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Stefan Rieger blättert in alten Erinnerungen.
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Pioniere auf dem Hohen Kranzberg 

Die vergessene Mittenwalder Nachkriegs-Attraktion

Wenige wissen davon: Vor 70 Jahren endete ein kurzes Kapitel Mittenwalder Ortsgeschichte. Nach nur zwei Jahren Betrieb wurde 1948 der erste Sessellift im Oberen Isartal geschlossen. Eine Pionierleistung, die seinerzeit Josef Rieger (Jeiter Sepp) vollbracht hatte. Angestoßen durch die aktuelle Kranzberg-Offensive, öffnet nun dessen Sohn Stefan seine Foto-Schatulle.

Mittenwald – Noch ist es ruhig an diesem frühen Vormittag auf 1200 Metern Höhe. In der Korbinian-Hütte bereitet sich Wirt Stefan Rieger auf den Ansturm von rund 50 Schülern vor. Die darf er bekochen. Die Ruhe vor dem Sturm nutzt er, um einen kleinen, alten Koffer aus dem Speicher zu holen. Als er diesen behutsam öffnet, offenbart sich ein Schatz. Neben unzähligen Familienfotos der vergangenen Jahrzehnte zeigen die ältesten Aufnahmen eines der spannendsten Kapitel der Erschließungsgeschichte des Hohen Kranzbergs.

Im Zuge der vor einigen Monaten angestoßenen Modernisierungs-Offensive auf dem Mittenwalder Sonnenberg ist der Hüttenwirt ins Grübeln gekommen. War da nicht was? Und plötzlich fällt ihm das Husarenstück seines Vaters Josef ein, den alle nur Jeiter-Sepp riefen. „Mein Papa war damals ein richtiger Pionier.“ Gemeinsam mit Adolf Weiß, einem Rheinländer, baute Rieger allen Bedenken zum Trotz 1946, nur ein Jahr nach dem Zweiten Weltkrieg, den allerersten Sessellift im Isartal.

Mit der Kraft eines Panzermotors

Die damalige Talstation befand sich nur wenige Meter vom heutigen Einstieg in den Korbinianlift entfernt. Zu Fuß mussten die Skibegeisterten mit ihren Holzlatten kommen, eine kleine Erfrischungshütte sorgte für Verpflegung. Ausgestiegen wurde rund 50 Meter von der jetzigen Talstation am Sonnenhanglift entfernt. Die Technik war revolutionär und nach heutigen Maßstäben unvorstellbar. So schusterte das kongeniale Duo die komplette Anlage lediglich aus Wehrmachtsbeständen zusammen. Die Sitze bestanden aus zur Hälfte durchgeschnittenen Muli-Tragegestellen. Betrieben wurde der etwa 500 Meter lange improvisierte Sessellift mit einem Panzer-Motor samt Panzer-Getriebe. „Damals gab es halt noch keinen TÜV“, scherzt Stefan Rieger.

Die vielen Bilder zeigen fröhliche Urlauber, schneidige Burschen und fesche Skihaserl, die in der Sonne den Schnee genießen. Kaum zu glauben, dass nur wenige Monate davor noch Krieg in ganz Europa herrschte. In diesem verlor Sepp Rieger wenige Tage vor der deutschen Kapitulation seinen Bruder Korbinian in Italien. „Eigentlich wollten die beiden zusammen eine Berghütte betreiben“, berichtet der Nachfahre vom Traum der zwei blutjungen Burschen. Diesen verwirklichte der „Jeiter-Sepp“, Jahrgang 1925, nach seiner geglückten Heimkehr alleine. 1948 errichtete er die erste, kleine Hütte und widmete sie seinem Bruder. Die Korbinianhütte war geboren.

Visionäre Pionierarbeit

Die kleine Erfrischungsunterkunft nahe der damaligen Talstation, die der „Jeiter“ bewirtschaftete, löste er auf, und auch der Liftbetrieb wurde nach nicht einmal zwei Jahren wieder eingestellt. Über die genauen Gründe kann nur mehr spekuliert werden. „Vermutlich hatte es mit dem Bau der Korbinianhütte zu tun“, glaubt Stefan Rieger. Schließlich war der Jeiter-Sepp ein rühriger Tausendsassa, der vieles in Eigenregie realisierte. So hat er in den Nachkriegsjahren über zwei Kilometer Wasser-, eineinhalb Kilometer Telefon- und einen Kilometer Stromleitung verlegt, um den Traum seiner Berghütte zu verwirklichen.

Man darf davon ausgehen, dass Riegers visionäre Pionierarbeit unter anderem ausschlaggebend dafür war, dass nur zwei Jahre später, also 1950, der heute bekannte Sessellift von der damaligen Berglift GmbH errichtet wurde (siehe Kasten).

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