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Eindeutiges Votum: Der Gemeinderat fasst einen Grundsatzbeschluss.

Marktgemeinderat Mittenwald  fasst Grundsatzbeschluss

Ein (Kranz-)Berg voller Herausforderung

Der Marktgemeinderat will in die Vollen gehen. Obwohl viele teure Projekte in Mittenwald auf ihre Umsetzung warten, wagt man sich an ein kostenintensives Vorhaben: die Modernisierung der veralteten Anlagen auf dem Kranzberg. Der folgenschwere Grundsatzbeschluss am Dienstagabend ist die Flucht nach vorne – im globalen Kampf um Touristen.

Mittenwald – Die Liste ist lang: Hallenbad, Dreifach-Sporthalle, Bürgerhaus-Sanierung, Erwerb von Bundeswehr-Gelände, Realisierung von Sozialwohnungen. Alles Projekte, die vom Mittenwalder Marktgemeinderat abgearbeitet werden müssen und ein Heidengeld verschlingen. Von der drohenden Übernahme der Karwendelbahn ganz zu schweigen. Vor dem Hintergrund dieses Riesenbergs an finanzpolitischen Herausforderungen wird der eine oder andere der erfreulich vielen Zuhörer überrascht gewesen sein, was er da am Dienstagabend im Katholischen Pfarrsaal zu hören bekam.

Denn hätten die Volksvertreter nicht ohnehin schon genug zu tun, zauberte der Gemeinderat die längst verstaubte Modernisierung der touristischen Anlagen auf dem Kranzberg (1391 Meter) heraus. Nach knapp dreistündiger Diskussion brachte das Gremium dahingehend sogar einen Grundsatzbeschluss auf den Weg – mit 16:2 Stimmen. Lediglich Josef Schandl (Freie Wähler) und Rudi Rauch (SPD) votierten aus unterschiedlichen Motiven dagegen.

Dass auf dem sonnigen Höhenrücken mit seinen zahlreichen Gasthäusern und Hütten, Seen und Wanderwegen etwas passieren müsse, steht bei allen im Gremium außer Zweifel. „Ich bin klar für eine Veränderung auf dem Kranzberg“, stellte Schandl klar. „Aber wir müssen alle Anlieger mit ins Boot holen.“

Seinem Amtskollegen Rauch ist offenbar das Tempo zu schnell. Er möchte die Eckdaten (siehe Seite 1) daher erst mal drei Monate öffentlich auslegen. „Um dem Bürger und Anlieger die Möglichkeit zu geben, sich mit dem Projekt auseinanderzusetzen.“ Antrag abgelehnt.

Wie dringend der Handlungsbedarf aus touristischer Sicht im Wander- und Skigebiet Mittenwalds ist, skizzierte Professor Thomas Bausch. Nach seinem 20-minütigen Vortrag über Klimawandel, veraltete Anlagen und „austauschbarem Angebot“ schlussfolgerte er in puncto Kranzberg: „Super-Naturraum, aber vieles entspricht nicht mehr den Wettbewerbstandards.“ Schon gar nicht der 67 Jahre alte Einer-Sessellift, der nur noch Bergbahn-Nostalgiker begeistert und für den es laut Gemeinderat Klaus Zwerger (Bürgervereinigung/BV) schon gar keine Ersatzteile mehr geben soll.

40 000 Euro hat das 2015 in Auftrag gegebene Gutachten der Hochschule München gekostet. Rausgeworfenes Geld, findet Georg Seitz (Freie Wähler). „So ganz viel Neues, Herr Bausch, haben Sie uns nicht erzählt.“ Diese Kritik konterte der Bürgermeister prompt. „Wenn wir schon alles gewusst haben, warum haben wir dann nicht schon längst angefangen“, fragte Adolf Hornsteiner (CSU) in Richtung Seitz.

Tatsache ist: Die Zeiten schneereicher, langer Winter sind endgültig vorbei. Zur Bekräftigung dieses Arguments zeigte Bausch eine Aufnahme vom 29. Dezember 2015 vom Luttenseelift. Darauf ist viel grüne Wiese und ein Mountainbiker zu sehen – bei Temperaturen von 21 Grad (!).

Eine Skisaison zwischen 1200 und 1400 Metern ist nicht mehr kalkulierbar – selbst mit Schneekanonen. Das kennt Liftbetreiber Klaus Wurmer, der am Dienstag ebenfalls im Publikum saß, aus leidvoller Erfahrung. Schon lange kämpft er im „Skiparadies“ ums wirtschaftliche Überleben. Das wissen auch die Rathaus-Verantwortlichen, bei denen Wurmer nicht nur einmal vorstellig wurde. Mit einer modernen Gondelbahn vom Luttensee zum Gipfel und ausreichend Schneedepots (kein Speichersee) könnte er ein Mehr an Sicherheit bekommen.

Das ist einer der Eckpunkte des 24,6-Millionen-Euro-Kranzberg-Projekts. Doch nicht nur Skifahrer sollen in Zukunft dort oben im Winter ihren Spaß haben. Freunde von reinem Naturschnee – falls einer fällt – können diesen im Wildensee-Gebiet finden. Tourengeher dürfen ihrer Leidenschaft nördlich der Trasse des bestehenden Kranzberglifts frönen.

Die Ideen von Bausch und Christian Weiler vom beauftragten Innsbrucker Büro Klenkhart & Partner fanden allgemeine Zustimmung im Rat. „Wir müssen in die Zukunft schauen“, appellierte Zwerger an die Runde. „Ich glaube, es ist an der Zeit, dass wir das anpacken“, meinte Kurt Stransky (CSU). Auch für seine Fraktionskollegin Regina Hornsteiner ist’s „allerhöchste Eisenbahn“.

Zu hören gab’s im Pfarrsaal aber auch nachdenkliche Töne. „Das Geld liegt mir schon im Magen“, spielte Stefan Schmitz (BV) auf die Tatsache an, dass die fälligen 24,6 Millionen Euro ausschließlich über Kredite finanziert werden sollen – und das in Zeiten weiterer kostenintensiver Aufgaben. Doch Abstriche am Kranzberg können laut Georg Seitz nicht gemacht werden. „Wenn wir nicht alles umsetzen, werden wir auch nicht Erfolg haben.“ Doch der steht aktuell sowieso in den Sternen. Wie gesagt: Der Gemeinderat hat sich am Dienstag lediglich zu einem Grundsatzbeschluss durchgerungen. Ob dieser jemals realisierbar ist, werden Gespräche mit Anliegern, Behörden und Verbänden erst zeigen.

Christof Schnürer

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