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Staatsekretär Peter Tauber (2. v. l.) legt in Mittenwald einen Kranz nieder.

Gedenkfeier der Gebirgsjäger

Tauber verspielt einmalige Chance

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Er sprach und enttäuschte - zumindest die, die die Interessen deutscher Kriegsopfer vertreten. Die Rede ist von Staatssekretär Peter Tauber, der am Donnerstag zu Gast beim Gebirgsjäger-Treffen in Mittenwald war.

Mittenwald – Es ist ein Satz, auf den die kleine Delegation unter den Gottesdienstbesuchern wartet. Er fällt nicht. Staatssekretär Peter Tauber, der Oberleutnant der Reserve, verzichtet in seinem Grußwort darauf, explizit an die Opfer deutscher Kriegsverbrechen zu erinnern. Die aufmerksamen Zuschauer des Arbeitskreises Angreifbare Traditionspflege haben genug gehört. Sie rollen das Band mit den Orten, in denen die Gebirgsjäger im Zweiten Weltkrieg Massaker verübten, ein. Mit ihrem Gedenkkranz ziehen die Brendtengegner ab. „Wenn Herr Tauber es nicht für notwendig hält, der Opfer zu gedenken, dann haben wir hier nichts verloren“, zischt Arbeitskreis-Sprecher Stephan Stracke beim Weggehen seinem Aufpasser vom Kameradenkreis der Gebirgstruppe entgegen.

Chance vertan – eine Annäherung zwischen aktiven und ehemaligen Gebirgsjägern auf der einen und den sogenannten Brendtengegnern auf der anderen Seite ist vorerst gescheitert. „Es hat sich nichts geändert“, bilanziert Historiker Stracke. „Die Reden sind schlechter als vor zehn Jahren.“

Von Randale oder sonstigen Misstönen wie in der heißen Phase der Brendten-Demonstrationen (2002 bis 2009) kann am Donnerstag beim Pfingsttreffen des Kameradenkreises der Gebirgstruppe keine Rede sein. Dazu ist die Zahl derer, die gegen den Gedenkgottesdienst auf dem Hohen Brendten demonstrieren einfach zu gering. Rund 30 Gleichgesinnte hat Stephan Stracke um sich geschart. „Kerntruppe mit Gästen“ bezeichnet er diese bunte Gruppe – darunter mit der Albanierin Pandora Ndoni eine Überlebende eines Massakers der Wehrmacht. Die alte Frau hatte sich gestern kurzfristig entschlossen, nicht an der Gedenkfeier teilzunehmen. „Sie hatte zuviel Angst“, erzählt Stracke. Angst davor, möglicherweise mit ehemaligen Wehrmachtsveteranen abgelichtet auf einem Bild zu erscheinen. Auch die griechische Delegation bleibt unten – bis auf einen Kameramann, der das Geschehen auf dem Hohen Brendten akribisch festhält.

300 Gäste

Der Gottesdienst, bei dem rund 300 Gäste gezählt werden, verläuft indes völlig friedlich – keine Parolen, keine Transparente. Gastgeber Hans Sahm, pensionierter Bundeswehr-Oberst und Präsident des Kameradenkreises, vergisst bei seiner Begrüßung niemanden – auch nicht Stephan Stracke von der ungeliebten Angreifbaren Traditionspflege. Ein eindeutiges Zeichen zur Dialogbereitschaft. Sahm und seine Führungsspitze waren es, die dem „Inspektionsbesuch“ der Brendtengegner im Vorfeld zähneknirschend zugestimmt hatten. Was den Verantwortlichen im Kameradenkreis gerade bei der Basis nur wenig Sympathiepunkte bescherte.

Einträchtig stehen Sahm und sein Ehrengast aus Berlin, der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium, Peter Tauber, vor den mächtigen Granitstelen – umgeben von Fahnenabordnungen und Soldaten der Brigade 23. Während des ökumenischen Gottesdienstes ziehen Regenwolken auf. Ab und an tröpfelt es, doch der große Schauer bleibt aus.

Was sich allerdings immer mehr verfinstert, sind die Gesichter der außerordentlichen Besucher während der zehnminütigen Rede des ehemaligen CDU-Generalsekretärs Tauber. In die Tiefe geht der Gast aus der Bundeshauptstadt selten. Der ansonsten redegewandte Politprofi fischt lieber an der Oberfläche. „Die Toten mahnen uns zum Frieden“ oder „Tragen Sie das Edelweiß voller Stolz“ sind nur zwei seiner rhetorischen Allgemeinplätze. Vereinzelt findet Tauber kritische Worte. „Stolz und Tradition können zu Dünkel und Machtmissbrauch führen.“ Gleichwohl steht für den studierten Historiker die Armee felsenfest auf dem Boden des Grundgesetzes. „Der Bundeswehr musste man die Demokratie nicht verordnen.“

„Ernüchternd“

Kurze Zeit später verlässt Tauber das Rednerpult – und die Angreifbare Traditionspflege das Brendten-Areal. „Ernüchternd“ sei der Beitrag gewesen, urteilt Stracke. „Herr Tauber hätte sich wohl etwas besser in die Materie einarbeiten sollen.“ Regina Mentner, ebenfalls vom Arbeitskreis Angreifbare Traditionspflege, ergänzt nicht minder enttäuscht. „Es ist mehr und mehr klar geworden, dass das hier ein Soldatentreffen ist.“

Sie und ihre Handvoll Freunde ziehen ab und hören nicht mehr die Worte von Gastgeber Sahm. Er spricht das aus, was sein Ehrengast versäumte. „Wir gedenken der unzähligen Opfer von Hass und Rassenwahn.“

Kurze Zeit später sind die Kränze zahlreicher Abordnungen vor dem Ehrenmal niedergelegt. Der der Brendtengegner fehlt. Er wird eine halbe Stunde später am Mahnmal der Nazi-Opfer auf dem Mittenwalder Schulgelände drapiert. Dieses „Guerilla-Geschenk“ sei von den „Genossinnen und Genossen“ vor neun Jahren eingeweiht worden, erinnerte Stracke an die Geschichte dieses Mahnmals.

Auch Lob findet der wortgewaltige Historiker für die Mittenwalder. „Sie bemühen sich.“ Weiter sagt Stracke: „Es ist wirklich ein Fortschritt, dass das Mahnmal noch existiert und gewürdigt wird.“ Eines lässt der Sprecher der Angreifbaren Traditionspflege an diesem denkwürdigen Tag offen: Ob er und seine Freunde beim nächsten Pfingsttreffen wieder eine Inspektionstour unters Karwendel machen.  

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