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Bericht aus seinem Leben: Siegfried Steger.

Lesung über Südtiroler „Pusterer-Buibm“

Explosiver Kampf um Unabhängigkeit

Die Causa „Pusterer-Buibm“ ist heute noch so brisant wie vor gut 60 Jahren. Mitglied Siegfried Steger (79) erzählte am Freitagabend in Mittenwald über die „Südtiroler Bombenjahre“ und welche Bedeutung der Geigenbauort damals für die Terror-Tätigkeiten in Südtirol hatte.

Mittenwald – Es ist eine Begegnung, die Georg Kriner (Wuif’n Schorsch) nicht vergessen hat. Als er vor 56 Jahren als Bub nach seiner Erstkommunion von der Kirche nach Hause kam, saß dort eine kleine Gruppe von Männern. „Einer stand bei unserem Apfelbaum und schnitt daran herum“, erinnert sich der heutige Mesner und langjährige Mittenwalder Gebirgsschütze. Als er seinen Vater fragte, was der Fremde denn da mache, meinte dieser nur: „Bua, der kennt sich aus mit Apfelbäumen. Da wo er herkommt, können’s gut mit denen.“ Der Mann war der Südtiroler Luis Amplatz. Heute kennt man ihn vor allem als einen der „Pusterer Buibm“ – eine Gruppierung der separatistischen Organisation „Befreiuungsausschuss Südtirol“. Diese operierte auch mit Anschlägen und Terrorismus, um das Selbstbestimmungsrecht für die Südtiroler Bevölkerung zu erzielen. Amplatz war der langjährige Weggefährte von Siegfried Steger.

Als Kriner dies am Freitagabend in seinem Grußwort erzählt, warten die rund 140 Zuhörer im Mittenwalder Pfarrsaal auf den Hauptakteur des Abends: Siegfried Steger. An einem kleinen Tisch auf der Bühne sitzt er – ein rüstiger, 79-jähriger Mann. Steger ist nervös. Mit so vielen Menschen hat er nicht gerechnet. In Tirol habe er schon einmal vor etwa zehn eine Buchpräsentation gehalten, meint er. Die Lesung übernimmt Dietmar Ganahl, der Stegers neuestes Buch „Was geschah im Hintergrund – 55 Jahre im Exil“ per Eigenverlag druckte.

Ganahl, der Auszüge daraus vorträgt, und Steger, der kommentiert, sorgen für ein Wechselbad der Gefühle. Es wird über Kurioses gelacht. Wie 1962, als in Südtirol noch Schützenkompanien mit ihren Trachten und Gewehren staatlich verboten waren. So war auch das traditionelle Schießen während der Prozession am Herz-Jesu-Sonntag untersagt. So stiegen Steger, Heinrich Oberleitner und Sepp Forer heimlich in die Pustersteiner Wände und „schossen“ zwar ohne Gewehre, dafür aber mit Dynamit nach jedem Evangelium drei Ehrensalven. „Die Reaktionen konnten wir durch ein Fernglas beobachten“, berichtete Steger. „Erstaunte, freudige und lachende Gesichter waren dabei.“

Dann erzählt er aber auch jene Geschichten, die es den Zuhörern eiskalt den Rücken runterlaufen lassen. „Nach heutigem Verständnis führten wir einen Guerillakrieg“, sagt er. So sprengten die „Pusterer Buibm“ nicht nur unzählige Strommasten und italienische Gedenkstatuen in Südtirol. Obwohl es die Gruppe nach eigenen Angaben niemals auf Menschen abgesehen hatte, wäre es bei einem Anschlag auf eine italienische Carabinieri-Kaserne in Sand in Taufers beinahe zu vielen Toten gekommen. „Wir haben an drei Strommasten Sprengladungen angebracht“, berichtet Steger. „Einen Nylonsack mit Sprengstoff und einem Taschenuhrzünder ließen wir in den Schornstein des Kasernengebäudes hinab.“ Allerdings blieb der Sack im zweiten Stock an einem Mauervorsprung hängen. „Als die Masten um 4 Uhr morgens fielen, holten die Carabinieri zum Verhör sofort viele Südtiroler in die Kaserne“, so Steger. Allerdings war die Bombe im Kamin noch scharf und auf 6 Uhr gestellt. Unter den zu Verhörenden war auch Franz Ebner, „der wusste, dass dort im Kamin eine scharfe Bombe“ steckte. „Er blieb dennoch seelenruhig in dem Raum sitzen und wurde gemeinsam mit Sepp Laner durch die Explosion schwer verletzt.“

Steger weiß: Wäre die Bombe nicht hängen geblieben, sondern im Parterre detoniert, hätte es „alle in Fetzen gerissen“. Den Sprengstoff bekamen die Südtiroler unter anderem aus Mittenwald. In Nacht- und Nebel-Aktionen nutzten sie die „grüne Grenze“ zwischen dem Isartal und Scharnitz, um mehrmals bis zu 60 Kilo Explosivmittel zu besorgen.

Josef Hornsteiner

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