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Experten im Anmarsch: Auf dem Roten Teppich flaniert auch Veranstalter Christoph Szonn (2. v. r.)

Kino unterm Karwendel

Mittenwalder Filmnacht: Mit Popcorn, Burgern und Esprit

Auch bei der zehnten Auflage gehen den Machern von „Kino unterm Karwendel“ die Ideen nicht aus. Besonders aufrüttelnd ist diesmal der Film „Play“.

Mittenwald – Echte Lichtspielhäuser gibt es im Oberen Isartal schon lange nicht mehr. Umso schöner, dass es zum zehnten Mal wenigstens für ein paar Tage im Juli das gemeinsame Filmerlebnis mit Popcorn, Softdrinks und guter Stimmung gibt – beim „Kino unterm Karwendel“.

Dafür braucht die kreative Truppe des Vereins Middlewood keinen Filmpalast. Christoph Szonn und seinen Mitstreitern reicht die Kuranlage Puit. „Die Idee entstand aus einer Schnapslaune heraus“, erinnert sich Szonn. Und zwar von Experten der Bavaria-Filmstudios, die gerne mal zum Wandern einen Abstecher ins Isartal machen. Ihr „Kind“ wuchs nach der gelungenen Premiere 2010 mit jedem Jahr. „Inzwischen sind wir in der Filmbranche so gut vernetzt, dass es uns gelingt, aktuelle Filme zu präsentieren“, verdeutlicht der geistige Vater der Kinonacht.

Brandaktuelles Thema

Diesmal schaffte es der Mittenwalder Filmproduzenten für das Open-Air-Festival die Preview des neuen Streifens „Play“ nach der Weltpremiere in München exklusiv vor der Ausstrahlung am 11. September in der ARD in der Puit zu zeigen. Der Beitrag von Regisseur Philip Koch beleuchtet ein brandaktuelles Thema: die Sucht nach Computerspielen. Das Drehbuch schrieb Hamid Baroua. „Zwar etwas überspitzt, aber um so ernüchternder“, wie er findet. Doch die Botschaft kommt an. Per se lösen Computerspiele keine Psychosen aus. Der Film „Play“ verteufelt sie auch nicht. Denn schließlich können sie auch die Fantasie anregen. Der Inhalt legt aber schonungslos die Gratwanderung offen. Bei überzogenem Konsum einhergehend mit Schlafmangel droht wie bei Alkohol und Drogen die Gefahr, in eine Sucht abzudriften, an dessen Ende durchaus Realitätsverlust und Psychiatrie stehen können.

Gefangen in der digitalen Welt

Die jugendliche Hauptdarstellerin kompensiert eingangs gekonnt mit Spielen eigene Defizite und bastelt sich damit eine Fantasiewelt zurecht, in der sie fehlende Anerkennung kompensieren kann. Mehr und mehr lebt sie in der fiktiven und nicht mehr in der realen Welt – eine Sackgasse. Diese inzwischen anerkannte Krankheit nennen Mediziner ICD-11. Ein Thema mit Tiefgang, das von der Großleinwand flimmerte und die wetterfesten Besucher auf dem Heimweg zum Nachdenken anregte.

Ohne Freiwillige geht‘s nicht

Dem erfolgreichen Abschluss ging ein Mammutprogramm diverser Filmabende voraus. Möglich ist das nur mit Hilfe vieler Freiwilliger und lokaler Sponsoren, die es ermöglichen, finanziell über die Runden zu kommen oder Erlöse zu erwirtschaften. „Diese fließen dann in soziale Projekte“, hob Szonn bei seiner Dankesrede hervor.

Das „Kino unterm Karwendel“ zieht nach wie vor. So waren das Kino-Dinner im Marktrestaurant mit dem Filmnachtisch im „Lokal“ am Bahnhof“ ausgebucht. Neben dem optischen gab’s auch den kulinarischen Genuss mit einem Drei- Gänge-Menü. Natürlich durften beim Open Air die obligatorische Bratwurst und der Pulled-Pork-Burger nicht fehlen.

„Wir kommen wieder“

Gut besucht war auch die Vorführung des Walter-Steffen-Streifens „Alpgeister“ im Sterngarten. 200 Zuschauer zog dort die Präsentation von zehn Kurzfilmen zu den Themen Natur, Berge, Klettern und Sport in ihren Bann. 300 Besucher kamen am Freitagabend zum Hauptfilm „25 km/h“. Darin trafen nach langer Zeit bei der Beerdigung des Vaters zwei entfremdete Brüder aufeinander, die ebenso spontan wie skurril beschließen, gemeinsam mit dem Mofa quer durch Deutschland zu touren. Die Krönung folgte mit „Play“. Ein Programm, das vom Publikum goutiert wurde. Szonns Botschaft: „Wir kommen nächstes Jahr wieder.“

Leonhard Habersetzer

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