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Auf der Suche nach Stradivaris Geheimnis

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Von: Josef Hornsteiner

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Eine Bereicherung für die Schule: (v.l.) Fachlehrerin Bettina Weichselbaumer, Direktor Frederik Habel, Verleger Jost Thöne und Georg Neuner präsentieren das Werk. © Josef Hornsteiner

Sie gelten bis heute als unübertroffen – und in mancher Hinsicht auch als unerklärlich, die Geigen von Antonio Stradivari. Verleger und Musiker Jost Thöne wollte Licht ins Dunkel bringen und publizierte eine beispiellose Enzyklopädie. Nach acht Jahren Arbeit, Analyse und forensischen Gutachten ist das achtteilige Mammutwerk nun fertig. Feierlich übergab Thöne der Mittenwalder Geigenbauschule einen kompletten Band.

Mittenwald – Die Diagnose umfasst über 2600 Seiten. Auf diesen wurde Röntgen-, Vermessungs- und Ganzkörperfotos abgelichtet. Sogar ein hochauflösendes CT wurde aufgenommen und integriert. Zum Ende hin wurde jede Abweichung erfasst, jedes kleinste Geheimnis herausgekitzelt. Die Rede ist nicht von Befunden in Patientenakten in Krankenhäusern, sondern von plakatgroßen Sammelbänden über Stradivari-Geigen, die sich nun in der Mittenwalder Geigenbauschule befinden.

Für Thöne ist es ein Lebenswerk. Nachdem er im Jahr 2010 mit seinem ersten Set der Antonio Stradivari-Bände eins bis vier weltweit Maßstäbe setzte, führte er nun seine Arbeit fort und erarbeitete vier Folgebände. Insgesamt sind über 300 Stradivari-Instrumente wissenschaftlich untersucht sowie historisch und fotografisch dokumentiert.

Schul-Direktor Frederik Habel ist fassungslos angesichts dieses kostbaren Geschenks. 50 Kilogramm ist die Enzyklopädie schwer. Für die Geigenbauschule ein enormer Gewinn. Denn die Instrumente Stradivaris „gehören zur Grundausbildung“, wie Habels Stellvertreter Georg Neuner betont. Künftig kann jeder Schüler, der eines der Instrumente nachbaut oder sich von den Meisterwerken inspirieren lassen will, in der Fachbibliothek nachschlagen.

„Die Bilder zeigen die Instrumente in 1:1-Größe“, erklärt Thöne. Durch eine neu entwickelte Fotografie und einen speziellen Druck werden die Instrumente in echten Farben dargestellt. „Teilweise fallen auf den Fotografien Details auf, die man nicht einmal beim echten Instrument erkennt.“ Allerdings hat die Enzyklopädie ihren Preis: Die auf 2000 Stück limitierte „Library Edition“ kostet 4600 Euro, die „Deluxe Edition“, 100 Stück in Leder, sogar 11 200 Euro.

Doch was macht die Geigen Stradivaris überhaupt so besonders? Diese Frage konnte trotz intensiver Bemühungen Thönes und seines Wissenschaftler-Teams noch nicht restlos geklärt werden. Denn nüchtern betrachtet sind die legendären Instrumente, rund 1000 Geigen, Bratschen und Celli mit einem geschätzten Handelswert von etwa 1,5 Milliarden US-Dollar, im Wesentlichen nicht mehr als ein halbes Kilo Holz, vier Saiten und ein wenig Lack. Was könnte also das unerreichte Klanggeheimnis ausmachen? Ein spezieller Firnis? Ein Holzwurmmittel? Pilzbefall? Oder das Tonholz aus dem Val de Fiemme?

„Eine Theorie besagt, Stradivari habe von einer kleinen Eiszeit profitiert“, erklärt Thöne. Eine andere schreibe das Klanggeheimnis dem Salzwasser Venedigs zu, mit dem die Hölzer beim Transport in Berührung gekommen seien. Doch was auch immer es war, eines ist sicher: Stradivari hat wahre Klangwunder geschaffen – und von seinem Genius profitieren Geigenmacher bis heute, auch in Mittenwald.

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