Ein Mann in Militär-Tarnkleidung sitzt auf einer Couch, eine Kaffeetasse hält er in der Hand.
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Der einzige Militärseelsorger im Camp Castor ist der evangelische Pfarrer Markus Linde.

Militärpfarrer aus Mittenwald: Seelsorger für über 1000 Soldaten

Weihnachten in Mali: Zwischen Waffen und Kinderzeichnungen

  • Josef Hornsteiner
    vonJosef Hornsteiner
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Weihnachten im Glutofen Afrikas: Markus Linde ist als evangelischer Militärpfarrer aus Mittenwald gerade im UN-Einsatz in Mali. Der Seelsorger kümmert sich im Camp Castor um über 1000 Soldaten aus verschiedenen Nationen. Die Feiertage verbringt er 3500 Kilometer von seiner Familie entfernt.

Mittenwald/Gao – Es ist ein Meer aus Lichtern. Hunderte Kerzen brennen. Ein kleiner Umzug schlängelt sich zwischen schwer bewaffneten Militärfahrzeugen hindurch. Vor Mauern, die mit Stacheldraht gespickt sind. Ein schwedischer Soldat ist als „Santa Lucia“, die schwedische Lichterkönigin, verkleidet, trägt ein weißes Gewand und einen Lichterkranz. Er führt den „Lucia-Train“ an. Eine uralte schwedische Tradition. Statt durch Schnee wandern die Soldaten über roten Wüstensand. Das Thermometer zeigt 42 Grad. Vorweihnachtszeit im Camp Castor. Dem deutsch-niederländischen Militärkomplex im Norden von Mali. Pfarrer Markus Linde aus Mittenwald verfolgt die Szene. Er lächelt.

Militärpfarrer aus Mittenwald: Gottesdienst in Afrika, jeden Sonntag, 10 Uhr

Seit Mitte November ist der evangelische Geistliche im Dienst in der Nähe der malischen Stadt Gao. Für den Bundeswehreinsatz Minusma hat er sich freiwillig gemeldet. „Ich finde, das gehört dazu“, erklärt der Pfälzer. Gemeinsam mit seinem katholischen Pfarrhelfer Oberstabsfeldwebel Albert Josef Z. übernimmt Pfarrer Linde die Militärseelsorge für über 1000 stationierte Soldaten. Aktuell ist er der einzige Militärpfarrer im Camp. Die anderen Nationen haben bisher keinen eigenen. Daher kommen nicht nur deutsche, sondern auch Einsatzkräfte aus Schweden, Niederlande oder Litauen sowie zivile Angehörige der Mission zu seinen Gottesdiensten.

Klimaanlage an Weihnachten: Pfarrer Linde schafft im Kirchenzelt eine adventliche Atmosphäre.

Linde zündet eine Kerze an. Jeden Sonntag um Punkt 10 Uhr wendet sich der 43-Jährige mit den gleichen vertrauten Worten an die Soldaten. „Guten Morgen, liebe Kameradinnen und Kameraden. Ich begrüße euch zu unserem Gottesdienst.“ Er steht im Kirchenzelt. Der Platz reicht fast nicht aus. Zusätzlich müssen Stühle hergeholt werden, um die Abstandsregeln aufgrund von Corona zu wahren. Auch das ist Thema im fernen Westafrika.

Gedenkgottesdienst: Vater von Soldat ist gestorben - Er kann nicht zur Beerdigung

Dieses Mal ist ein Dolmetscher bei der Zeremonie dabei. Der Vater eines litauischen Soldaten ist in der Heimat bei einem Unglück gestorben, während sein Sohn 3500 Kilometer von seiner Heimat entfernt Dienst im afrikanischen Glutofen leistet. Gefühlt am Ende der Welt. Der Kamerad kann nicht zur Beerdigung nach Hause fliegen. Es belastet den Litauer schwer, seinem Papa nicht das letzte Geleit geben zu können. Deshalb organisiert Linde einen Gedenkgottesdienst. Der Sprachmittler übersetzt Lindes Predigt. Wort für Wort. „Ich bin bei dir.“ „As su tavimi.“

Das Ganze war auch für den Pfarrer eine neue Erfahrung. Das Wichtigste ist für ihn, „einem Kameraden den Raum und die Möglichkeit zum Abschiednehmen zu bieten“. Ob Litauer oder Deutscher, Schwede oder Niederländer – oder aus welchem Land auch immer: „Der Mensch steht bei uns im Mittelpunkt, egal zu welcher Nation er gehört.“

Messen in Mali: Soldaten bereichern Gottesdienst mit eigenen Liedern

Ein Oberstabsfeldwebel aus Ingolstadt spielt andächtige Klänge auf seiner Gitarre während der Messen. Singt englische Lieder. Im Wechsel dazu lassen schwedische Soldaten ihr Liedgut von daheim erklingen. „Das sind wunderschöne Stücke, die unseren Gottesdienst bereichern“, meint Linde. Sie bieten eine Auszeit inmitten des anstrengenden Dienstalltags in der Wüste.

Platz für Gott mitten im malischen Wüstensand: das Kirchenzelt im Camp Castor.

Rund 12 000 Blauhelmsoldaten und knapp 1500 Polizisten der Vereinten Nationen tragen zur Stabilisierung des westafrikanischen Landes bei. Der Deutsche Bundestag hat für die Beteiligung der Bundeswehr 1100 Soldaten zur Verfügung gestellt.

Pfarrer Linde will Weggefährte sein in schwierigen Zeiten

Viele von ihnen kennt Pfarrer Linde persönlich. Einige sind Gebirgspioniere und Gebirgsjäger aus seiner Heimat Mittenwald und Bad Reichenhall. Ein Vorteil. „Es erleichtert meine Arbeit und den Zugang zu den Kameraden.“ Er will sie ein Stück in diesem schwierigen Einsatz begleiten. Ein Weggefährte sein, vor allem, wenn es um traurige Ereignisse geht. Wie der Tod eines geliebten Menschen in der Heimat. Auf solche Situationen ist er vorbereitet. Kann den Angehörigen ein gutes Gefühl vermitteln.

Seit 2018 ist Markus Linde in der Militärseelsorge tätig. Eher zufällig kam er zur Bundeswehr. Bei seinem Vikariat, der praktischen Vorbereitung zum evangelischen Pfarrer, wollte er etwas Neues entdecken. Er bewarb sich beim Bund. Ihn begeistert die Kameradschaft und die Offenheit, mit der er empfangen wurde. Für Linde ist es nicht der erste Einsatz. Bereits im Sommer 2019 war er bei „Enhanced Forward Presence“ in Litauen als Militärseelsorger eingesetzt. Der Familienvater empfindet die Arbeit im Einsatz dabei als sehr intensiv und fordernd. „Mich interessieren besonders die Menschen und ihre Lebensgeschichten“, erzählt der gebürtige Siegener.

Familie in Mittenwald schickt Päckchen und selbstgemalte Bilder

Seine Frau und die drei Kinder unterstützen ihn täglich dabei. Schicken ihm regelmäßig Päckchen und selbstgemalte Bilder. Die hängen in Lindes Büro und in seinem Container, den er noch bis Mitte Februar 2021 sein Zuhause nennt. Erst dann kehrt er zurück zu seinen Lieben. „Ich bin stolz darauf, wie sie die schwierige Situation zuhause meistern“, sagt er. „Meine Familie macht das wirklich klasse.“ Nur so könne er sich voll und ganz auf die Arbeit konzentrieren und den Kameraden in Mali eine kleine Auszeit anbieten.

Gerade bereitet sich der Pfarrer auf die Weihnachtsfeiertage vor. Mehrere Christmetten hat er geplant, die abends als Feldgottesdienste stattfinden. Auch kleine Feierlichkeiten mit wenigen Personen sind an den Feiertagen erlaubt. Bislang hat sich noch kein Soldat mit dem Corona-Virus infiziert. Jeder muss 14 Tage, bevor er ins Camp Castor einzieht, zuhause in Quarantäne bleiben.

Neben künstlichen Weihnachtsbäumen hat die Bundeswehr auch einige echte einfliegen lassen. Sie lagern momentan in Kühlcontainern. Einen geplanten Weihnachtsmarkt mussten die Soldaten wegen Corona absagen. Umso mehr freut sich Pfarrer Linde über den Lucia-Train der Schweden. Dank ihm kommt Weihnachtsstimmung auf. Bei 42 Grad im Schatten.

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