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Schätze auf Leinwand: Erna Andergassen präsentiert zwei von 350 Aufnahmen.

Projekt über Grenzen hinweg

Wahre Schätze gehoben

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Bilder sagen mehr als tausend Worte. Wer das neue Buch „Leben im Dorf“ durchblättert, wird diesen überstrapazierten Spruch unterstreichen. Zwei Jahre hat die Genese dieses bayerisch-Tiroler Gemeinschaftswerks gedauert. Ausstellungen im Dezember sollen Appetit auf mehr machen.

Mittenwald – Da sitzt er auf dem Bankerl und strahlt über beide Ohren. Gemeint ist der Kemser-Franzi („Zacher“), ein blonder Lausbub quietschvergnügt in Lederhosen, die Hände gefaltet, als würde er dem Herrgott danken. Ob die Aufnahme des zweijährigen Mittenwalders von anno 1912 ein Schnappschuss oder ein Meisterwerk ist, weiß keiner mehr. Bewundern kann man es allemal in dem neuen Bildband „Leben im Dorf“ – ein grenzüberschreitendes Gemeinschaftswerk der Tiroler Plateau-Gemeinden Seefeld, Scharnitz und Leutasch sowie des bayerischen Nachbarn Mittenwald.

„Wir versuchen, das Flämmchen zu bewähren“, meint Erna Andergassen und stapelt damit definitiv ein wenig tief. Denn im Verlauf der vergangenen zwei Jahre haben die Geschäftsführerin der Euregio Zugspitze-Wetterstein-Karwendel und der Geschichtskreis diesseits und jenseits der Landesgrenze wahre Schätze gehoben. In Mittenwald kümmerten sich Hanna Veit und Dr. Constanze Werner, die Leiterin des Geigenbaumuseums, um die aufwändige Motivsuche. „Da wären noch Bilder ohne Ende da“, erzählt Veit. „Jedes Jahr könnte man so ein Buch herausgeben.“ Fürs erste haben Bayern und Tiroler für den Bildband 350 Fotografien zusammengetragen. Die teilweise vergilbten und zerknitterten Aufnahmen – zum Teil über 100 Jahre alt – wurden professionell aufbereitet von Andrea Sorg. Sie hat nicht nur den kleinen Kemser Franzi ins rechte Licht gerückt, sondern hat Landschaftsaufnahmen und Ortsperspektiven von anno dazumal, etwa den Brand im Untermarkt 1948, zusätzliche Tiefenschärfe verliehen. Auch Land und Leute sind bestens getroffen wie etwa der „Schnoutzer“ (Matthias Hornsteiner) beim Bozner Markt 1924 oder die Dauberweiß’n-Dourl mit ihren Kindern Karl und Maria anno 1918. In das neue Buch haben es aber nur Fotos geschafft, bei denen eine Zuordnung erfolgen konnte. Eine Heidenarbeit. Davon kann Hanna Veit ein Lied singen. „Wir haben mit vielen Leuten gesprochen.“ Andergassen drückt es so aus: „Wir wollten zu jedem Bild eine Geschichte erzählen.“

Der Aufwand hat sich gelohnt. Drei Jahre nach Erscheinen der „Grenzgeschichten“, in denen Zeitzeugen und echte Originale Anekdoten zum Besten geben, folgt nun also der nicht minder sehenswerte zweite Teil. Laut Andergassen ist der Bildband zunächst auf 200 Stück limitiert. Jede Gemeinde erhält 50 Stück. Damit sollen zum einen Fotospender, zum anderen die Archive bedient werden. Die Gesamtkosten von 25 000 Euro werden von der Europäischen Union mit 75 Prozent gefördert.

Der Öffentlichkeit sollen die Fotoschätze im Dezember bei Ausstellungen in allen vier Partnerorten zugänglich gemacht werden. Die nostalgischen Fotos sind dann natürlich in vergrößerter Form auf Leinwand beziehungsweise Alu Dibond (Mittenwald) zu bewundern. Pünktlich zur Vorweihnachtszeit möchte man „Leben im Dorf“ auch in entsprechender Auflage nachdrucken und für den Stückpreis von 18 Euro in den Handel bringen. Nicht wenige werden dann vor dem Christbaum in alten Erinnerungen blättern und ein wenig schmunzeln – nicht nur beim Anblick des Kemser Franzi.

Die Ausstellungen

der historischen Bilder finden in allen vier beteiligten Partnerorten statt – und zwar am Samstag, 1. Dezember, in Scharnitz (Vereinesaal), am Sonntag, 2. Dezember, in Leutasch (Ganghofer-Museum), am Dienstag, 4. Dezember, in Seefeld (Senioren-Residenz) und am Mittwoch, 12. Dezember, in Mittenwald (Geigenbaumuseum).

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