Das ist Seelsorge pur. Ich bin den Menschen im Einsatz so nah wie sonst nirgendwo. Militärpfarrer Norbert Sauer
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Das ist Seelsorge pur. Ich bin den Menschen im Einsatz so nah wie sonst nirgendwo. Militärpfarrer Norbert Sauer

Sein zehnter Auslandseinsatz

Mittenwalds Militärpfarrer Norbert Sauer: Weihnachten im Glutofen

  • VonChristof Schnürer
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Militärpfarrer Norbert Sauer geht nach Mali in seinen zehnten Auslandseinsatz. Der Seelsorger kann dort den Gläubigen so nah wie nirgends sonst sein.

Mittenwald – Irgendwann packt ihn einfach das Fernweh. Norbert Sauer drückt das folgendermaßen aus: „Bei mir kribbelt’s nach einer gewissen Zeit.“ Dann muss der Mittenwalder Militärpfarrer raus aus der Komfortzone und in eine völlig andere Welt eintauchen. Und so besteigt der 63-jährige Franke am 7. Oktober ein weiteres Mal eine Bundeswehr-Maschine und fliegt zu seinem inzwischen zehnten Auslandseinsatz. Wie bereits 2019 kümmert sich Sauer knapp fünf Monate lang um das Seelenheil der Truppe in Mali.

Obwohl sich der katholische Geistliche damit neuerdings in einem krisengeschüttelten und bettelarmen Land in Lebensgefahr begibt, freut er sich auf die Mission im nordafrikanischen Glutofen. „Das ist Seelsorge pur“, verdeutlicht Sauer. „Ich bin den Menschen im Einsatz so nah wie sonst nirgendwo.“

Angst hat Sauer nicht, dafür jede Menge Gottvertrauen

Am Sonntag, 26. September, verabschiedet sich der Militärpfarrer im Rahmen des Erntedank-Gottesdienstes von der Garnison Mittenwald. Während seiner Abwesenheit vertritt ihn in seelsorgerischen Fragen sein evangelischer Kollege Markus Linde, der vor einem Jahr ebenfalls in Mali als Krisenpriester gefragt war.

Sauers offizieller Ersatz ist der katholische Amtsbruder Stefan Bauhofer aus Füssen. Seine Gebete werden den gebürtigen Bamberger sicherlich in das Elendsgebiet nahe der 30 000-Einwohnerstadt Gao begleiten. Angst hat der auslandserprobte Sauer nicht, dafür jede Menge Gottvertrauen. „Ich bin frohen Mutes.“ Und voller Tatendrang. „Ich hoffe, dass ich die katholische Gemeinde und Schule besuchen kann.“ Doch Seelsorge außerhalb des abgeriegelten Camps Castor, in dem die internationale UN-Schutztruppe stationiert ist, ist nicht selbstverständlich.

Region um Gao wollen selbsternannte Gotteskrieger unter ihre Kontrolle bringen

Sauer erinnert sich dabei an seine erste Mali-Mission 2019. „Da standen wir auch zwei-, dreimal vor dem Tor und konnten nicht raus.“ Entweder war eine Bombe detoniert, oder es stand ein Terrorangriff feindlicher Milizen zu befürchten. Denn die Region um Gao wollen selbsternannte Gotteskrieger unter ihre Kontrolle bringen. Daher führt der Weg auch für einen Priester nur in gepanzerten Fahrzeugen und mit aufmunitioniertem Begleitschutz zu seinen Schäflein.

2019 ging ohne Todesfall ab. Doch diese Gewissheit hat das Mali-Kontingent nie. „Deshalb nehme ich auch wieder Sterbekerzen mit“, sagt Sauer. Nicht zuletzt die Erfahrungen bei den Auslandseinsätzen in Afghanistan (fünfmal vor Ort) und auf dem Balkan (dreimal) haben ihn das gelehrt.

Wenn Sauer, der 1989 zum Priester geweiht wurde, in wenigen Tagen im Wallgauer Pfarrhaus den Camouflage-Anzug einpackt und die Reise ins Ungewisse antritt, werden ihm viele Gedanken durch den Kopf schießen – etwa die Balance zwischen Nähe und Distanz. „Die Grenze liegt bei jedem wo anders.“ Jeder müsse für sich diese magische Linie finden, bei der der Selbstschutz beginnt. Denn seelische Belastungen stellen irgendwann selbst für einen Mann Gottes ein Problem dar. „Wir können uns in Sachen Nächstenliebe nicht völlig verausgaben.“ Was Sauer mit am wichtigsten erscheint: „Auch der Pfarrer braucht mal jemanden zum reden.“

Doch eines weiß der „Einsatz-Junkie“, wie er sich selbst spaßeshalber bezeichnet, ebenso gut: Gerade dort, wo die Existenzängste am größten sind, dringt die frohe Botschaft am besten durch. Spätestens dann wenn Norbert Sauer am 24. Dezember bei mindestens 35 Grad Heiligabend mit den Soldaten feiert, wird dieser Geist der christlichen Mission besonders zu spüren sein.

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