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Blick zurück mit Wehmut: Adolf Hornsteiner (r.) muss in wenigen Tagen an Enrico Corongiu übergeben.

Mittenwalds Noch-Bürgermeister spricht über seine Amtszeit 

Abschieds-Interview mit Adolf Hornsteiner: „Habe die Bodenhaftung nicht verloren“

  • vonChristof Schnürer
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Ortskern-Sanierung, Damm an der Rainlähne, Sportplatz-Neubau: Adolf Hornsteiner (58) hat seit 1. Mai 2008 in Mittenwald über 100 Projekte angestoßen oder abgeschlossen. Jetzt muss der ehemalige CSU-Hoffnungsträger für Enrico Corongiu (41/SPD) Platz auf dem Bürgermeister-Sessel machen.

Herr Hornsteiner, was ist Ihnen durch den Kopf geschossen, als bei der Bürgermeister-Stichwahl Ihre Niederlage feststand?

Mir ist bewusst geworden, dass ich ab 1. Mai nicht mehr Bürgermeister meines Heimatortes bin. Ich trat aus meinem Büro und habe meinem Kontrahenten Enrico Corongiu gratuliert. Es geht um den Ort – um nichts anderes.

Mit welchem Gefühl sind Sie in die Stichwahl gegangen?

Mir war bewusst, dass ich mir in den zurückliegenden zwölf Jahren nicht nur Freunde gemacht habe. Es gab sicherlich einige enttäuschte Bürger, weil ich auch ihnen gegenüber immer meine Meinung gesagt habe. Bei jedem der vielen Projekte, die wir angestoßen haben, gibt es welche, die damit nicht so gut leben können. Da bleiben halt ein paar zurück, die sagen, das war jetzt nicht so gut. Gerade wenn man bei so heiklen Themen wie bei der Schließung des Hallenbads, einer in 42 Jahren liebgewonnenen Einrichtung, der Frontmann ist, dann kommt das bei vielen nicht ganz so gut an. Ich habe mir allerdings nicht vorstellen können, dass ich nicht mehr mehrheitsfähig bin.

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Der CSU-Ortsvorsitzende Rudi Haller sagte einmal, dass er rückblickend beim Wahlkampf hätte dazwischen gehen sollen, als es ihm zufolge bei Ihrer Person unter die Gürtellinie ging. War es ein sauberer Wahlkampf?

Ehrlich währt am längsten. So bin ich aufgezogen worden. Das hat sich durch mein ganzen Leben, auch berufliches, gezogen. Das ist in der heutigen Zeit oftmals unbequem. Ich war auch gegenüber meinen Parteifreunden und Mitbewerbern immer der Meinung, man möge sachlich argumentieren und bei der Wahrheit bleiben.

Es gab immer einen demokratischen Beschluss

Hat das auch die Gegenseite beherzigt?

Es sind zumindest von einigen prägnante Aussagen getätigt worden.

Also Sie glauben, dass mit Ihnen fair umgegangen worden ist?

Gastgeber im Mittelalter-Gewand: Adolf Hornsteiner im Sommer 2017 beim Bozner Markt.

Wenn solche Aussagen kommen, der amtierende Bürgermeister sei verbraucht, oder wenn einhellig gefasste Beschlüsse auf einmal anders interpretiert werden, dann kann man sich zumindest denken: Jetzt wird’s hochpolitisch. Ob das fair ist, das möge der Souverän entscheiden. Wir von der CSU haben offen und ehrlich agiert, haben versucht, mit Sachargumenten zu überzeugen. Warum das Ergebnis nun so gekommen ist, das weiß der Wähler.

Was hätten Sie rückblickend anders machen müssen?

Ich glaube, ich habe viele Themen angesprochen, bei denen man versucht hat, den Eindruck zu vermitteln, es gehe nur nach meiner Nase, dass ich immer recht haben möchte. Aber das stimmt einfach nicht. Es wurden immer alle Gemeinderäte zeitgleich informiert, um ihre Meinung gebeten und ein demokratischer Beschluss gefasst.

Bei der Bevölkerung scheint das anders rüber- gekommen zu sein. Ansonsten wäre dieses Wahlergebnis doch nicht zu erklären. Die Ursache muss doch möglicherweise in der Person Adolf Hornsteiner liegen. Schließlich reden wir von einem Ort, der tendenziell 60 bis 70 Prozent schwarz wählt.

Also wenn es tatsächlich an der Person Adolf Hornsteiner gelegen hat, dann habe ich auch kein Problem damit. Wenn solche Aussagen kamen, wie zum Beispiel „der Adi schottet sich in seinem Reich ab – ist völlig abgehoben“, dann ist das schlichtweg falsch. Dieses verzerrte Bild von mir gibt es nicht erst seit Kurzem. Das wurde strategisch langfristig aufgebaut.

Bürgermeister räumt Fehler ein

Mit welchem Gefühl gehen Sie denn jetzt durch den Ort?

Ich gehe ganz normal durch den Ort, weil ich mir sagen traue, dass ich mir nichts habe zu Schulden kommen lassen. Im Gegenteil: Ich habe versucht, gemeinsam mit dem Gemeinderat, der Verwaltung und den Bürgern den Ort nach vorne zu bringen – mit all meinen Stärken und Schwächen. Ich habe niemanden etwas getan.

Vor welchen Tretminen sollte sich Ihr Nachfolger am meisten wappnen?

Ich kann ihm nur raten, offen und ehrlich mit den Leuten umzugehen und mit Sachargumenten zu überzeugen.

Das aja-Hotel hat sich rückblickend wohl eher als wenig hilfreich erwiesen, oder?

Der Gemeinderat war immer involviert und hat das Ganze auch immer positiv gesehen. Ein Fehler war, ganz klar, bei der Veröffentlichung nicht gleichzeitig einen Termin zur Bürgerinfo bekannt zu geben. Dann hätte das Ganze wahrscheinlich einen anderen Verlauf genommen.

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Ein schwerer Gang

Mit Ihrer Niederlage ist die Mittenwalder CSU auch ihres Kopfes beraubt. Wen sehen Sie als Ihren möglichen Nachfolger?

Das weiß ich nicht. Das sehe ich auch nicht als meine Aufgabe an, nach einem Nachfolger zu suchen. Fakt ist: Ich ziehe jetzt einen Schlussstrich unter meine Bürgermeisterzeit. In dem Wissen, allerhand nicht ganz schlecht und ein paar Sachen nicht ganz gut gemacht zu haben. Fest steht für mich: Wenn man nichts tut, hat man am allermeisten verkehrt gemacht. Wer nun möglicherweise in sechs Jahren für die CSU antritt, das ist müßig, sich jetzt damit auseinanderzusetzen. Lassen wir doch meinen Nachfolger und den neuen Gemeinderat erst mal anfangen zu arbeiten..

Sind Sie von einzelnen Gemeinderatsmitgliedern auch menschlich enttäuscht?

Ja! Aber das sind persönliche Dinge, deshalb möchte ich darauf nicht näher eingehen.

Wird es künftig noch einen politischen Adolf Hornsteiner geben?

Ich werde mit Sicherheit Mitglied der CSU bleiben. Ich bin ja erst seit 2007 dabei. Ich werde ebenso das eine oder andere Mal im Gemeinderat vorbeischauen.

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Wie schwer fällt Ihnen der Abschied aus dem Rathaus?

Das wird ein schwerer Gang, vor dem es mir graust. Die Arbeit und die Mitarbeiter sind mir einfach ans Herz gewachsen. Es werden wenige Wochenenden gewesen sein, in denen ich nicht im Rathaus war. Ich gebe zu: Ich habe die Gemeinde im übertragenen Sinn immer so gesehen, als wenn sie mein Eigentum wäre. Und dafür wollte ich mich einsetzen mit allem, was ich habe. In diesem Zusammenhang freut es mich, dass mich nach dem Stichwahl-Sonntag nicht wenige Leute kontaktiert haben, die mir sagten: „Herr Hornsteiner, Sie hatten immer gute Argumente bei Verhandlungen. Es war nicht einfach, dagegen zu halten.“ Wenn man solche Rückmeldungen erhält, dann denkt man sich: So ganz schlecht kann’s ja nicht gewesen sein. Und jetzt möchte ich alles ordentlich übergeben. Das treibt mich an. Am 30. April ist Ende, da werde ich nochmal zu beißen haben, und dann beginnt ein neuer Lebensabschnitt.

Die Familie war immer sein Rückgrat

Wird jetzt auch die Schnapsflasche aus dem Bürgermeister-Büro verschwinden?

Der Bauherr: Eines der zentralen Projekte in Hornsteiners Amtszeit ist der Umlenkdamm in der Rainlähne.

Wie sagt man so schön: Dienst ist Dienst, und Schnaps ist Schnaps. Es gab in meinem Dienstzimmer einmalige Momente, die man mit einem Schnapsle begossen hat. Da könnte ich ein kleines Buch darüber schreiben.

Gibt es einen Moment, an den Sie sich besonders gerne erinnern?

Da gab’s einige. Beispielsweise die Eröffnung der Karwendelröhre am 30. Juni 2008. Da war ich noch ein völliges politisches Greenhorn und durfte ein Grußwort vor Ministerpräsident Günther Beckstein sprechen. Nur am Vortag hatte ich nach meiner zweiten Gemeinderatssitzung noch eine Mass getrunken, und geschlafen habe ich die Nacht auch nicht. Am Mikrofon wusste ich wenige Stunden später zunächst gar nicht, was ich sagen soll. Trotz der Umstände scheint es jedoch ganz gut gegangen zu sein(lacht). Man ist halt auch nur ein Mensch mit allen Ecken und Kanten, Stärken und Schwächen.

Was werden Sie ab Mai 2020 machen?

Da habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Ich schließe das jetzt noch ab, dann lasse ich alles Revue passieren und mache mir Gedanken über die Zukunft. Ich bin im Bürgermeisteramt einfach aufgegangen. An dieser Stelle möchte ich meine Familie erwähnen, die immer voll hinter mir stand. Wobei ich zugeben muss, dass meine Frau und meine drei Kinder schon sehr zurückstecken mussten. Da hatte ich oft kein ganz so gutes Gewissen. Der Papa ist halt der Papa.

„Natürlich geht‘s auch ohne mich“

Wie konnte sich der ehemalige Leuchtturm zur politischen Reizfigur entwickeln?

Vielleicht hat man mich dazu vor der Wahl ein Stück weit gemacht. Wenn Leute tatsächlich glauben, ich sei abgehoben, dann bin ich halt abgehoben. Ich für meinen Teil bin der festen Überzeugung, die Bodenhaftung nicht verloren zu haben.

SPD und Freie Wähler haben nun eine Mehrheit, um einzelne Projekte (Hallenbad etc.) durchzusetzen. Wie realistisch ist angesichts dieser Verschiebung noch der Bau des aja-Hotels?

Da bitte ich um Verständnis: Das ist nicht mehr meine Aufgabe. Ich bin ab 1. Mai wieder ganz normaler Bürger, und als solcher ist meine Meinung zu beiden Projekten bekannt.

Wie sehr verändert denn so ein politisches Amt?

Ich habe sehr viele positive Lebenserfahrungen machen dürfen – und ein paar negative. Bin ich noch der gleiche? Nein, ich bin zwölf Jahre älter geworden. Ich habe in dieser Zeit viel dazu lernen dürfen, manchmal müssen. Ich maße mir nicht an, jetzt im Hintergrund gescheit daher zu reden. Das wäre nämlich arrogant. Natürlich geht’s auch ohne mich – zum Wohle unseres Heimatortes.

Wegen eines Feuers in einem Chemielabor in Mittenwald ging kürzlich außerdem ein Notruf ein. Ein Großaufgebot an Feuerwehrleuten rückte aus, um die Flammen zu löschen.

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