Eine Corona-Kritikerin ergreift vor dem Rathaus in Mittenwald das Wort
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Die Teilnehmer der Demonstration beziehen Position.

Protest vor dem Rathaus

Corona-Kritiker in Mittenwald: Zwischen Wahrheit und Verschwörung

Sie lassen nicht locker: die Corona-Kritiker aus Mittenwald. Nun sind knapp 20 von ihnen vors Rathaus gezogen - der Kinder wegen.

Mittenwald – Gerne und oft ergreift Stefan Schmitz im Mittenwalder Marktgemeinderat das Wort. Doch am Donnerstag sprach der 55-jährige Berufschullehrer nicht im, sondern vor dem Rathaus. Dort versammelten sich bereits früh am Morgen auf einer Grünfläche knapp 20 Menschen – darunter sieben Kinder. Die beiden Corona-Skeptiker Michael Mannheim und Thomas Bauer hatten ein weiteres Mal gerufen.

So jedenfalls durften sich die wenigen Corona-Bewegten wieder einmal wie einsame Rufer vorgekommen sein. Gemeinderat Schmitz traute sich dennoch ans Mikrofon, schließlich ging es bei diesem Protest speziell um das Schicksal des Nachwuchses. „Als Berufsschullehrer stehe ich vor einem Dilemma“, sagte Schmitz. „Ich verstehe nicht, warum man nach dem Test immer noch Masken im Unterricht tragen muss.“ Dann sprach der Gemeinderat Schmitz, der die seiner Meinung nach massiven Einschränkungen der Grundrechte in einigen Berufssparten als äußert kritisch betrachtet. Als Lehrer wiederum bat er bei den wenigen Eltern vor Ort um Nachsicht. „Wir sind auch nur Menschen. Unsere Belastung hat sich durch neue Situationen stark verändert.“ Der Übungsleiter und bekennende Leistungsturner Schmitz indes bedauert, dass der Sport nach wie vor weitgehend verboten wird. „Die Pandemie führt zu Übergewicht und Fettsucht“, so viel steht für ihn fest. Daher müsse gerade die Jugend in Bewegung kommen. „Es geht um die Gesunderhaltung unserer Kinder.“

Es macht mich wütend und traurig, dass manche Eltern so interessenlos sind

Sandra Gindhart

Ansonsten viel Gewohntes von den Protagonisten. Mannheim beispielsweise schwang in puncto Kindern die Moralkeule. „Was tun wir ihnen mit Maskenpflicht, Home-Schooling und dem Social-Distancing an?“, fragte der Dauer-Demonstrant in die spärliche Runde. Niemand solle nach dieser Aufklärungskampagne sagen, er hätte von nichts gewusst. Mannheims Credo: „Ist es wirklich menschlich, wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen, und ist das Wegsperren in den Alten- und Pflegeheimen wirklich alternativlos?“ Sein Mitstreiter Bauer dagegen verwies auf eine Studie der Uni Hamburg-Eppendorf, die ihm zufolge unzweifelhaft belege, dass die Zahl psychisch erkrankter Kinder angestiegen sei. Er forderte daher, Kinder- und Jugendzentren wieder zu öffnen.

Dann waren die Frauen an der Reihe. „Es macht mich wütend und traurig, dass manche Eltern so interessenlos sind“, haderte Sandra Gindhart (46) mit anderen Mamas und Papas. Seit einem Jahr möchte Gindharts sechsjähriger Sohn Schwimmen lernen – „und geht immer noch unter“. Doch Profi-Fußballer dürften ihren Sport ausüben. Für Gindhart eine krasse Ungleichbehandlung.

Michaela Herbert (32), Mutter einer Tochter (6), kritisierte die Art und Weise der Corona-Tests. „Mit kleinen Bürsten werden in der Nase neue Öffnungen für Keime geschaffen. Dabei gibt es doch Spuck- und Gurgeltests.“ Völlig in die Ideenwelt der Corona-Leugner driftete Heidi Greb (52) ab. „Mit solchen Tests kommt man niemals aus den Zahlen heraus. Hier stehen Bill Gates mit einem elitären Kreis von Milliardären und die Pharma-Lobby dahinter.“ Damit wiederholte sie ebenso gängige wie bedenkliche Phrasen der Verschwörungstheoretiker und sogenannter Querdenker.

Auf Betriebstemperatur war nun auch Thomas Bauer angekommen, der die Testpflicht so sinnlos wie einen Kropf betrachtet, weil positiv nicht automatisch krank bedeute. „Dadurch werden Zahlen in die Höhe getrieben. Das ist unverhältnismäßig und Irrsinn.“ Kernige Worte, mitunter unbewiesene Argumente und dann dieser imaginäre Nebel einer höheren Macht, der die Menschheit bedrohlich einhüllt. Daneben viele sinnige und reflektierte Fragen, auf die Politiker und Wissenschaftler bis heute keine Antworten wissen.

Die Polizei verfolgte das Geschen wie immer aus sicherer Entfernung. Kein Stress, keine aufgeheizte Stimmung – wie immer bei Mannheims Corona-Kundgebungen. Wolfgang Kunz

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