News-Ticker: Gesuchter Imam bei Explosion in Alcanar getötet

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Ein berührender Moment: Richard de Rijk legt mit Hilfe von (vorne, v.l.) Sohn Ed de Rijk, Tochter Olga de Rijk, Bürgermeister Anton Kölbl (verdeckt) und Peter Vermeulen einen Kranz am Denkmal für die Eschenloher Zwangsarbeiter nieder.

Berührende Rückkehr nach Eschenlohe 

Zwangsarbeiter von einst  findet seinen Seelenfrieden

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Nach 72 Jahren ist Richard de Rijk zurückgekehrt an den Ort, der bei ihm einst für Leiden und Schrecken stand. Nun machte er bei einem bewegenden Besuch seinen Frieden mit ihm. Der ehemalige Zwangsarbeiter legte in Eschenlohe einen Kranz nieder und sah die Tunnel wieder, in denen er malocht hatte.

Eschenlohe– Immer wieder überwältigen Richard de Rijk die Gefühle. Als der 96-Jährige am Montagnachmittag das Denkmal für die Zwangsarbeiter von Eschenlohe vor sich sieht, füllen sich seine wachen Augen mit Tränen, und auch später kann er sie kaum zurückhalten. Da sitzt der Niederländer im südlichen der beiden Tunnel in seinem Rollstuhl und erzählt von der Schreckenszeit, exakt vor jener Wand, an der er 1944/45 als einer von über 1000 Zwangsarbeitern aus über zehn Nationen schuften musste: in der unterirdischen, ausgelagerten Produktionsstätte für die Messerschmitt-Flugzeugwerke. Genau hier, sagt de Rijk und deutet auf die östliche Tunnelwand, sei sein Platz gewesen; das Material stand an der gegenüberliegenden Seite. Als Schweißer, als Metallarbeiter musste er schuften, zwölf Stunden am Tag. 

Er erlitt Unmenschliches, spricht von Misshandlungen, miserablem Essen und Hunger sowie Wachmannschaften, die brutal vorgingen. Wer zu langsam vorankam, wurde geschlagen. Einmal fehlten Schnapsflaschen und Brot. Ein junger Russe, „Georg“, habe die Schuld auf sich genommen, er habe „sich geopfert“ für die anderen, meint de Rijk. Er sah, wie ihn die Nazi-Schergen auf der Stelle auf einen Stuhl stellten und mit einem Genickschuss töteten.

De Rijk kam mit dem Leben davon. Doch er trug Narben davon, auf der Seele und am Körper. Er beugt sich in seinem Rollstuhl nach vorne, lupft ein Hosenbein, zeigt auf sein Schienbein und den Knöchel. Jene Stellen, auf die ein Wachmann einige Male mit einem Gewehrkolben eingeprügelt hatte. „Alles war kaputt.“ Beinahe hätte de Rijk in der Folge sein schwer verletztes, geschwollenes, entzündetes und eiterndes „Elefantenbein“ verloren. Nach Kriegsende, als der 1,84 Meter große Mann nach vielen Monaten ohne ausreichend Essen keine 50 Kilo mehr wog, sollte es in einem Krankenhaus in Frankreich amputiert werden. Letztlich rettete eine Penicillin-Behandlung den Unterschenkel. Doch die Probleme blieben ein Leben lang, bis heute – eine immer währende Erinnerung. Wie, ganz abgesehen von seinem Trauma und den Alpträumen, sollte Richard de Rijk also jemals vergessen?

Auch Eschenlohe hält die Erinnerung an das Schicksal der Zwangsarbeiter im Zweiten Weltkrieg wach. Seit 2012 steht auf Initiative des Vereins zur Erforschung und Erhaltung der Eschenloher Heimatgeschichte ein Gedenkstein beim neuen Friedhof an der Straße nach Höllenstein: für die vielen Menschen, die Unrecht in der Flugzeugteilefabrik erlitten hatten und für jene Dorfbewohner, die deren Not zu lindern versucht hatten. Als de Rijk von dem Nagelfluhstein erfuhr, wollte er genau dorthin.

Nun sitzt der alte Mann im Rollstuhl vor dem Denkmal, am früheren Standort des Zwangsarbeiter-Lagers. „Ich bin sehr froh, dass ich nach 72 Jahren hier sein kann“, sagt der Kriegsveteran, dessen Wunsch es war, einen Kranz niederzulegen „für die Kameraden in Eschenlohe und die Zwangsarbeiter in Deutschland allgemein“. Der 96-Jährige mit dem jungen Geist ist umringt von Familienangehörigen und Begleitern aus den Niederlanden, von Eschenlohern und Interessierten aus der Region. Selbst Peter Vermeij, Generalkonsul des Königreichs der Niederlande in München, ist vertreten. „Es gibt nicht mehr so viele Zwangsarbeiter aus dieser Periode“, erklärt Vermeij. „Wenn dann jemand mit 96 Jahren zum ersten Mal hierher kommt, ist das etwas Besonderes.“ Er schätze es sehr, dass de Rijk „diese Reise macht“.

Der Generalkonsul erlebt mit den anderen einen tief bewegenden und berührenden, aber auch ortshistorischen Moment. Mit Hilfe von Tochter Olga de Rijk und Eschenlohes Bürgermeister Anton Kölbl (CSU) stemmt sich de Rijk vor dem Denkmal kurz aus seinem Rollstuhl, setzt langsam und mit unendlicher Mühe einen Fuß vor den anderen, als es darum geht, den Kranz niederzulegen. Kölbl, der sich extra um die zeitweise Sperrung der Eschenloher Tunnel bemüht hat, um de Rijk einen Besuch in der südlichen Röhre zu ermöglichen, spricht von einem „bewegenden Tag“ und von einem „unwiederbringlichen Moment“. Er findet sensible Worte und zeigte Größe. Kölbl verschweigt in diesem Kreis nicht, dass er die Aufstellung des Denkmals aus diversen Gründen anfangs skeptisch gesehen hatte. „Viele Gespräche“ zerstreuten seine Bedenken. Am Montag bekennt Kölbl: „Ihr Besuch ist ein weiterer Beweis: Es war richtig, dieses Denkmal aufzustellen.“ Und Franziska Lobenhofer-Hirschbold, Vorsitzende des Geschichtsvereins, spricht die Frage aus, die wohl alle im Innersten umtreibt: „Welche Gefühle mögen Richard de Rijk am Ort seiner Unfreiheit bewegen?“

Die Antwort gibt Peter Vermeulen, der ein Buch über Utrechter Zwangsarbeiter schreibt, de Rijk von dem Stein in Eschenlohe überhaupt erst erzählt hatte und die Familie nun auch begleitet. Er trägt vor dem Denkmal Gedanken vor, die de Rijk zuvor formuliert hatte: „Der Stein bedeutet Wiedergutmachung und befreit mich von der Verbitterung, die ich viele Jahre in meinem Herzen getragen habe.“ Es handle sich für ihn um einen „wichtigen, ganz besonderen Tag. Nach 72 Jahren stehe ich wieder hier, stellvertretend für alle Zwangsarbeiter“. Er hoffe „für uns alle, dass solch eine schreckliche Zeit nie wiederkommt“. Es sei ein anderes Deutschland, „in das ich nun gekommen bin: eines, in dem Unrecht nicht vergessen wird“.

Gestern fuhr Richard de Rijk weiter: nach St. Margrethen in der Ostschweiz. Dorthin war der Niederländer auch kurz vor Kriegsende 1945, als die SS-Schergen verschwunden waren, gezogen: humpelnd, in Lumpen. Ein 96-Jähriger auf seinen eigenen Spuren also, auf einer Reise zu sich selbst. Ausgezogen, um seinen Frieden zu finden.

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