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Der Bürgermeister darf auch künftig bei der Karwendelbahn in die Gondel steigen.

Richterin behielt Kontrolle

Bürgermeister bekommt Hausverbot: Karwendelbahn-Vorstand rastet vor Gericht aus - „Sie hassen mich“

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Hausverbot für Mittenwalder Bürgermeister Adolf Hornsteiner bei der Karwendelbahn. Auf diese Entscheidung folgte ein Prozess - der dank Bahnvorstand Wolfgang Reich noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Mittenwald – Es ist der dramaturgische Höhepunkt einer Provinzposse: Wolfgang Wilhelm Reich erhebt sich und verlässt den Gerichtssaal. „Das lass’ ich mir nicht gefallen“, poltert der Vorstand der Karwendelbahn AG beim Hinausgehen.

Das Wichtigste bekommt der zornige Mann aus Heidenheim also gar nicht mehr mit: In einem sogenannten Säumnisurteil verfügt Zivilrichterin Maria Buck, dass das vor Monaten ausgesprochene Hausverbot für den Mittenwalder Bürgermeister Adolf Hornsteiner bei der Karwendelbahn nichtig sei. Gegen diesen Schiedsspruch kann binnen zwei Wochen Einspruch erhoben werden. Wovon die Hauptaktionäre um Reich, die seit Jahren mit der Marktgemeinde im Clinch liegen, mit beinahe 100-prozentiger Wahrscheinlichkeit auch Gebrauch machen werden.

Schon lange zieht sich der Streit zwischen Mittenwalds Bürgermeister Adolf Hornsteiner und dem Vorstand der Karwendelbahn Wolfgang Reich. Mehrfach hatten sie sich im Streit um die Zukunft der Bahn aufs heftigste attackiert. Der Streit endete mit dem vorläufigen Hausverbot des Bürgermeisters für die Bahn. Der Streit zieht sich bereits seit Jahren und wird immer wieder durch Nichtigkeiten befeuert.

Hausverbot für Mittenwalds Bürgermeister: Karwendelbahn-Vorstand wütet

Dreieinhalb Stunden hatte die sogenannte Güte- und Hauptverhandlung am Amtsgericht Garmisch-Partenkirchen gedauert. Dreieinviertel Stunden war sie geprägt von den Angriffen von Reich auf die Richterin, die erstmals dem prozess-erprobten Württemberger gegenüber saß. Eine Erfahrung, die sie nicht so schnell vergessen wird.

Mehrfach wird ihr von Reich Befangenheit vorgeworfen, mehrfach muss sie die Sitzung unterbrechen, mehrfach muss sie sich wüste Kritik vom entfesselten Reich gefallen lassen. Man sieht es ihm am Beklagten-Tisch förmlich an, wie es in ihm brodelt. Und nicht nur einmal bricht er aus – der Vulkan Reich. Er spuckt allerdings nicht Lava, sondern Gift und Galle – und das schon bei Verhandlungsbeginn.

Karwendelbahn-Vorstand wütet vor Gericht: Befangenheitsantrag gegen Richterin

Die Zuschauer haben soeben Platz genommen, da kommt es beim Karwendelbahn-Vorstand bereits zur ersten Eruption. Als Richterin Buck ihren im Publikum sitzenden Kollegen Dr. Benjamin Lenhart, zugleich Pressesprecher des Amtsgerichts, mit den Worten „Könntest Du“ bittet, die Türe zu schließen, schimpft Reich, der einmal mehr ohne Rechtsbeistand erschienen ist, sogleich: „Was wird hier schon wieder gespielt?“, fragt er vorwurfsvoll. „Eine Unverschämtheit, ein abgekartetes Spiel, dass ich nicht aufgeklärt werde.“

Ferner moniert der Mann der Konsortium AG, die über 40 Prozent der Karwendelbahn-Aktien hält, fehlende Akteneinsicht. „Wie stellen Sie sich das vor! Das hat nichts mit einem rechtsstaatlichen Verfahren zu tun.“ Die Richterin indes bemerkt mit stoischer Ruhe, die entsprechenden Unterlagen am 22. Oktober zugestellt zu haben. Nach Rücksprache mit seiner Kanzlei entgegnet ihr Reich: „Wir haben keine Prozessakte!“ Später präzisiert er: „Sie schicken uns keine Originalakte.“ Deshalb beantragt er die Vertagung des Termins. „Weil ich mich nicht vorbereiten konnte.“

Karwendelbahn-Vorstand gegen Mittenwalds Bürgermeister: Einer bleibt gelassen

Es folgt eine von vielen Unterbrechungen. Zehn Minuten später verwirft Buck den Antrag und erntet natürlich den Protest des Heidenheimers. „Ich diskutiere jetzt nicht meinen Beschluss“, kontert die Richterin mit leicht gesenkter Stimme. Der Bürgermeister indes blickt mit ernster Miene zu seinem Gegenüber, fixiert ihn regelrecht. Vor allem als Reich weitere Geschütze auffährt.

Erst bemängelt er in Sachen Hausverbot für den Bürgermeister, dass der Streitwert zu hoch sei, um diesen Disput vor dem Amtsgericht auszutragen. Dann weist er daraufhin hin, dass die Mittenwalder Karwendelbahn ihren Firmensitz in Heidenheim habe. „Also verklagen Sie mich bitte vor dem richtigen Gericht.“ Als auch das nichts hilft, fährt er schwere Geschütze gegen die Richterin auf: „Sie haben Vorbehalte gegen mich, Sie setzen mich herab, Sie sind befangen, Sie haben kein Interesse an einer fairen Verhandlung.“

Denkwürdiger Auftritt von Karwendelbahn-Vorstand: Ausraster vor Gericht

Es folgt die zweite Unterbrechung, in der Reich seinen Antrag schriftlich verfassen soll. Die anderen verlassen derweil den Saal und unterhalten sich im Flur über diesen denkwürdigen Auftritt. Als der 40-Jährige, den angeblich eine Handverletzung schmerzt, im Anschluss seine vier bis fünf Seiten vorträgt, wird’s für Maria Buck noch gesalzener. Zuerst stört sich der Heidenheimer über ihre Anrede. „Eine neutrale Richterin würde nie derHerr Reich sagen.“ Die Tatsache, dass Richterkollege Lenhart ohne Hinweis im Publikum sitzt, betrachtet der Beklagte gar als vorsätzliche Täuschung. Bevor Reich seine Schriften aushändigt, fotografiert er sie – Seite für Seite.

Dr. Jan-Ulf Suchomel, der Anwalt des Bürgermeisters, kommentiert das wie folgt: „Ich sehe das Ganze als Verfahrensverschleppung an, eine sehr durchsichtige Taktik.“ Ähnlich sieht’s die Richterin, die den Befangenheitsantrag als „rechtsmissbräulich und prozessverschleppend“ ablehnt. „Dagegen lege ich Beschwerde ein“, kontert Reich. „Ich mache jetzt weiter“, antwortet Buck. „Sie machen jetzt nicht weiter!“, herrscht sie der Heidenheimer an. Wieder zehn Minuten Unterbrechung.

Karwendelbahn-Vorstand wütet gegen Richterin: „Sie hassen mich!“

Auch der nächste Befangenheitsantrag wird abgeschmettert. „Ich kann nicht nachvollziehen, was Sie hier abziehen“, giftet Reich. „Sie verrennen sich völlig, Sie hassen mich!“ Jetzt wird’s auch Anwalt Suchomel zuviel: „Sie vergreifen sich im Ton, Herr Reich!“ Es folgen weitere Unterbrechungen und Vorwürfe. „Das kann doch nicht sein, dass man sich so vom Bürgermeister beeinflussen lässt.“ Dieser schmunzelt nur. Später sagt er angesichts der vielen Pausen: „Vielleicht hätt’ ich meine Zither mitbringen sollen.“

Zu guter Letzt greift Reich nochmals zum Stift und formuliert den nächsten Befangenheitsantrag wieder schriftlich – „trotz Schmerzen in der Hand“ und trotz Unterzuckerung, weil er noch nicht gefrühstückt oder zu Mittag gegessen habe. Diesmal attestiert der justiz-gestählte Reich der Richterin nicht nur „eine ungebührliche Verhandlungsführung“, sondern er wittert zudem eine Verschwörung. „Meine Anträge werden vereitelt. Möglicherweise hat die Staatsanwaltschaft das Gericht angewiesen, die Akten nicht herauszugeben.“ Bei Reich drängt sich daher der Verdacht auf, „dass hier was nicht stimmt“. Zumal er beobachtet haben will, wie sich die Richterin mit dem Bürgermeister-Anwalt unterhalten haben soll.

Groteske vor Gericht: Karwendelbahn-Vorstand verliert im Hausverbots-Streit

Suchomel entgegnet: „Dass ausgerechnet Sie kritisieren, dass das Verfahren so lange dauert, halte ich für regelrecht grotesk.“ Wieder wird der Befangenheitsantrag zurückgewiesen. „Er entbehrt jeglicher rechtlichen Grundlage“, so die Richterin. Daraufhin erhebt sich Reich – und kommt nicht wieder.

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