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Gemeinsames Gipfelglück: (v. l. Timo Moser, Thomas Holler, Michael Groher, Lorin Etzel und Barbara Vigl.
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„Ein geiler Tag“: Thomas Holler steht auf dem bis dahin wohl unbestiegenen „Cerro Fanni“. Er hat ihn getauft.
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Das Patagonien Indiens haben die fünf Alpinkader-Mitglieder aus Bayern und Österreich im Bundesstaat Jammu und Kashmir entdeckt.
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Hängt in den Wand: Thomas Holler.

Erstbesteigung in Indien

Mittenwalder Extrembergsteiger tauft Berg „Fanni“ - es ist der Name seiner Freundin

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Thomas Holler ist leidenschaftlicher Bergsteiger. Mit 22 Jahren hat er etwas gemacht, was andere in jahrzehntelanger alpinistischer Laufbahn nicht erreichen: Der Mittenwalder meisterte Routen, die noch nie zuvor jemand geklettert ist.

Mittenwald – Jetzt wird’s einfach Zeit. Dass es losgeht. Nach fünf Tagen Anreise – darunter stundenlange Busfahrten über Schotterpisten – und Stadt-Spaziergängen sollte man sich dem widmen, weshalb man gekommen ist: den Bergen. In der Gruppe um Thomas Holler wachsen Vorfreude und Ungeduld an diesem Tag, an dem sie endlich aufbrechen sollen. Vier Tage Fußmarsch liegt vor ihr, ins Irgendwo im Nirgendwo.

Mit dem Alpinkader der Naturfreunde Österreich ist der Mittenwalder in Nordindien unterwegs. Dort wollen die vier Männer und eine Frau einen unbestiegenen, 5900 Meter hohen Berg erklimmen. Kartenmaterial für das Gebiet ist dürftig bis nicht vorhanden. Was sie an Informationen bekommen, haben sie zusammengesucht und sich eine Route durch Fels und Eis überlegt. Ob sie zu realisieren ist, wird sich vor Ort zeigen. Erst mal muss die Gruppe aber das Basislager erreichen. Und da fangen die Probleme schon an.

Zwischen Gepäcktürmen

Padum ist, so der Plan, der letzte Aufenthaltsort, bevor die fünf für drei Wochen die Zivilisation verlassen. Am Morgen gehen sie los. Mit ihrem Koch, zwei einheimischen Helfern und Trägern. Jeweils ein Rucksack und zwei Reisetaschen – etwa 50 Kilogramm Gepäck pro Nase –, zudem 25 Ladungen Küchenausrüstung samt Proviant für drei Wochen sind gepackt und am Treffpunkt gestapelt. Zwischen den Gepäcktürmen sitzen die jungen Bergsteiger und warten. Aus dem Morgen wird Vormittag. Kein Träger in Sicht. 24 hat die Gruppe gebucht. Ein paar Stunden später kommen zehn. Unmöglich können sie das Gepäck transportieren. Da hilft auch langes Diskutieren nichts. Am nächsten Tag würden alle 24 Träger samt Yaks vor Ort sein. Versprochen. 16 werden es. Trotzdem versuchen sie ihr Glück. Und scheitern. Die Yaks verlieren ständig die Taschen und laufen davon, die Träger sind überfordert und unmotiviert. Einige Stunden lang quält sich die Gruppe voran, um festzustellen: So würden sie niemals das Basislager erreichen. Beziehungsweise viel zu spät.

Holler hat der Plan von Anfang an nicht gefallen. Nachdem sich die Träger als so unzuverlässig erweisen, macht er sich Sorgen. Was passiert beim Rückweg? „Dann sitzt du da irgendwo – und kommst am Ende mit Deinem Zeug nicht zurück.“ Zumal Satellitentelefone verboten sind, nachdem damit einmal ein Terroranschlag organisiert wurde. Holler unterstützt also gleich den Vorschlag der Gruppe: umdrehen, ein neues Ziel suchen.

Abschlussexpedition

2015 ging der 22-Jährige zum Alpinkader. Dieser fördert junge, talentierte Bergsteiger und bildet sie zwei Jahre lang in den alpinistischen Disziplinen aus. Der nächste Schritt ist für den Schreiner die Ausbildung zum Staatlich geprüften Berg- und Skiführer. Bis zur Abschlussexpedition nach Indien scheiterten in seiner Bergsteiger-Welt Projekte an der Vorbereitung, am Wetter oder an den Verhältnissen – noch nie an der Unzuverlässigkeit von Begleitern. Diese Erfahrung war neu. Und für alle frustrierend. „Wir wollten nur noch weg“, sagt Holler. Weg aus Padum, weg von Staub und Sand, rein in die Berge und rauf auf die Gipfel. Unbestiegen oder nicht.

Route per Fernglas

Während der Anreise haben die Bergsteiger den „Cerro Torre Indiens“ entdeckt. In der Nähe bauen sie ihre Zelte auf, gut zwei Stunden Fußmarsch später stehen sie am Fuße des Granitzapfens, der sie an den berühmten Gipfel in Patagonien erinnert, den Holler schon bestiegen hat. Viele weitere Spitzen türmen sich vor ihnen auf. Endlich. Die Expedition beginnt. Ohne Informationsmaterial. Die Routen legen sie per Fernglas fest.

Holler und Barbara Vigl – die anderen suchen sich ein anderes Ziel – besteigen einen Nebengipfel. „Ein geiler Tag, eine super Kletterei“, sagt Holler. Im Mix aus Fels und Eis fühlt er sich wohl. Der Mittenwalder ist überzeugt: Diesen Berg hat noch niemand vor ihnen bestiegen. Er tauft ihn „Cerro Fanni“ – und widmet ihn seiner Freundin. Ohne ihr Verständnis könnte er seine Leidenschaft nicht leben. Auch den Cerro-Torre-Hauptgipfel bezwingt die Gruppe, ebenfalls über eine neue Route. Das Abenteuer aber kommt noch. Einige Tage später. An einem neuen Berg.

„Matzige“ Seillängen

Ein Teil der Gruppe entscheidet sich für eine reine Felstour. Holler und Ausbilder Timo Moser lässt ein 5600- Meter-Gipfel samt Schnee, Eis und Fels nicht los. Um schnell voranzukommen, wählen sie leichtes Gepäck, den Schlafsack lassen sie im Tal. „Wir haben gesagt, wir geben Vollgas.“ Heißt in dem Fall: Um 8 Uhr starten sie, gegen 22.30 Uhr erreichen sie den Nebengipfel; die unbekannte Route dauert deutlich länger als gedacht. „Ein paar matzige Seillängen“ trennen sie noch vom Ziel. Eine davon führt über einen Überhang. „Ich wär’ fast durchgedreht.“

Ein Abenteuer

Gegen Mitternacht stehen Holler und Moser oben. Abgekämpft. Durchgefroren. Die eisige Nacht verbringen sie in einem Loch drei Meter unterhalb des Gipfels. Zu zweit im Biwaksack. Mit den ersten Sonnenstrahlen steigen sie ab. „Ich bin so froh, dass wir das gemacht haben“, sagt Holler. „Man hat sich nochmal richtig geschunden. Es war super.“ Ihm gefällt das Abenteuer. Später, sagt er, will er mal etwas zu erzählen haben.

Den Berg, Shafat Fortress, haben bereits andere vor Moser und Holler bestiegen. Das fanden sie bei ihrer Rückkehr heraus. Egal. Der Mittenwalder hat die Reise genossen. Er hat viel gelernt, hat etwas ganz anderes gesehen. Und er kann sich Erstbesteiger nennen. „An einem Fels zu klettern, an dem noch niemand zuvor geklettert ist, das ist geil.“

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