+
Hirte Peppi Hornsteiner auf der Bärenalpl.

Peppi Hornsteiner erzählt von der Arbeit im Almsommer

Ein Mann mit zwei Leben: Mittenwalder ist seit 26 Jahren Hirte

  • schließen

Vieles hat er schon erlebt bei der Arbeit als Hirte. Schönes, aber auch Tragisches. Beides vergisst Peppi Hornsteiner nicht. 

Mittenwald - Knapp 30 Zentimeter ist der Steig breit. Rechts von ihm geht es 300 Meter in die Tiefe. Senkrecht. Eine Sicherung? Fehlanzeige. Rechts ist nur die leicht überhängende Felswand. Langsam tapsen die Lämmer und Schafe bergab. Es sind rund 200 Stück. Eines hinter dem anderen. Sie rutschen ab, fangen sich wieder. Peppi Hornsteiner beobachtet jeden Schritt der Tiere. „Hööööjaaa“, ruft er um den Tross zu beruhigen. „Höööööjaaaa.“ Doch er kommt nicht gegen die Nervosität in der Herde an. Stau. Nachkommende Schafe drücken auf die vorderen Tiere. Dann passiert es. „Wumm“. Der erste dumpfe Aufprall. „Wumm.“ Ein zweitesmal. Es hallt von den Berghängen wider. „Wumm.“ Immer wieder, zwölf Mal. Ein Schaf nach dem anderen stürzt in den Tod. „Wumm“. 

Den Schafabstieg von 1996 von der Hochalm nach Mittenwald wird Peppi Hornsteiner nie mehr vergessen. Bis heute ist er froh, dass ihn damals fünf Freunde begleiteten. Dass er nicht alleine war bei diesem Unglück. Noch heute hört er die vielen dumpfen Aufschläge. Bis ins Tal hinunter waren sie zu vernehmen. Die Freude an seiner Arbeit hat er aber bis heute nicht verloren. Viele weitere Male marschierte er über den Gjaidsteig und den „schiachen Graben“ mit seinen Schafen ins Tal. Das gehört zu seinem Leben. Wie die Monate auf der Rehbergalm. Ohne fließend Wasser. Ohne Strom. Das ist das eine Leben von Hornsteiner. 

Das Unglück hat ihn geprägt

Er steht in der Küche seiner Rehbergalm. Nur wenige Quadratmeter ist sie groß. Dort lebt der 56-jährige Mittenwalder im Sommer als Hirte. 22 Jahre sind seit dem Unglück vergangen. Es hat ihn geprägt. Unruhig geht er auf und ab, schaut oft aus dem Fenster. Bald müssten sie kommen. Er wartet auf seine jungen Helfer, die die letzten Schafe von den Weideflächen des sogenannten Bärnalpl über den berüchtigten Gjaidsteig zur Alm bringen. So wie er seit 26 Jahren. So wie 1996. Endlich hört er Stimmen und Blöken. Sechs junge Mittenwalder treiben 18 Schafe. Die übrigen 500 grasen bereits auf den Wiesen rund um die Hütte. Diese Nachzügler hatten sich versteckt in Felsschluchten und Sandreißen. Über das Bimmeln der Glocken am Hals haben die Hirten sie gefunden. Hornsteiners Herde ist jetzt wieder komplett. Kein Tier stürzte ab. 

Kaminwurzen aus Schaf-Fleisch, Bauernbrot und Bergkäse hat er für seine Besucher hergerichtet. Die Zahl der Wanderer ist überschaubar, die zu ihm die etwa 60 Minuten vom Tal rauf gehen. Tagelang hört er nur das Blöken seiner Schafe. Ab und zu kommen Wanderer vorbei auf ihrem Weg herunter von der Wörnerspitze. Sie bringen Geschichten und Neuigkeiten mit. Unterhaltung und Informationen erhält er ansonsten nur durch sein kleines, batteriebetriebenes Radio. Jeden Tag um sechs Uhr morgens schaltet er es zum Frühstück ein. Dann hört er Nachrichten von „der Welt da drunten“. Von ihm erfuhr er 2013 von den Spionage- Skandalen der US-Geheimdienste. Oder verfolgte 2014 das WM-Finale, als die Fußballnationalmannschaft das Endspiel gegen Argentinien mit 1:0 gewann. „Dann bin ich froh, hier oben zu sein, weg von dem ganzen Trubel.“ Den gibt es auf 1565 Metern nicht. Die Toilette besteht lediglich aus einem Plumpsklo in einem Holzverschlag abseits der Hütte. Die einzige sanitäre Einrichtung. Deshalb zieht es ihn alle paar Tage runter ins Isartal, um zu duschen und frisches Wasser für Kaffee und Tee zu besorgen. 

Es ist keine schlechte Welt da unten, sie ist einfach nur anders

In Mittenwald lebt er mit seiner Gattin Uli und den beiden Kindern Katharina und Florian in einem Reihenhaus. Dann fährt er einen neuen Jeep, besitzt ein Smartphone, schaut fern auf einem modernen Flachbildschirm. Den Winter über arbeitet Hornsteiner beim gemeindlichen Bauhof. Ist angestellt beim Räumdienst, um die Straßen vom Schnee zu befreien. Typischer Alltag. Mit dem Zeitdruck, die Wege von den weißen Massen zu befreien, ehe Einheimische und Gäste zu Fuß oder mit dem Auto zur Arbeit oder zum Einkaufen wollen. Das ist Hornsteiner zweites Leben. Mit all seinem Stress. 

Den gibt es auf der Alm nicht. Da bestimmen die Tiere den Rhythmus. Ein Hüttenabend mit seinen jungen Helfern ist da eine willkommene Abwechslung. Sie packen Ziehorgel und Gitarre aus, singen alte Hirtenlieder. „Da Summa is aussi“ ist eines davon. Es handelt vom Abschied vom Gebirge. Ein Lied, als wäre es für Hornsteiner geschrieben worden. Es erzählt davon, dass es still geworden ist auf der Alm. Kein Vogel singt mehr und der Schneewind, der vom Wetterstein her weht, kündigt das Ende des Sommers an. „Muass I obi in’s Tal, pfiat enk Gott schene Alma, pfiat enk Gott tausend Mal“. Der Text bewahrheitet sich für Hornsteiner jetzt im September. Dann ist seine Hirtenzeit vorbei. Er muss wieder hinab ins Tal. 

Mit dem Schafabtrieb beginnt sein zweites Leben

Ob alle Schafe den Bergsommer überlebt haben, erfährt er erst bei der endgültigen Zählung. Gefahren gibt es viele. Nicht nur beim Abtrieb. Schon oft hat der Adler ein junges Lamm geholt. Er packt es, lässt es aus der Höhe fallen, um es zu töten. Dann bringt er es zum Horst für seine Jungen. „So ist sie halt, die Natur.“ Dazu gehören auch die Gewitter im Hochgebirge. Dann trifft schon mal der Blitz ein Schaf. Oder eines stürzt auf der Suche nach Futter ab. Doch diesen Verlusten steht neues Leben gegenüber. Zwischen sieben und zehn Lämmer bringen die Muttertiere auf der Alm zur Welt. So treibt der Hirte fast jedes Jahr mehr Schafe zurück ins Tal, als er hoch geführt hat. Dann ist er glücklich. Genau deswegen ist der gelernte Metzger vor über 26 Jahren Hirte geworden. 

Er hat sich damals auf eine Zeitungsannonce der Weidegenossenschaft, seinem heutigen Arbeitgeber, spontan beworben. Er suchte eine neue Herausforderung. Dass sie fortan sein Leben bestimmen würde, „wusste ich selbst noch nicht“. Aus der Mittenwalder Almwirtschaft ist Hornsteiner nicht mehr wegzudenken. So wie die Zeit auf der Alm ein fester Teil von ihm ist. Mit dem traditionellen Schafabtrieb durch Mittenwald beginnt für ihn dann wieder sein zweites Leben. Mit Flachbildfernsehern, Autos und Smartphones. Eine schlechte Welt? Hornsteiner sagt nein. „Es ist einfach nur anders.“

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Die digitale Revolution im Klassenzimmer: Jetzt sollen die Landkreis-Schulen fit gemacht werden
Sebastian Unterstein hat eine Mission. Der Lehrer will heuer als erster Koordinator für Digitalisierung im Landkreis die staatlichen Schulen fit für das neue …
Die digitale Revolution im Klassenzimmer: Jetzt sollen die Landkreis-Schulen fit gemacht werden
Unfall bei Zugspitzbahn: Kaputte Gondel ist geborgen - wie geht es jetzt weiter?
Bei der neuen Seilbahn an der Zugspitze ist ein Bergewagen in eine der beiden Gondeln gekracht und hat einen Totalschaden verursacht. Die komplizierte Bergung wurde …
Unfall bei Zugspitzbahn: Kaputte Gondel ist geborgen - wie geht es jetzt weiter?
Nach Unfall: BZB hofft zeitnah neue Gondel zu bekommen
Die zerstörte Kabine der Seilbahn Zugspitze wurde Freitagvormittagsicher in die Bergstation gezogen. Fest steht: Der Schaden ist siebenstellig. Klaus Schanda hat jetzt …
Nach Unfall: BZB hofft zeitnah neue Gondel zu bekommen
Hochwasserschutz Graswang: 2019 geht‘s endlich los
Es hat gedauert, bis sich die Behörden soweit einig waren - jetzt sollte dem Startschuss für den Hochwasserschutz in Graswang nicht mehr viel entgegen stehen.
Hochwasserschutz Graswang: 2019 geht‘s endlich los

Kommentare