Verdiente Auszeichnung: Hubert Klotz (l.) erhält die Silberne Ehrennadel von Bürgermeister Enrico Corongiu. 
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Verdiente Auszeichnung: Hubert Klotz (l.) erhält die Silberne Ehrennadel von Bürgermeister Enrico Corongiu. 

Nur bei der Hochzeit blieb der Piepser daheim

Mittenwald: Große Ehre für Hubert Klotz - ehemaliger Kommandant mit silberner Ehrennadel ausgezeichnet

  • Josef Hornsteiner
    vonJosef Hornsteiner
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Die Feuerwehr ist sein Metier. Hubert Klotz opferte über 43 Jahre lang fast jede freie Minute für den Schutz seiner Mitmenschen. Nun ist der ehemalige Mittenwalder Kommandant für sein ehrenamtliches Lebenswerk mit der silbernen Ehrennadel des Marktes Mittenwald ausgezeichnet worden.

Mittenwald – Er sieht den Turnschuh noch heute vor sich. Wie er einsam auf der Bundesstraße 2 liegt. Zwischen Scherben. Nur wenige Meter daneben ein Körper am Straßenrand. Eine junge Einheimische, von einem Auto erfasst. Bei einem Verkehrsunfall aus dem Leben gerissen. Hubert Klotz bewirtet an jenem Sonntagabend im Jahr 2008 mit seinen Kameraden das Gartenfest der Feuerwehr, als der Piepser geht. Ein Notruf, und niemandem ist mehr zum Feiern zumute.

Die Bilder jenes Abends haben sich in Klotz’ Kopf eingebrannt. Tausende Einsätze musste der Ehren-Kommandant der Mittenwalder Feuerwehr in den 43 Jahren seines aktiven Dienstes bewältigen. Viel Leid hat er gesehen. Viel Unschönes, was er gerne vergessen würde. Doch gab es auch viel Gutes. Wenn seine Mannschaft beispielsweise ein älteres Ehepaar aus einem qualmenden Haus retten konnte, wie im Jahr 2019. Wann auch immer Hilfe gebraucht wurde, Klotz half. Zu jeder Uhrzeit, an jedem Tag.

Kurioser Einsatz: Im November 2016 ist ein Müllfahrzeug an der Goethestraße eingebrochen.

Vor gut zwei Wochen legte er sein Amt als Kommandant nieder. Aus gesundheitlichen Gründen trat er ganz aus dem aktiven Dienst aus. Eine Ära geht zu Ende. Für Klotz’ Wirken hat ihm Bürgermeister Enrico Corongiu (SPD) kürzlich in kleiner Runde im Rathaus die silberne Ehrennadel des Marktes Mittenwald verliehen. Einhellig hat der Gemeinderat dafür gestimmt, sein ehrenamtliches Lebenswerk auszuzeichnen. Eine „sehr intensive Zeit“, meint der „Basch’n Hubert“. Einfach war es nie. Trotzdem war er gerne Feuerwehrler. Oft musste ihn die Familie zu Hause entbehren, wenn mal wieder der Piepser ging.

Wie am 26. August 2005, als der Alarm Klotz und seine Kameraden um 4.30 Uhr aus dem Schlaf reißt. Ein Haus am Pechhüttenweg brennt lichterloh. Brandstiftung in einer Zahnarztpraxis, wie die Polizei später ermittelt. Über 50 Feuerwehrmänner aus Mittenwald kämpfen stundenlang gegen die Flammen. Gegen 8 Uhr bekommen sie den Brand unter Kontrolle. Gegen 11 Uhr räumen die Einsatzkräfte auf. Manche gehen bereits wieder zur Arbeit, dann ein weiterer Alarm: Hochgiftiges Chlorgas tritt im Mittenwalder Hotel Bichlerhof aus. Erneut ist die Feuerwehr zur Stelle. Klotz ist 2005 nicht nur Stellvertreter von Kommandant Josef Gschwendtner, sondern auch Vize-Bauhof-Chef. Eine Doppelbelastung. Ausgezehrt sind er und seine Männer, mussten sie schließlich zuvor tagelang gegen das Hochwasser im Ort kämpfen. Schlaf fanden sie kaum zwischen den Einsätzen, meist nur fünf Stunden am Stück. „Das ist schon sauber an die Substanz gegangen.“

Nach dem Waldbrand 1998 am Latscheneck begutachtet Hubert Klotz die verkohlte Stelle.

Klotz und seine Kameraden rückten auch dann aus, wenn andere feierten. Wie am Silvestertag 2011, als helle Aufregung im Ort herrscht. Wenige Stunden vor dem Jahreswechsel werde eine Bombe in der Pfarrkirche St. Peter und Paul hochgehen, teilt ein anonymer Anrufer mit. Für Klotz und 20 Kameraden ist die Feier vorbei. Sie müssen die Polizei unterstützen. „Das war schon beeindruckend, als dann auch noch das SEK anrückte.“ Zum Glück stellt sich die Drohung als unwahr heraus. Ein geistig verwirrter Mann sorgt für den Fehlalarm.

Den Piepser hatte der gelernte Fliesenleger stets dabei. Außer zu seiner Hochzeit, da musste er ihn zuhause lassen, erzählt der Vater von drei Kindern augenzwinkernd. Nur wenig im Leben hatte für ihn vor der Feuerwehr Vorrang. Viele seiner Kameraden ticken gleich. Doch ist dieses Herzblut keine Selbstverständlichkeit, weiß er. Es gibt eben solche und solche. „Manche sind rund um die Uhr für die Wehr im Einsatz, absolvieren Maschinisten- und Atemschutzlehrgänge.“ Sie bilden das Stammpersonal, auf das sich Klotz stets verlassen konnte. Und was ihn besonders freut: Es kommen zahlreiche Junge nach. Auch keine Selbstverständlichkeit. „Wir haben schon mal drei Jahre am Stück keine neue Gruppe zusammenbekommen.“

Als Klotz am 7. Oktober 1977 als 17-Jähriger in den Dienst der Feuerwehr trat, waren es gleich drei Gruppen, die gleichzeitig bei der Wehr anfingen. Seinen ersten Einsatz erlebte er noch am selben Abend. An einem der Zollbeamtenhäuser an der Grenze zu Scharnitz hat der Föhnsturm das Dach angepackt. „Bevor wir losfahren konnten, bin ich über die Deichsel einer unserer Anhänger gestolpert“, erinnert er sich lachend zurück.

Aus dem Jungspund ist über die Jahrzehnte eine Führungskraft geworden. Nach unzähligen Einsätzen, Lehrgängen und Fortbildungen wurde er 1996 Zweiter und 2008 schließlich Erster Kommandant. In seiner Zeit bewältigten die Einsatzkräfte nicht nur den G7-Gipfel. Auch die neuen Anforderungen an die Brandbekämpfer, vorrangig im digitalen Bereich, kosteten Zeit und Nerven. „Eine fordernde, aber schöne Zeit“, sagt Klotz. „Es gab auch haufenweise zu lachen bei vielen geselligen Abenden.“ Diese Momente wiegen mehr als die unschönen.

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