Drei Männer, eine Meinung: (v. l.) Vorsitzender Niklas Hilber, Mundartwissenschaftler Dr. Bernhard Stör und Vize-Vorsitzender Anton Brandner kämpfen für den Erhalt des bayerischen Dialekts. foto: kaiser

Münchner Dialekt wie eine "Seuche"

Mittenwald - Das Bairische befindet sich auf dem Rückzug - da sind sich Dialekt-Forscher einig. Eine Sprachinsel der Standhaften ist hingegen Mittenwald.

„Der Münchner Dialekt, was immer das auch ist, breitet sich seuchenartig im ganzen Oberland aus.“ Dr. Bernhard Stör zeichnet ein tristes Bild von den Sprach-Tendenzen im Freistaat. Besonders schlimm für ihn: „Von den Münchnern unter 35 Jahren redet sowieso niemand mehr Bairisch, beispielsweise sprechen dort nur 1,2 Prozent der Gymnasiasten und 2,6 Prozent der Hauptschüler Mundart, die Landeshauptstadt ist fast dialektfrei.“ Der 63-jährige Dialektologe, vor seiner Pensionierung Lehrbeauftragter an den Universitäten München und Passau, sieht sich als Kämpfer der bayerischen Mundart. Nun skizzierte er auf Einladung der Werdenfelser Landschaftsverbands des Fördervereins Bairische Sprache und Dialekte im Mittenwalder Traditionsgasthaus Alpenrose die Überlebenschancen des Bairischen.

Es genüge nämlich nicht, wenn das Kultusministerium alle zehn Jahre eine neue „Handreichung“ an die Schulen versende. „Vielmehr muss, sofern die Mundartförderung seitens einer Mehrheit der Gesellschaft befürwortet wird, umgehend eine durchorganisierte konzertierte Kampagne pro Mundart ins Leben gerufen werden: Eile ist geboten, sonst stirbt Bairisch nach München, wo es praktisch schon tot ist, allmählich auf dem Land aus.“

Die nördliche Nö- und Nich-Redensart ist auch im Werdenfelser Land auf dem Vormarsch, hatte Anton Brandner, stellvertretender Vorsitzender des Landschaftsverbands, schon eingangs erklärt. „In manchen Orten unseres Landkreises bestimmt der heutige Allerwelts-Slang sogar schon die Sprache in den Jugendgruppen der Trachtenvereine.“

Stör sieht mundartlich gesehen die Welt in Mittenwald noch in Ordnung. Er registriert jedoch schon viele Dialekt-Störungen im Rest des Landkreises, insbesondere in Garmisch-Partenkirchen.

Die Werdenfelser Mundart sei im wesentlichen eine Mischung aus Mittel- und Südbayerisch sowie Alemanisch und unterscheide sich, beispielsweise in den Wortendungen, oft von Ort zu Ort. Dabei gebe es ein paar signifikante Besonderheiten, wie etwa das gotische Lehnwort „Enk“ für Euch und das „E-is“ - Wortwendungen, die in München schon längst ausgestorben sind.

Unabhängig von der Sprachentwicklung sind die lokalen Dialekte sowie die Hochform der bairischen Sprache jahrzehntelang diskriminiert und als eher minderwertig abgetan worden, finden die Experten unisono. Weshalb das bairische Sprachvolk seine Selbstbehauptung aufgegeben habe. „Infolgedessen gehen viele Eltern von dem aus, was ihnen Jahrzehnte ins Hirn gehämmert wurde, dass nämlich ihre Kinder keine Chance haben, wenn sie Dialekt sprechen“, verdeutlichte Stör. Für ihn hilft nur eins: Dagegensteuern auf allen Ebenen.

Doch es gibt im Landkreis auch positive Tendenzen. Darauf verwies Niklas Hilber, seit 2011 Vorsitzender des vor 21 Jahren gegründeten Werdenfelser Landschaftsverbands, im Rahmen seines Tätigkeitsberichts. Als Beispiel nannte er zwei Wirte in Seehausen und Garmisch-Partenkirchen, die sich einen Namen für ihre vorbildlich „boarischen“ Speisekarten gemacht haben.

Wolfgang Kaiser

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