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Letztes Training für (v. l.) Thomas Zimmermann, Vreni Fütterer und Betty Weichselbaumer.

"Das verlorene Paradies"

Stammgäste nehmen Abschied vom Karwendelbad 

Mittenwald - Mit dem Karwendelbad hat am Sonntag seit 2005 das 44. bayerische Hallenbad seine Pforten geschlossen. Für die letzten 346 Wochenend-Besucher war es ein emotionaler Abschied.

„Als wenn mir jemand mein Wohnzimmer klauen würde“, offenbart Vreni Fütterer ihre Gemütsstimmung. „Für mich ist der heutige Tag eine echte Katastrophe.“ Als Schwimmtrainerin beim TSV Mittenwald ist dies aus beruflichen und zeitlichen Gründen auch das Ende ihrer Übungsleiter-Tätigkeit. „20 Kinder sind jetzt so traurig wie ich. Schade, dass es die Gemeinde nicht für nötig hält, ihren Einheimischen und Gästen ein Schwimmbad anzubieten.“

Mit Fütterer haben Berufssoldat Thomas Zimmermann und die ehemalige TSVM-Schwimmtrainerin Betty Weichselbaumer die letzten Bahnen gezogen. „Auch die Bundeswehr muss jetzt zum Schwimmen nach Garmisch-Partenkirchen ausweichen“, betont Zimmermann. „Es war heute ein Super-Abschluss mit einem leider bitteren Ende, denn auch das Schwimmbadteam war sensationell.“

Dazu gehörte auch Bosko Ardalic, der im Hallenbad seit April 2013 als Gastronom und Koch „Ritas Bistro“ betrieben und dem TSV-Nachwuchs nach dem letzten Training am Donnerstag noch einmal Pommes Frites serviert hat. „Dass meine Zeit wegen des Hotelbaus begrenzt war, wusste ich“, meint der 66-Jährige. „Ich gehe ich mit einem weinenden und einem lachenden Auge, denn jetzt genieße ich meine Rente.“ Mit ihm verliert auch Kassenfachkraft Ralf Gehrke seine erst im Januar angetretene Stelle. „Mit gemischten Gefühlen bin ich in diesen Tag gegangen. Durch meine Urlaube seit 1970 habe ich so viel Erinnerungen.“

Traurig über das Ende sind auch Anton Brandtner und Sylvia Wipfelder, die mit ihren fünfjährigen Zwillingen Marie und Felix zum letzten Mal im Kinderbecken geplanscht haben. „Das Bad kannten wir ein Leben lang“, sagt der 48-jährige Papa, „genutzt haben wir es mindestens einmal in der Woche“. Für die 41-jährige Mama geht ein bedeutender Abschnitt zu Ende. „Unsere Zwillinge haben hier beim TSV Schwimmen gelernt. Durch das wärmere Wasser ist das angenehmer als in einem See.“

Viele Gedanken um die Schließung hat sich die promovierte Freizeitpädagogin Dr. Irmtraud Dreßl-Kasy gemacht. „Über eine Sanierung war aus Kostengründung nie die Rede. Die geringe Nutzung durch Einheimische rührt auch daher, dass Kinder in der Schule nicht mehr schwimmen lernen, der Badetourismus die Finanzkraft in andere Orte zieht und auch die negative Berichterstattung.“ Die 63-Jährige war 42 Jahre im Winter Stammgast im Hallenbad. „Wie vielen älteren Mitbürgern graut es mir vor der kalten Zeit“, sagt die Ex-Wirtin der Hochlandhütte. „Hier habe ich die Wärme und die wohltuende Gemeinschaft einer öffentlichen Badeanlage richtig genießen können.“ Für die geborene Wienerin ist es schade, dass die Alpenwelt Karwendel als Deutschlands beste Wanderregion nicht über ein besseres Preis- und Leistungsverhältnis nachgedacht hat. „Die jetzigen Preise sind billig wie sonst nirgends, aber man erkennt das Paradies erst, wenn es verloren ist.“

Das kann Carmen Trapp bestätigen, die zu den 40 Stammbesuchern gehört. „Unter Tränen habe ich den letzten Tag begonnen und beendet. In den vergangenen sechs Jahren hatte ich eine Jahreskarte. Durch die Besuche fand ich sportliche Betätigung, sinnvolle Freizeitbeschäftigung und viele Gleichgesinnte.“

Aus der Sicht eines Betroffenen sieht es Max Kriner, der sich mit Matthias Hornsteiner als Angestellter um den Badebetrieb gekümmert hat. „Wehmut ja“, bekennt Kriner. Aber fachlich könne er den Entschluss der Verantwortlichen nachvollziehen. „Wenn man als Elektro-Installateur nichts mehr reparieren kann, weil alle im Untergeschoss eingebauten Geräte wie der Brenner aus den 1980er Jahren und die Lüftung überaltert und auch die Stützpfeiler durch das kalkhaltige Wasser angefressen sind, dann muss Schluss ein.“

Übrigens – eine Stellungsnahme von Bademeister Max Kastenberger konnte nicht eingeholt werden – er hatte sich vor der Schließung in den Urlaub verabschiedet.

Wolfgang Kunz

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