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Für Autos bald von 10 bis 22 Uhr Tabuzone: die Hochstraße.

Überraschung in Mittenwald

Der Hammer: Hochstraße wird Fußgängerzone

  • vonChristof Schnürer
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Die Nachricht wird viele Mittenwalder überraschen: Bis auf Weiteres wird die stark befahrene Hochstraße zur Fußgängerzone umgewandelt. Das beschloss der Gemeinderat in einer Kampfabstimmung.

Mittenwald – Diese Entscheidung ist geradezu handstreichartig gefallen. Bürgermeister und Verwaltung wurden regelrecht überrumpelt. Aus dem Nichts heraus hat am Dienstagabend der Mittenwalder Marktgemeinderat nach hitziger Debatte in einer Kampfabstimmung mit hauchdünner Mehrheit (11:10) beschlossen, die Hochstraße in eine Fußgängerzone zu verwandeln.

Zunächst ist dieses Ad-hoc-Projekt ein Probelauf auf Zeit. Mit Beginn der Pfingstferien (30. Mai) soll das viel befahrene Nadelöhr, das das Rathaus-Viertel mit dem Ortsteil Gries verbindet, von 10 Uhr morgens bis 22 Uhr abends für den Verkehr geschlossen werden. Diese Regelung gilt vorerst bis 30. Juni. Dann möchte der Marktgemeinderat in der dann anberaumten Sitzung aufgrund gesammelter Erkenntnisse die Lage neu bewerten. Eines ist schon jetzt klar: Harsche Proteste einiger Anwohner im Lauterseefeld, am Anger, am Gröblweg oder an der Goethestraße sind programmiert. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Denn diese Wohnviertel werden künftig die Ausweichrouten sein.

Zünglein an der Waage

„Es gibt immer Verlierer“, meinte Verkehrsreferent Dieter Schermak (CSU). Seine mahnenden Worte vor einem politischen Schnellschuss verhallten auf der gegenüberliegenden Seite bei Freien Wählern und SPD. Bezeichnenderweise hatte Bürgermeister Enrico Corongiu (SPD) entgegen seiner Fraktion gegen die Brachiallösung und für eine Einbahnstraßen-Regelung plädiert. Somit war plötzlich Stefan Schmitz (Bürgervereinigung) das Zünglein an der Waage. Er votierte für die Komplettsperrung. „Das funktioniert beim Bozner Markt auch.“

Den Stein ins Rollen gebracht hatte Kneipenwirt Josef Kehr. Wie viele seiner Berufskollegen ächzt auch er unter den Corona-Auflagen und den damit verbundenen massiven Umsatzrückgängen. „Ein Alptraum“, verdeutlichte Kehr, als er von Gerhard Schöner (CSU) im Gemeinderat gezielt auf seine Situation angesprochen wurde. Im Vorfeld hatte Kehr das Gespräch mit Bürgermeister und Verwaltung gesucht. Daraus entwickelte sich folgende Idee: Eine temporäre Einbahnstraßen-Lösung auf der Hochstraße – bis die Corona-Krise vorüber ist. Dann könnte Kehr den Biergarten seiner Kneipe von fünf auf zehn Tische erweitern. Damit der Verkehr weiter fließen kann, sollte der Marktbach auf der gegenüberliegenden Seite geschlossen werden.

Weihnachten an Pfingsten

Soweit der Plan, mit dem der gebeutelte Gastronom hätte hervorragend leben können. Doch für ihn kam es in Gestalt von Gemeinderat Florian Lipp (Freie Wähler) noch viel besser – sozusagen Weihnachten an Pfingsten. „Ich wäre ja noch viel radikaler“, warf der „Dauberweiß“ in die erstaunte Runde. „Wir müssen doch diese Saukarren rausbringen.“ Womit Lipp in drastischen Worten auf die vielen Naherholer-Autos mit Münchner und Innsbrucker Kennzeichen anspielte, die seiner Meinung nach das Zentrum verstopfen. Sein Vorschlag, die Verbindung zum Gries, die Hochstraße, für bis zu zwei Monate zu kappen, fand bei großen Teilen Zustimmung. „Ich würd’ mich dem Flori total anschließen“, sagte etwa Stefan Schmitz.

Der pensionierte Polizeibeamte Schermak findet diese Variante gar nicht lustig. „Mammon geht nicht vor Sicherheit“, warnte er vor einem Schnellschuss. „Wir sollten uns erst mal überlegen, welches Konzept wir verfolgen.“ Schermak jedenfalls präferiert die Einbahnstraßen-Regelung – nicht zuletzt weil die Hochstraße eine „wichtige Ader in Ost-West-Richtung“ sei. „Damit das Gries nicht völlig abgeschnitten ist“, ergänzte Schermaks Fraktionskollegin, die ehemalige Sternwirtin Christel Veit. „Eine komplette Sperrung ist für uns nicht darstellbar“, fand auch Benedikt Zunterer (CSU). Kommt die Fußgängerzone von 10 bis 22 Uhr, „dann werden uns die Geschäftsleute im Gries auf die Füße treten“, prophezeite Michael Schwind (CSU).

CSU und Bürgermeister überstimmt

Dem hielt Franz Lipp (Freie Wähler) entgegen, dass viele Urlauber angesichts des baulichen Charakters gar nicht wüssten, dass die Hochstraße gar keine Fußgängerzone ist. „Die spazieren da runter wie die Schafe.“ Für den Trachtenvorstand ein klares Indiz, auf dieser etwa 100 Meter langen Flaniermeile endlich tätig zu werden – und zwar im Sinne der Fußgänger. „Es ist doch alles da“, ergänzte Schmitz und zielte auf den Fundus an Verkehrsschildern ab, die während des Bozner Markts aufgestellt werden.

Apropos: Amtsleiter Hermann Baier gab in diesem Zusammenhang zu bedenken, dass auch in Zeiten der publikumsträchtigen Marktwoche erboste Anrainer der Ausweichrouten „vermehrt“ im Mittenwalder Rathaus erschienen seien.

Die Bedenken der Verwaltung und der CSU, die für eine kurzfristige Einbahnregelung und ein langfristiges Konzept warb, verhallten. Ab Samstag ist die Hochstraße eine temporäre Fußgängerzone – 11 von 21 Stimmberechtigten im Marktgemeinderat wollten es so.

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