Grenzkontrolle am Grenzübergang bei Scharnitz an der Bundesstraße 2
+
Noch bleiben die Kontrollen an den Grenzen, wie hier an der Grenze bei Scharnitz auf der deutschen Seite

Situation an den Grenzen nach Tirol

Teilerfolg für Grenzort-Bürgermeister: Erste Erleichterungen für Ausreise nach Tirol

  • Christian Fellner
    vonChristian Fellner
    schließen

Die Bürgermeister der Grenzorte Mittenwald, Garmisch-Partenkirchen, Füssen und Pfronten haben gemeinsam mit der Tiroler Landtagspräsidentin ein Schreiben in Richtung München und Berlin geschickt. Ihr Ansinnen: Sie wollen weitere harte Grenzschließungen in der Zukunft vermeiden. Aktuell gibt es dezente Lockerungen - aktuell vor allem in Richtung Tirol. Die Einreiseregeln aber bleiben.

Landkreis – Enrico Corongiu ist derzeit ein gefragter Mann. Der Mittenwalder Bürgermeister hat zuletzt ein wenig auf den Putz gehauen. Er scharte die Bürgermeister aus Garmisch-Partenkirchen (Elisabeth Koch), Füssen (Maximilian Eichstetter) und Pfronten (Alfons Haf) um sich, holte Sonja Ledl-Rossmann hinzu, die Präsidentin des Tiroler Landtags – kurzum: Er machte mobil. Die Grenzschließungen waren dieser Gruppe ein Dorn im Auge. In einer Videokonferenz hatten sie sich kurzgeschlossen. „Ein Super-Austausch und ein hervorragender Draht nach Tirol“, fasst Corongiu zusammen. Die vier Köpfe waren sich einig: So etwas wie die Schließung der Übergänge für einen Zeitraum wie die vergangenen sechs Wochen, ein solches Szenario darf es nicht mehr geben. „Da hängen so viele persönliche Schicksale dran, das geht nicht mehr“, sagt der SPD-Mann.

Nun hat das neue Grenz-Quintett einen ersten Erfolg gefeiert. Noch am vergangenen Freitag kam Bewegung in die Sache. Das Robert-Koch-Institut stufte Tirol von einem Virusvarianten- zu einem Risikogebiet herunter. Verbunden war das mit der Ankündigung, die Grenzkontrollen würden wegfallen (wir berichteten). Ganz so kommt es nun zwar nicht, weil zum Beispiel die Übergänge weiterhin von den Ordnungskräften beider Nationen überwacht werden, „eine Verbesserung ist es aber allemal“, betont Corongiu. Vor allem für Familien, die künftig speziell in Richtung Tirol deutlich leichtere Übergangsmöglichkeiten vorfinden (siehe Kasten).

Und doch: So leicht ist das Aufheben der Grenzrestriktionen nicht. Dafür sorgt allein die Tatsache, dass Tirol zuletzt eben als Virusvariantengebiet zählte und somit in die höchste Kategorie beim RKI fiel. „Natürlich geht es da um die Zehn-Tage-Regel, die für Österreicher jetzt entscheidend ist“, stellt Corongiu klar. In den deutschen Verordnungen heißt es, wer sich in den vergangenen zehn Tagen in einem solchen Mutations-Territorium aufgehalten hat, der muss die höchsten Sicherheitsvorkehrungen hinsichtlich Quarantäne und Testpflicht akzeptieren. Das wird bis zum 6. April noch der Fall sein, dann läuft die Zehn-Tages-Frist ab.

Umgekehrt gestaltet sich die Situation etwas besser, sind Familienbesuche nun auch sofort wieder machbar. Ein lockeres Hin- und Herfahren fällt jedoch immer noch flach. „Es soll ja auch niemand aus Jux und Tollerei rüberfahren“, verdeutlicht Corongiu. „Es geht weiterhin darum, Kontakte so gering wie möglich zu halten.“ Aber es existieren eben auch dringliche Bedürfnisse.

Enrico Corongiu, Bürgermeister in Mittenwald, hat die Initiative ergriffen.

Davon bekamen die Bürgermeister zuletzt sehr viele geschildert. Corongiu weiß von Scharnitzern, die ihren Hausarzt in Mittenwald nicht mehr aufsuchen konnten, von Tierhaltern, die nicht mehr zu ihrem gelagerten Heu in Tirol kamen. Elisabeth Koch erzählt die Geschichte von deutschen Großeltern, die nach vielen Wochen ihr neu geborenes Enkelkind immer noch nicht sehen durften.

Ein schlechtes Gewissen, solche Öffnungen zu fordern, hegt der Mittenwalder Bürgermeister nicht. „Das muss ich wirklich nicht haben“, bestätigt er. Denn die Zahlen in der Nachbarschaft seien derzeit sogar deutlich niedriger als auf der deutschen Seite im Oberen Isartal. Leutasch zählt drei aktive Fälle, Scharnitz vier, Seefeld fünf. „Die stehen besser da als wir.“ In der Tat: Für Mittenwald meldet das Gesundheitsamt aktuell 18 Infizierte, für Krün 15, für Wallgau 9. Auf der Garmisch-Partenkirchner Seite in Richtung Außerfern sind es in Lermoos vier Positivgetestete, in Ehrwald zwei, in Biberwier kein einziger. Lediglich im deutlich größeren Reutte sind es zehn Betroffene.

Wichtig ist den Gemeindeoberhäuptern aus den Grenzorten, dass die große Politik für deren Belange sensibilisiert wird. „Dieser Zustand ist und war eine riesige Belastung für unsere Grenzregion“, schreiben sie in ihrem Brief an Bundesinnenminister Horst Seehofer und Bayerns Ministerpräsidenten Markus Söder (beide CSU). Sie fordern „eindringlich“, für die Fortdauer der Pandemie und in Zukunft auf strikte Grenzmaßnahmen zwischen Tirol und Bayern „unbedingt zu verzichten“.

Eines verrät Corongiu noch. Für den Fall, dass Tirol nicht heruntergestuft worden wäre, „hätten wir einen anderen Brief losgeschickt“. Der liegt nun fertig in seinem PC. Und wer weiß, ob er ihn noch herausholt. Bundesweit laufen schon wieder Gespräche über einen harten Lockdown.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare