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Ein Wochenende zum Vergessen erlebt Nadine Horchler bei den Deutschen Meisterschaften am Arber. Am Ende qualifiziert sich die 33-Jährige aus Mittenwald nicht einmal für den IBU-Cup.

Mittenwalderin beginnt Studium und will letzten Winter genießen

Nadine Horchler: Nach Debakel bei Deutscher Meisterschaft befreit in die letzte Biathlon-Saison

  • Katharina Bromberger
    VonKatharina Bromberger
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Ihre letzte Biathlon-Saison wollte Nadine Horchler aus Mittenwald genießen – zu unbedingt. Sie verkrampfte, qualifizierte sich weder für den IBU- noch für den Weltcup. Doch hat sich nun alles wunderbar gefügt.

Mittenwald – Nicht mal in ihren pessimistischsten Gedanken kam dieses Szenario vor. Doch genau das ist eingetreten. „Krass.“ Mehr fällt Nadine Horchler dazu nicht ein. Beziehungsweise fiel ihr nicht ein, als sie vor ihrem persönlichen sportlichen Tiefpunkt stand.

Bei den Deutschen Roller-Meisterschaften hatte sich die Mittenwalderin nicht für den Weltcup empfohlen – kann passieren, kennt sie. Doch sie qualifizierte sich nicht einmal für den zweitklassigen IBU-Cup – der war fest eingeplant. Nun muss sie im Alpencup starten. In der dritten Liga der Biathleten. Weit weg von der Spitze. Bekommt nicht einmal einen B-Kader-Status. Und das nach einer Vorbereitung, die so gut gelaufen war, die so viel Spaß gemacht hat. Die sich perfekt angefühlt hat als letzte Vorbereitung für die letzte Saison als Biathletin. In der sie alles einfach nur genießen wollte. „Ich hab ja nichts zu verlieren“, hatte sie sich gedacht. Dann kam die Deutsche Meisterschaft. Und es fühlte sich doch so an, als hätte sie verloren. Mindestens die Chance auf eine erfüllende letzte Saison, nach der man sich zufrieden von der Profisport-Bühne verabschieden kann.

Ein ständiger Kampf um Weltcupplätze

Horchler ist 33 Jahre alt, im Winter 2010/11 feierte sie ihr Debüt im Weltcup, am 22. Januar 2017 ihren größten Erfolg: ein Sieg im Massenstart von Antholz. Vor allem aber ist ihre Karriere geprägt vom Kampf um Start- und Kaderplätze und Durchhaltevermögen. Charakteristisch der Winter 2010, als sie nebenbei in Mittenwald als Kellnerin arbeitete, um ihren Sport zu finanzieren. Jahr für Jahr trat sie mit dem Ziel an, sich für den Weltcup zu qualifizieren, sich dort zu etablieren. Auch heuer. Und dann – das.

Sportpolitisch versteht Horchler die Entscheidung des Deutschen Skiverbands, sie für keine der beiden Top-Ligen zu nominieren. Der DSV setzt auf den Nachwuchs – diesen Bonus hat sie nicht. Es war klar: Sie muss besser sein als die Jungen, herausragen. Platzierungen weit jenseits der Top zehn – wenn auch nur als Negativ-Ausreißer – halfen da nicht. Sie war raus. „Da musste ich mich erst einmal sortieren.“

Im Frühjahr fällt die Entscheidung zum Karriereende

Im Frühjahr hatte sie so eine Phase schon einmal. Bewusst setzte sie sich mit der Frage auseinander: Wie geht es weiter? Ihre Antwort: noch eine Saison, danach ist Schluss. Mit dieser Entscheidung, dachte sie, würde sie alles ganz befreit und locker angehen. Stattdessen verkrampfte sie. Vor lauter zwanghafter Lockerheit und verordnetem Genuss. Zu groß war der Wunsch, in ihrer letzten Saison doch noch einmal den Sprung ganz nach oben zu schaffen. „Ich wollte unbedingt alles gut und schön und toll für mich haben. Zu unbedingt.“

Nach der Deutschen Meisterschaft hatte sie plötzlich viel Zeit, stand für sie doch weder mit dem A- noch mit dem B-Kader ein Trainingslager an. Stattdessen fuhr Horchler spontan zu einer Informationsveranstaltung nach Hall in Tirol. An einer Privat-Universität dort kann man Psychologie studieren. Das hatte sie – ihren Heilpraktiker für Psychotherapie hat sie bereits vor drei Jahren geschafft – für die Zeit nach ihrer Karriere schon lange im Auge. Einfach mal anhören – schadet nicht, dachte sie. Dann ging alles ganz schnell. Per Zufall erfuhr Horchler, dass bereits für dieses Semester noch Plätze frei sind – das wenige Tage später startete.

Horchler beginnt Studium und bleibt Vollzeit Biathletin  

Horchler gehört nicht zur spontansten Fraktion. Sie plant Dinge gerne, hat aber längst gelernt, wie wenig sich planen lässt – der Alpencup-Abrutsch als bestes Beispiel. Genauso wie der Studiumsplatz. „Der hat mich ja fast angesprungen.“ Also griff sie zu. Kein Entweder-oder. „Ich mach jetzt beides.“ 100 Prozent Biathlon – das Ziel bleibt ein Weltcup-Start –, an den freien Tagen Studium in Hall. Alles mit den Coaches, den Dozenten und dem Arbeitgeber, der Bundeswehr, abgesprochen. Der Lehrplan lässt sich mit dem Training optimal vereinbaren. Im nächsten Winter gilt dann 100 Prozent Studium.

Gerade hat Horchler Spaß an allem, was sie tut. Am Studium und am Sport. „Es hätte nicht besser passieren können.“ Auch weil sie, gebürtig aus Ottlar in Nordhessen, in ihrer neuen Heimat Mittenwald bleiben kann. Sie fühlt sich befreit. Jetzt wirklich.

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