Die Bundeswehr aus Mittenwald unternimmt einen Winterausflug mit behinderten Menschen.
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Standen stets eng zusammen: Behinderte Menschen und Vertreter der Bundeswehr.

Bundeswehr hilft

Knapp 50 Jahre pure Mitmenschlichkeit

Seit 1972 kümmern sich aktive und ehemalige Bundeswehrangehörige aus dem Standort Mittenwald zusammen mit der Militärseelsorge um Menschen mit Behinderung in den Werdenfelser Werkstätten der Kinder-, Jugend- und Erwachsenenhilfe (KJE). Jetzt wurde die Verbindung nach fast 50 Jahren beendet.

Mittenwald/Garmisch-Partenkirchen – Viel Gutes bewirkte die Verbindung zwischen dem Mittenwalder Militär und der Kinder-, Jugend- und Erwachsenenhilfe (KJE). Bereits 1980 hatte das Bundesverteidigungsministerium das Ganze als Patenschaft anerkannt. Doch nun ist Schluss. Bei der Abschiedsveranstaltung in den Werdenfelser Werkstätten der KJE konnte Ronald Kühn als Geschäftsführendes Vorstandsmitglied viele zivile Gäste und zahlreiche Vertreter der Bundeswehr begrüßen. Einer davon war Oberstleutnant a. D. Hartmut K. Seiter, der mit der Kameradschaft Instandsetzungstruppe Mittenwald und freiwilligen Soldaten, zivilen Bundeswehrangehörigen und der Mittenwalder Militärseelsorge die Menschen mit Behinderung unterstützt hat. „Wir haben Zeit gespendet, und diese Verbindung ist mehr als eine Partnerschaft. Profitiert haben davon beide Seiten.“

Seiter erinnerte an den Beginn der Zusammenarbeit. „1972 erreichte die Militärseelsorge der Bundeswehr ein Hilferuf des damaligen Werkstattleiters Alfred Bayer. Er bat um Unterstützung durch das Abladen von schwerem Gerät für den Bau der von Professor Alfred Heinle gegründeten Kinder- und Jugendhilfe auf dem Areal des ehemaligen Garmischer Krankenhauses.“ Der damalige Pfarrhelfer Otto Geisenberger leitete die Bitte an die Gebirgsinstandsetzungskompanie weiter. Dort meldeten sich Soldaten zur freiwilligen Hilfe. Oberst Sepp Prentl, der Brigade-Kommandeur, sorgte dann für die Umsetzung des Hilferufes.

Was sich daraus entwickelte, konnte Seiter mit Zahlen belegen. „Zwischen 1980 und 2019 haben wir 44 Ausflüge als Wanderung, mit dem Bus, Seilbahn, Zug und Schiff organisiert.“ Dazu kamen ab 1993 insgesamt 23 Langlauf-Nachmittage mit teils dreitägiger Dauer im Biathlonzentrum Kaltenbrunn, elf Seniorenausflüge und zehn Nikolaus-Besuchsnachmittage. „Da solche Aktionen Geld kosten, haben wir versucht, Gelder zu generieren“, erklärte Seiter. „Im Laufe der Zeit gab es Spenden aus Kollekten, Kompanie- und Familienfeiern, aus der Bevölkerung und von Unternehmen, die auf ihr Beförderungsentgelt verzichteten.“

Deshalb müssen wir unsere Patenschaft – nicht aber unsere Freundschaft – offiziell beenden.

Hartmut K. Seiter

Finanzmittel konnten bis 2013 auch mit dem Verkauf von Eintopf und Getränken erzielt werden. „Die ersten Gelder erzielte man durch Altpapiersammlungen an Wochenenden mit Privatfahrzeugen“, erinnern sich die damaligen Hauptfeldwebel Franz Held und Max Zapf sowie Leutnant Horst Demmelmayr, der später die Langlaufnachmittage in Kaltenbrunn organisierte.

Doch jetzt endet die Kooperation. „Das ist alles aufgrund der Umstrukturierung der Bundeswehr, der langen Abwesenheit von Soldaten und der Militärseelsorge durch Auslandseinsätze und wegen unserer eigenen immer älter werdenden Helfer nicht mehr möglich“, bedauerte Seiter. „Deshalb müssen wir unsere Patenschaft – nicht aber unsere Freundschaft – offiziell beenden.“

Die rührigen Soldaten konnten der KJE bis 2002 insgesamt 34 717 D-Mark und von 2002 bis 2020 noch einmal 31 486 Euro zur Verfügung stellen. Dazu kam bei Auflösung des Vereinskontos eine letztmalige Bargeldspende in Höhe von 6000 Euro. „Unser Kassier Manfred Graf hat 190 Euro aus seiner Privatschatulle gespendet, damit die Summe rund wird“, lobte Seiter seinen Schatzmeister – und appellierte: „Verwenden Sie das Geld so, als wenn wir noch da wären.“

Für Militärpfarrer Norbert Sauer geht nach fast einem halben Jahrhundert eine lange und ganz besondere Ära zu Ende. „Nach den vielen persönlichen Begegnungen ist eine Verbundenheit und Beziehung zwischen Menschen entstanden, die für beide Seiten fruchtbar war. Der Weg zur Dankbarkeit geht über das Nachdenken und deshalb ein herzliches Vergelt’s Gott an alle Verantwortlichen.“

Auch die Bundeswehr war in Person von Oberstleutnant Klaus Schöneich, stellvertretender Kommandeur der Gebirgs- und Winterkampfschule, präsent. „Als junger Mensch hat man bei dieser Betreuungsmaßnahme mit behinderten Menschen zuerst Berührungsängste.“ Nach den vielen persönlichen Kontakten waren ihm zufolge aber alle begeistert. Deshalb habe man auch alle diese mannigfaltigen Aktionen voll unterstützt.

Gehen sie weiterhin miteinander mit viel Liebe um, denn Liebe ist das Bindeglied aller Menschen.

Alfred Heinle

Dafür gab es ein Lob von Alfred Heinle. „Am Anfang stand es nicht gut um uns“, blickte der 86-jährige Gründer der KJE-Hilfe zurück. „Gelernt haben aber alle, dass man mit Menschen aller Couleur normal umgehen kann. Das Schlimmste für mich dabei war, wenn einer keine Zeit hatte. Deshalb freut es mich, dass sich alle Beteiligten Zeit für uns genommen haben und wir so lange Jahre diesen Weg mit Freuden zusammen gehen konnten.“ Diese KJE-Hilfe sei das Werk vieler Menschen gewesen, „und das darf heute nicht zu Ende sein. Gehen sie weiterhin miteinander mit viel Liebe um, denn Liebe ist das Bindeglied aller Menschen“.

Am Ende dieser emotionalen Feierstunde versprach KJE-Vorstandsmitglied Ronald Kühn, „dass Ihr auch in Zukunft alle eingeladen seid, wenn es bei uns etwas zu feiern gibt. Wir spenden weiterhin unsere Zeit und damit auch Begegnungen mit Menschen.“ Wolfgang Kunz

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