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Nicht im Kriegseinsatz, sondern als Fotograf ist Sebastian Frölich hier am Höhenweg auf der Lauer. Am Wichtigsten für ihn: Den Naturschutz einzuhalten. Er verlässt nur selten die Steig e um wenige Meter, um die perfekten Motive mit seinem Teleobjektiv einzufangen.

Bis zu fünf Stunden harrt er aus

Knochenjob Fotoreportage: Der „Schuss“ zwischen dem Herzschlag

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Sebastian Frölich ist Fotograf, gelernter Zootierpfleger und vor allem eines: Abenteurer. Jetzt publizierte er eine Mammut-Reportage über das Isartaler Schmuckstück Höhenweg.

Mittenwald – Fünf Stunden sind bereits vergangen. Das vermutet Sebastian Frölich zumindest. Er schätzt die Zeit am Stand der Sonne, die durch ihre heißen Strahlen den dicken Stoff aufheizt, den er sich über den ganzen Körper geworfen hat: es ist ein Tarnanzug. Ganz in Grün und Braun verschmilzt er regelrecht mit der Grasböschung am Mittenwalder Höhenweg. Lediglich den Kamera-Rucksack lässt er am Steig stehen. Damit Bergsteiger den Fotografen rechtzeitig entdecken können und sich nicht zu Tode erschrecken vor ihm. Nicht immer glückt das: „Zwei Wanderer haben mich ausgeschimpft, weil sie mich zu spät erkannten“, erzählt er. Frölich kämpft gegen die Hitze unter dem Tarnmantel, doch er bleibt konzentriert mit klarem Ziel: Endlich den Steinadler vor die Linse zu bekommen, der hier oben, weit über den Dächern von Mittenwald, thront.

Für das eine Bild: Stundenlange Tortur wird in Kauf genommen

Akrobaten: Diese Gams springt Frölich vor die Linse.

Eine Tortur wie an diesem Tag am Höhenweg nimmt der freiberufliche Fotograf teils für nur ein einziges Foto in Kauf. Seit fünf Stunden hat er weder getrunken noch gegessen, sich nicht einmal am Kopf gekratzt. Nichts, aber auch gar nichts soll den prächtigen Vogel verschrecken. Einmal zur Flasche gegriffen, kurz auf die Uhr geschaut oder etwas zu laut geräuspert und schon wären die Stunden der Warterei und Quälerei völlig umsonst gewesen.

Heute scheint er kein Glück zu haben. Es wird bereits dunkel. Er gibt auf und will gerade zusammenpacken, als es passiert: Im letzten Abendlicht fliegt plötzlich mit peitschendem Flügelschlag der Steinadler aus der Felswand.

Knochenjob Fotoreportage: Für Fotografen ist „die Kamera eine Waffe, die ohne Patrone schießt“

Frölich reagiert schnell, fokussiert sofort. Seine Nikon ist für den Fotografen dabei eine „Waffe“, die ohne Patrone schießt. Sein gigantisches Objektiv hat eine Brennweite von 850 Millimetern. Für Nicht-Fotografen: Es gestattet Frölich so nah hin zu zoomen, dass er von einem Menschen aus hundert Metern Entfernung ein Passbild anfertigen könnte.

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Kurz vor dem Auslösen hört er auf seinen Herzschlag. Bei solchen Distanzen könnte auch dieses kleine Pumpen das Bild verwackeln lassen. Zwischen seinem Herzschlag lässt er es endlich klicken.

Knochenjob Fotoreportage: Nicht immer hat Frölich Glück

Ein Steinadler in der Abenddämmerung am Höhenweg.

Glücklich und zufrieden steigt Frölich hinab ins Tal. Der „Schuss“ hat gesessen, der Steinadler ist in ganzer Pracht im Kasten. „Nicht immer hab’ ich so ein Glück“, verrät der 34-Jährige. Viele Stunden hat er schon umsonst im Fels gekauert. Entmutigt hat ihn das aber nie, im Gegenteil. „In dieser Zeit lernt man unglaublich viel über die Gesetze der Tierwelt.“

Seine mehrseitige Reportage über den beliebten Klettersteig hat er nun in der Fachzeitschrift „fotoforum“ (Ausgabe 03/19) auf acht Seiten veröffentlicht. Zudem sind seine Werke in zahlreichen Ausstellungen im Landkreis und darüber hinaus zu sehen. Spezialisiert hat er sich auf Landschaft und Tieraufnahmen. Immer nach und vor seinem Dienst als Krankenpfleger im Klinikum Garmisch-Partenkirchen ist er in den Bergen unterwegs. Zuvor lernte er Zootierpfleger. Diese Lehre war für ihn der Anstoß, sich intensiver mit der Tierfotografie zu beschäftigen.

Knochenjob Fotoreportage: Natur- und Tierschutz liegt an oberster Stelle

Das Wichtigste für Frölich ist aber nicht nur die Realität so nah wie möglich abzulichten. Auch der Natur- und Tierschutz steht an vorderster Stelle. „Ich verlasse Steige sehr selten und wenn dann auch nur wenige Meter.“ Er will beobachten und fotografieren, nicht stören.

Sein Ziel ist es, hauptberuflich von seinen Bilder zu leben. Nicht selten kam ihm bereits der Gedanke, vielleicht sogar in jenen Ländern zu bleiben, in denen er schon oft als Fotograf unterwegs gewesen war. Wie Sumatra oder Neuseeland. Mit Bildern aus diesen Ländern würde er genug Geld verdienen, um eine berufliche Sicherheit zu haben. Aber immer dann, wenn Frölich im Karwendel im Tarnanzug auf das nächste Motiv lauert, weiß er: „Hier will ich nicht mehr weg.“

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