstandard“, fügt S. hinzu. „Die Schwierigkeiten, die damit einhergehen, die beschäftigen die Menschen vor Ort.“ Existenzkampf pur. Das alles muss ein Soldat im Krisengebiet im Hinterkopf behalten. Ein Leben unter permanentem Druck.

„Monday-Movie“ und Mucki-Bude

Abwechslung verschaffen Telefonate mit der Heimat, Krafteinheiten in der Mucki-Bude, Kicker-Partien, Bingo-Runden, der Sonntagsgottesdienst, der „Monday-Movie“ oder, wie S. anfügt, ein gepflegter Schafkopf. Was bei den monatelangen Auslandseinsätzen am wichtigsten ist: der Rückhalt der Familie. „Sonst kämpft man an zwei Fronten“, formuliert es Florian K. ganz militärisch. Räumliche Trennung über zig tausend Kilometer darf von Seiten der Bevölkerung nicht zum kollektiven Desinteresse führen, unterstreicht S.. „Ich wünsche mir wie jeder andere Mensch auch, dass man nicht vergessen wird.“ In Richtung seiner Auftraggeber ergänzt er: „Und dass uns entsprechend Ausrüstung zur Verfügung gestellt wird.“ Denn eines möchte ein Soldat im Friedenseinsatz keinesfalls verlieren: sein eigenes Leben.

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